Irgendwie war die Szene befremdlich, irgendwie eine völlig unpassende Herzlichkeit, die just vor der größtmöglichen Nervenprobe im Fußball in der ersten Semifinalnacht von London plötzlich an den Tag getreten ist. Und - Achtung Klischee! - bei einem Italiener weiß man natürlich nie so recht, ob das vom Herzen kam oder eine Art schleimige Schlitzohrigkeit war, mit der Azzurri-Kapitän Georgio Chiellini sein spanisches Gegenüber Jordi Alba beim Penalty-Münzwurf nach 120 kräfteraubenden Minuten zu vereinnahmen versuchte.

Jedenfalls scherzte Chiellini, schubste den Spanier freundschaftlich, rief "Lügner, Lügner!" und verpasste Alba noch einen zärtlichen Faustschlag auf die Wange - und am Ende wusste offenbar keiner mehr so recht (Schiri Felix Brych inklusive), ob nun das Elferschießen vor dem italienischen oder spanischen Tor stattfinden sollte.

Am Ende setzte sich Chiellini mit seiner Taktik durch, gewann dann auch noch den Münzwurf für den ersten Elfer, womit der erhoffte psychologische Vorteil schon erzielt war. Während der Barcelona-Profi leicht indigniert versuchte, wieder zurück in die mentale Spur zu finden. Dass darob die Spanier letztlich das Elfmeterschießen mit 2:4 verloren, würde natürlich niemand, der halbwegs etwas von Fußball versteht, behaupten - dennoch war die Szene bezeichnend für die Italiener bei dieser EM. Das Dolce Vita, der Spaß an der Fußballfreude, ist bei der Endrunde das prägende Element der Squadra Azzurra. Da kann man sich noch so sehr abmühen wie gegen die Iberer, musste phasenweise sogar ins alte Catenaccio-System zurückkehren, um am Ende froh zu sein, es überhaupt in die Penaltyentscheidung geschafft zu haben - Zeit für einen Schuss Fröhlichkeit in einer mitunter sehr hart geführten Partie bleibt dann immer noch. Als Belohnung steht für den viermaligen Weltmeister das Endspiel am Sonntag in Wembley - und damit die Chance, nach zwei Finalniederlagen (2000/2012) den EM-Titel von 1968 zu wiederholen. Titelverdächtig waren die Schlagzeilen der italienischen Gazetten bereits am Mittwoch: "Ein azurblaues Märchen ohne Ende. Die magischen Nächte gehen weiter", schrieb etwa die "Gazzetta dello Sport". Und der "Corriere dello Sport" sekundierte: "Der Traum geht weiter. Das Finale gehört uns, erobert im Elfmeterschießen, mit einer weiteren großen Heldentat, einem Spiel der Leiden und des Herzens."

Tatsächlich war am Dienstagabend viel Leiden dabei, denn ohne den schwer verletzten stürmischen Verteidiger Leonardo Spinazzola lief im Offensivspiel (ähnlich wie nach der Pause gegen Österreich) wenig zusammen - die Spanier hatten mitunter 70 Prozent Ballbesitz (und die besseren Chancen). Mit einer Energieleistung rettete sich Roberto Mancinis Elf trotz des Führungstores durch Federico Chiesa (60.) nach einem schnell gespielten Konter in die Verlängerung. Alvaro Morata (80.) traf verdientermaßen für Spanien, wobei dabei eine Schwäche zutage trat, die es bei italienischen Abwehrikonen wie Giuseppe Bergomi oder Franco Baresi nie gegeben hätte: Sechs Azurblaue wurde von zwei Spaniern per simplen Doppelpass einfach ausgespielt.

Allerdings hatten die Azzurri ja noch Goalie Gianluigi Donnarumma, der im Shoot-Out den Elfer von Morata parierte, und Jorginho, der sich von Spaniens Torwart-Hampelmann Unai Simon nicht aus der Fassung bringen ließ und seelenruhig zum 4:2-Endstand einrollte. "Wir haben gelitten, aber wir haben es nach Hause gebracht. Wir haben immer an uns geglaubt und lassen uns nicht in die Enge treiben", sagte der gebürtige Brasilianer nach seinem Kunst-Elfer. Jorginho könnte wie Linksverteidiger Emerson nach dem Champions-League-Titel mit Chelsea nun auch den EM-Titel holen.

"Härteste Partie des Lebens"

Ähnlich drastisch sah es Leonardo Bonucci, der wie Chiellini im EM-Finale 2012 den Spaniern noch 0:4 unterlegen war. "Das war die härteste Partie, die ich jemals gespielt habe", meinte der 34-Jährige, der sich - so wie gegen die Österreicher - als fairer Sieger zeigte: "Ich gratuliere Spanien! Aber neuerlich hat Italien Herz gezeigt, Entschlossenheit und den Willen, schwierige Momente zu überstehen." Auch Coach Mancini musste zugeben, dass diesmal eine Portion Glück notwendig war, zumal das Pressing gegen die ballsicheren Spanier nicht greifen konnte. Auf die Bemerkung, sein Team habe vor allem dank alter defensiver Tugenden gewonnen, reagierte Mancini aber unwirsch. "Mir gefallen diese Vereinfachungen nicht. Ein Fußballspiel besteht nie nur aus Verteidigen oder nur aus Angreifen. Es braucht immer beides", sagte er. Womit man sich schon auf ein Italien im Finale mit Offensiv-Tugenden freuen darf.