Für die Original-Epigonen von "Danish Dynamite" hat es in den 1980er-Jahren zu keinem Titel gereicht - obwohl der erfrischende Angriffsfußball unter dem Deutschen Sepp Piontek Europa und die Welt fasziniert hat. Am Ende kam irgendwann das böse Erwachen in Form eines Gegners, der den Angriffswirbel der Skandinavier zu stoppen wusste - und dieser Gegner hieß Spanien: 1984 im EM-Semifinale und 1986 im WM-Achtelfinale. Als sich dann die dänischen Urlauber 1992 unter Nationaltrainer Richard Möller Nielsen völlig überraschend zum EM-Titel kickten, war schon "Danish Dynamite" die Zweite am Werken - so verpasste etwa just Superstar Michael Laudrup den historischen Erfolg. Und jetzt sind es dessen Nach-Nach-Nachfolger in den zackigen weiß-roten Dressen, die neuerlich Geschichte für ihr Land schreiben können und erstmals seit fast 30 Jahren wieder in einem EM-Semifinale stehen. "Danish Dynamite", The Next Generation, fordert dabei am Mittwoch (21 Uhr) niemand Geringeren als das Mutterland des Fußballs England heraus, das noch dazu in dessen "Kathedrale des Fußballs" vor fast 70.000 Fans Heimvorteil genießt. Es gibt wahrlich leichtere Aufgaben im Fußball.

Allerdings erleben das, was die Elf von Kasper Hjulmand in den vergangenen drei Wochen durchgemacht hat, andere nicht einmal in einem ganzen Fußballerleben. Zuerst der schwarze Tag im Parken-Stadion, als Spielmacher Christian Eriksen auf dem Rasen um sein Leben rang; dann der umstrittene Wiederanpfiff mit nachfolgender Niederlage gegen Finnland. Schon schien nach der nächsten Pleite gegen Belgien die halbe Heim-EM gelaufen, als mit dem 4:1 über Russland nicht nur ein furioser Erfolgslauf gezündet wurde, sondern den Dänen damit auch die Herzen nahezu aller Sportbegeisterten des Erdballs zuflogen. Auf dieser Euphoriewelle surften die Dänen nach weiten Siegen über Wales (4:0) und Tschechien (2:1) also bis in die Vorschlussrunde, um dort, abgekämpft und müde nach dem weiten Trip nach Baku, aber ungebrochen optimistisch die defensiv noch unbefleckten Three Lions herauszufordern. Die ihrerseits schon im siebten Fußballhimmel schwelgen und das nahende Ende der titellosen Durststrecke - 55 Jahre dauernd - herbeisehnen. "Die Motivation für uns ist, dass wir die Zuschauer zum Schweigen bringen", meinte Dänen-Trainer Hjulmand im Stile eines staubtrockenen Nordländers.


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Die große Frage ist, ob der Funke noch ausreicht, um "Danish Dynamite" auch in Wembley zum Explodieren zu bringen, um damit gewiss kein Feuerwerk auf den Rängen zu entzünden, sondern vielmehr den ungeliebten Partycrasher zu mimen. Denn Simon Kjaer und Co. werden auch den zwölften Mann überwinden müssen - ein Riese bei 67.500 Menschen, die ausschließlich von der Insel kommen dürfen. Diese Hürde zu nehmen, nachdem man in Kopenhagen von den eigenen Fans nach vorne gepusht worden war, wird ein Kraftakt, der gegen kompakte Three Lions einzig im Kollektiv geschafft werden kann. Mit Kapitän Kjaer, Champions-League-Sieger Andreas Christensen und "Sechser" Thomas Delaney für die notwendige Stabilität sowie dem jungen Mikkel Damsgaard, Kasper Dolberg und Co. für die Torgefahr. Hjulmand glaubt an seine Truppe ("Sie müssen sehr, sehr gut sein, um uns zu schlagen") und beschwört den Geist der Vergangenheit, der freilich ein Jungspund ist: Dänemark gewann das bis dato letzte Aufeinandertreffen am 14. Oktober 2020 in der Nations League - 1:0 in Wembley, Elfertor Eriksen.

"Was für ein Moment!"

Allerdings konnten die Engländer in ihrem Viertelfinale in Rom - 4:0 über die Ukraine - schon Kräfte sparen, zudem rotierte Trainer Gareth Southgate dabei frische Offensivkräfte in die Mannschaft. Die einmalige Chance eines großen Finales zu Wembley wird zusätzlich alle Kräfte mobilisieren: "Die Möglichkeit, unseren Fans und unserer Nation Glück und großartige Nächte zu bescheren, ist eine ganz besondere", bekundete Southgate vor dem ersten EM-Semifinale seit 25 Jahren. "Für mich und einige der anderen erfahrenen Spieler ist das die letzte Gelegenheit, bei einem großen Turnier in Wembley zu spielen. Was für eine Möglichkeit! Was für ein Moment das sein wird!", schwärmte auch Englands Kapitän Harry Kane. Explosiv - im positiven Sinne - wird es am Mittwoch also jedenfalls.