Es hatte etwas Bezeichnendes, als Kasper Schmeichel unmittelbar nach Schlusspfiff des Halbfinales England gegen Dänemark, das seine Mannschaft mit 1:2 nach Verlängerung gegen die Three Lions verloren hatte, zu seinen auf dem Boden liegenden Mitspielern ging, diese tröstete und aufzurichten versuchte - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn eigentlich war er es, der auf dem Rasen des Wembley-Stadions hätte liegen können, schließlich war er so etwas wie der tragische Held der Dänen.

Im für sie letzten Spiel dieser langen und emotionalen Reise durch das Turnier, die mit dem Herzstillstand Christian Eriksens begonnen hatte, waren dem "Danish Dynamite" Sprengstoff und Kraft ausgegangen, nur in der ersten Hälfte, als man durch Mikkel Damsgaard sogar in Führung gegangen war, konnte man die Engländer tatsächlich fordern. Nach dem Eigentor von Simon Kjaer aber hatten die Briten das Kommando übernommen - und doch immer wieder in Schmeichel ihren Meister gefunden.


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Erst in der 104. Minute war der Tormann der Dänen geschlagen - und das nach einem Elfmeter von Harry Kane. Dass der Pfiff äußerst umstritten war, dass Schmeichel offenbar davor gelaserpointert worden war, dass er den Schuss zunächst abgewehrt hatte und erst beim Nachsetzen Kanes trotz Antizipation des Eckes letztlich machtlos war, war Gegenstand hitziger Diskussionen noch am Tag danach. Schmeichel aber hielt sich mit öffentlichen Aussagen dazu zurück.

Den Elfer von Harry Kane kann Schmeichel zunächst parieren, ehe er beim Nachschuss machtlos ist. 
- © reuters / Catherine Ivill

Den Elfer von Harry Kane kann Schmeichel zunächst parieren, ehe er beim Nachschuss machtlos ist.

- © reuters / Catherine Ivill

Zu aufregend war das Match ohnehin gewesen: Raheem Sterling, Harry Maguire per Kopf und etliche andere - es würde den Rahmen sprengen, die Chancen aufzuzählen, die England hatte und die er mit schier unglaublichen Paraden vereitelte.

Doch es waren nicht nur diese, die den 34-Jährigen in diesem Spiel, bei dieser EM und ganz generell so wertvoll für die Nationalmannschaft seines Heimatlandes machten. Schon als Kasper Schmeichel sein Debüt in der englischen Premier League gegeben hat, 2007 war das für Manchester City, sagte Peter Schmeichel, sein Vater also: "Es geht um Kommunikation, Antizipation, Konzentration und Vertrauen."

Schon Vater Peter war eine Legende. - © afp / Valery Hache
Schon Vater Peter war eine Legende. - © afp / Valery Hache

Und der muss es ja wissen. Er galt einst als Ikone von Manchester United, als einer der weltbesten Torhüter - und er führte Dänemark 1992 zu einem der unwahrscheinlichsten EM-Triumphe aller Zeiten.

Lehrjahre im Unterhaus

Viel gesprochen habe man in der Familie nicht darüber, erzählte Kasper Schmeichel am Rande der aktuellen Euro. "Jedes Kind in Dänemark weiß um die Legende Bescheid."

Und für ihn selbst war das Leben mit Fußball ohnehin normal. In Kopenhagen geboren, verbrachte er prägende Erlebnisse mit seinem Vater auf Englands Fußballplätzen, wo er auch den Großteil seiner Karriere absolvierte. Dass diese Kraft seines Namens von vornherein steil bergauf gegangen wäre, könnte man indessen nicht behaupten. Nach einem Probetraining bei Manchester City, ausgerechnet dem Lokalrivalen von United, wird der junge Schmeichel, damals noch ein eher schmächtiger, pausbäckiger Bub, zwar verpflichtet, aber immer wieder an niederklassige Vereine verliehen.

Kasper Schmeichel 2012. - © afp / Bjarke Bo Olsen
Kasper Schmeichel 2012. - © afp / Bjarke Bo Olsen

2010 geht er zu Leeds, nach einer Saison wird er - wiewohl Publikumsliebling - nicht mehr gebraucht und wechselt zu Leicester City. Ein Glücksfall, wie sich herausstellen sollte - für den Tormann wie auch für die Foxes, die mit ihm den Durchmarsch in die Premier League und schließlich zum Titelgewinn 2016 schaffen.

Für Dänemark ist Schmeichel Stammgoalie bei der WM 2018 - Abwerbungsversuche des englischen Verbandes ist er stets hartnäckig widerstanden -, führt die Mannschaft 2018 ins Viertelfinale, wehrt dort im Spiel einen Elfmeter von Superstar Luka Modric ab und muss sich dem späteren Vizeweltmeister dennoch im darauffolgenden Penaltyschießen geschlagen geben. Auch damals war er so etwas wie der tragische Held.