Viele würden meinen, als sechsmaliger Weltfußballer hat man alles erreicht. Schaut man auf Vereinsebene, trifft das auf Lionel Messi definitiv zu: Viermal Champions League-Sieger, zehnfacher spanischer Meister und sieben Titel im spanischen Pokalwettbewerb Copa del Rey mit seinem Stammklub FC Barcelona. Außerdem diese rekordträchtigen sechs Ballon d’Or-Auszeichnungen, womit er gegenüber seinem ewigen Rivalen Cristiano Ronaldo um eine individuelle Trophäe die Nase vorne hat. Ronaldo hat allerdings etwas geschafft, was Messi noch fehlt: einen Titel mit der Nationalmannschaft.

Diesem rennt der Argentinier seit Jahren vergeblich hinterher. Dabei war er oft sehr knapp dran. Finalniederlagen in der Copa América 2007, 2015 und 2016, wobei vor allem letztere besonders schmerzhaft in Messis Erinnerung verweilen sollte. Als erster Schütze schoss er seinen Strafstoß im entscheidenden Elfmeterschießen über das Tor, Chile setzte sich ein zweites Mal in Folge die Krone auf, nachdem sie bereits im Jahr davor das bessere Ende im Shootout vom Punkt für sich hatten. 2014 unterlag Argentinien im Finale der Weltmeisterschaft in Brasilien Deutschland nach Verlängerung 0:1, was die dreijährige Serie an Finalniederlagen für "La Albiceleste" einläutete. Was die meisten vergessen: Einen Titel hat Messi im Nationaldress schon geholt. Bei den Olympischen Spielen 2008 konnte er sich gegen Nigeria im Finalspiel die Goldmedaille umhängen lassen. Den Titel feierte er damals allerdings mit der U21-Auswahl, und ihm wird nicht allzu viel Bedeutung geschenkt.

Landet Lionel Messi wie 2016 am Boden . . . - © afp / Nicholas Kamm
Landet Lionel Messi wie 2016 am Boden . . . - © afp / Nicholas Kamm

Messis Verhältnis zur Nationalmannschaft war nicht immer einfach. Nach der dritten Finalpleite in drei Jahren gab er direkt nach dem Spiel gegen Chile seinen Rücktritt vom internationalen Fußball bekannt. "Für mich ist es im Nationalteam vorbei. Ich habe alles getan, was ich konnte und es tut einfach weh, kein Sieger zu sein", sagte "der Floh", wie er in der Heimat genannt wird, konsterniert und ratlos. Nur zwei Monate später folgte der Rücktritt vom Rücktritt. Seine damalige Entscheidung habe er aus Frust und Affekt getroffen, die Liebe zur Nationalmannschaft habe dann aber doch überwogen. Dass es wohl der schwierigste Moment in Messis erfolgreiche Karriere war, bestätigte sein Mitspieler und bester Kumpel Sergio Agüero: "Leider war es Leo, der am meisten gelitten hat. Ich habe ihn noch nie so zerstört gesehen".

. . . oder kann er mit seinen Kollegen feiern? - © afp/ Sophie Chauveau
. . . oder kann er mit seinen Kollegen feiern? - © afp/ Sophie Chauveau

Duell gegen alten Bekannten

Fünf Jahre sind seitdem inzwischen vergangen. 2019 nahm Messi an einer weiteren Copa América teil. Im Halbfinale scheiterte Argentinien am Gastgeber und späterem Sieger Brasilien. Im Spiel um Platz drei, ausgerechnet gegen Chile, sah Messi die zweite rote Karte seiner Karriere. Der diesjährigen Ausgabe des Turniers drückt der Weltstar bisher seinen Stempel auf. Bei neun der elf geschossenen Tore hatte Messi direkt seine Füße im Spiel, viermal als Torschütze und fünfmal als Vorlagengeber. Auch im Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Kolumbien, in dem sich Argentinien mit 3:2 durchsetzte, traf er sicher. Die letzte Hürde könnte mit Brasilien nicht brisanter sein: Der Gastgeber ist nicht nur der große Rivale Argentiniens, sondern mit Neymar trifft Messi auf seinen alten kongenialen Partner in Barcelona und guten Freund.

Nachdem sich Argentinien im Vorfeld der Copa als Veranstalter aufgrund zu hoher Coronazahlen zurückgezogen hat, trägt Brasilien den Bewerb ein zweites Mal in Folge auf heimischem Boden aus. Im legendären Maracana-Stadion könnte die Herausforderung in der Nacht von Samstag auf Sonntag (2 Uhr MESZ live auf Sportdigital) für Messi und Argentinien also kaum größer sein. Umso höher wäre dieser erste große Titel einzuordnen. Nach der Copa wird es um den Rekordmann nicht unbedingt ruhiger werden: Nach Ablauf seines Vertrags in Barcelona steht er zurzeit ohne Verein da. Ob Messi verlängert oder einen neuen Lebensabschnitt einschlägt, ist offen und kann mit viel Spannung abgewartet werden. Unabhängig davon, drücken ihm im Finale wohl viele die Daumen.