"Football is coming home", schallte es mit ohrenbetäubendem Lärm von den Rängen, das Wembley-Stadion war außer sich, Premier Boris Johnson war es auch - und nur Prinz William noch um die royale Contenance bemüht. Spätestens als Harry Kane in der 104. Minute des EM-Halbfinales zwischen England und Dänemark per Elfmeternachschuss das 2:1 für die Gastgeber erzielte (1:1 nach 90 Minuten), war die Party nicht mehr aufzuhalten, die auf den Straßen Londons bis spät in die Nacht dauern sollte.

Dass dieser Strafstoß, herausgeholt von Raheem Sterling nach einer leichten Berührung, äußerst umstritten war, dass Dänemarks Goalie Kasper Schmeichel, der ansonsten eine famose Partie spielte, zudem offenbar von Laserpointern angestrahlt worden und das Spiel somit auch abseits der Pfiffe während der dänischen Hymne von Misstönen begleitet war, was die Uefa ein Verfahren einleiten ließ, war ein Wermutstropfen, den die Fans mit reichlich Bier erfolgreich hinunterspülten.


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Boris Johnson war es auch. - © afp / Justin Tallis
Boris Johnson war es auch. - © afp / Justin Tallis

20 Festnahmen hatte die Polizei am Tag danach verzeichnet, vorwiegend wegen Körperverletzung, Störung der öffentlichen Ordnung und Angriffen gegen die Behörden. Verstöße gegen die Corona-Verordnungen wurden aber keine vermeldet - obwohl zahlreiche Fernsehbilder zwar Menschenhorden, aber kaum Masken und Abstand einfingen.

Während die Herzen jedes England-Fans höherschlugen, dürften Epidemiologen die ihren in die Hose gerutscht sein. Schließlich wurde ausgerechnet am Tag nach dem Halbfinale eine neuerliche Studie veröffentlicht, die einen Zusammenhang einer neuerlichen Ausbreitung des Coronavirus durch die EM suggerieren.

Kane warnt: "Wir haben noch nichts gewonnen"

Für Englands Teamchef Gareth Southgate spielte das alles an jenem Abend keine Rolle. "Ich habe das Wembley-Stadion noch nie so erlebt. Das alles mit den Fans hier und zu Hause zu teilen, ist etwas sehr Besonderes", sagte Southgate, für den es auch so etwas wie eine persönliche Wiedergutmachung ist. Als England 1996 im Halbfinale gegen Deutschland ausgeschieden war, hatte er den entscheidenden Elfmeter vergeben.

Prinz William bewahrte die Contenance. - © afp / C. Ivill
Prinz William bewahrte die Contenance. - © afp / C. Ivill

Diesmal bewahrte seine junge Auswahl die Nerven. Kane, in der Vorrunde noch torlos, wuchs im Laufe des Turniers immer mehr in die Führungsrolle hinein und hält bei mittlerweile vier Treffern - einer noch, und er würde Cristiano Ronaldo einholen. Die Entscheidung, Sterling eine Chance zu geben, obwohl er bei seinem Klub Manchester City nicht mehr immer erste Wahl war, erwies sich als goldrichtig. Zudem verfügt England nun in Jordan Pickford über einen sicheren Rückhalt als Tormann, wie dies auch nicht immer der Fall war.

Das alles schürt die Zuversicht der Engländer, auch im Finale gegen Italien am Sonntag (21 Uhr) reüssieren zu können - obwohl die Azzurri mit wenigen Ausnahmen bisher überzeugt und auch einen Tag mehr Pause haben. "Wir haben die Fortschritte verfolgt, die sie in den vergangenen Jahren gemacht haben. Sie spielen mit sehr viel Energie, es ist schwer, gegen sie zu treffen", sagte Southgate, betonte aber auch: "Es ist der größte Test, den wir haben könnten, aber eine wundervolle Gelegenheit."

"Was für eine Chance, ein EM-Finale zu Hause zu haben", meinte auch Kane, der mit seinem zehnten Tor bei einem großen Turnier nun mit Englands Rekordhalter Gary Lineker gleichzog.

"Es ist einer der besten Momente meines Lebens, aber wir haben noch nichts gewonnen. Wir haben noch ein Spiel vor uns."

Es könnte das größte seiner Karriere überhaupt und eines der größten in der Geschichte des englischen Fußballs werden. Noch nie hat England den EM-Titel geholt, noch immer hängt man den Erinnerungen an 1966 nach, als das Land sich im Wembley-Stadion zum Weltmeister krönte.

Nun könnte an gleicher Stelle wieder englische Fußballgeschichte geschrieben werden. Und bis dahin hat sich vielleicht auch Boris Johnson wieder beruhigt.