Man stelle sich vor, die Geschichte geht so aus: Ein Engländer greift sich am Sonntagabend den Ball, schreitet zum Elfmeterpunkt - und während eine Nation, nein, der halbe Erdball, den Atem anhält, fliegt die Kugel ins Netz - England siegt im Elfmeterschießen gegen Italien und ist neuer Europameister. Ausgerechnet England. Im Elfmeterschießen! In Wembley. Es wäre dies womöglich die größte Heldengeschichte, die der Fußball jemals geschrieben hat - eine Mischung aus Ruhm, Kitsch und Katharsis, die sonst bestenfalls zum Dreigroschenroman taugt. Zu schön, um wahr zu sein. Denn wenn es eine Konstante in den vergangenen 55 Jahren gegeben hat, dann jene, dass das Mutterland des Fußballs seit dem Heim-WM-Titel 1966 keine großen Titel mit der Nationalmannschaft einfahren kann, sich vielmehr auf internationaler Ebene zu blamieren pflegt - a) im Elfmeterschießen, b) mit haarsträubenden Torwart-Patzern und c) ganz einfach schlechten Leistungen. Dass der "Fußball" respektive eine große Trophäe je wieder auf die Insel "heimkommen" würde, war über die Jahre irgendwie denkunmöglich geworden.

Und es wäre dies das große Verdienst eines Mannes, der ebendiese englische Misere mitgeschrieben hat: Three-Lions-Coach Gareth Southgate mutierte vor 25 Jahren, bei der Heim-EM 1996, im Halbfinale gegen Deutschland zu einem Häufchen Elend, als er den entscheidenden Penalty versemmelte. Ein Fehlschuss, der ihn ein Leben lang begleitete, aber auch lernen ließ. Dass just unter Southgate der englische Elferfluch bei der WM 2018 gegen Kolumbien überwunden werden konnte, war mit sein Verdienst, weil er die Spieler psychologisch auf diesen Nerven-Härtetest gezielt vorbereitet hatte. Zumal Southgate sein Scheitern 1996 nicht auf einen Fluch, sondern schlicht schlechte Vorbereitung zurückgeführt hatte. Und kein Zufall ist auch, dass unter Führung des 50-jährigen Ex-Innenverteidigers im EM-Achtelfinale der erste Sieg über Deutschland in einem K.o.-Spiel seit 1966 gelang - mit untypisch britischer defensiver Organisiertheit.

Mega-Party oder Wembleyazo?

Doch auch die Italiener hoffen auf Katharsis: Leonardo Bonucci (r.) erlebte das Final-Debakel gegen Spanien 2012 hautnah mit. 
- © picturedesk / GES-Sportfoto / dpa Picture Alliance

Doch auch die Italiener hoffen auf Katharsis: Leonardo Bonucci (r.) erlebte das Final-Debakel gegen Spanien 2012 hautnah mit.

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Angetrieben von den Geistern der Vergangenheit formte der (wie jeder englische Teamchef) nicht unumstrittene Southgate eine Erfolgself nach seinen Vorstellungen, mitunter auch getrieben von ballestrischer Bessesenheit. Oder wie jüngst Sturm-Legende Alan Shearer mahnte: "Gareth, du musst dich bei uns nicht für die EM 1996 entschuldigen. Lass los. Wir sind so stolz auf dich."

In der Tat kann man Southgate nur raten, am Sonntag (21 Uhr/ORF1, ZDF) vor Anpfiff die Last der Geschichte, die Träume und Traumata, schlicht die ganzen Emotionen wegzulassen - sie sind Heimmannschaften zuletzt gar nicht gut bekommen. Muss man die Brasilianer erwähnen, die 2014 aufgezuckert und im Glauben, die epochale Final-Schmach von 1950 tilgen zu müssen ("Maracanazo"), gegen Deutschland in ein 1:7-Debakel gerannt sind? Auch Frankreich 2016 und Portugal 2004 sind, den Pokal vor Augen, regelrecht gehemmt gewesen durch die Last des eigenen Publikums und seinen auf die Spieler projizierten Sehnsüchten. Und diesmal werden es gut 60.000 (der 65.000 Fans) sein, die mit dem Georgskreuz auf der Brust und dem "God Save the Queen" auf den Lippen die eigene Mannschaft zum Titel schreien wollen. Unvorstellbar, was bei einem "Wembleyazo" passieren würde - würde wirklich der Stolz über den geschafften Finaleinzug überwiegen oder die Fußballnation in ein neues Tal aus Tränen, wieder für 55 Jahre, stürzen?

Alles ist möglich im Fußball. Nur eines ist gewiss. Die Weltöffentlichkeit erlebt am Sonntag wahrscheinlich eines der emotionalsten Endspiele aller Zeiten - egal, wie es ausgeht. Gewinnen die Löwen, gibt es in England die größte Party aller Zeiten, zig Millionen flennen vor Freude - und am Stiefel eben zig Millionen aus Enttäuschung. Gewinnen die Azzurri, ist es genau umgekehrt. Denn rennen die Engländer dem ersten Titel seit 55 Jahren und dem ersten EM-Titel überhaupt hinterher, sind die ohnedies nah am Wasser gebauten Italiener, die sich seit jeher als die besten Kicker des Kontinents verstehen, zuletzt auch von einer Pleite in die andere gestolpert: letzter WM-Titel 2006, letzter EM-Sieg 1968 - dazu die bitteren Finalniederlagen 2000 (gegen Frankreich) und 2012 (Spanien) sowie der absolute Tiefpunkt in Form der Zuschauerrolle bei der WM 2018. Auch Roberto Mancini, der in dieser Krise übernahm, musste mit der Squadra zurück an den Start, jeden Stein umdrehen, um vielleicht ebendiesen der Weisheit zu finden, der weg vom althergebrachten Defensivkonzept führte, hin zu einem modernen, mitunter überfallsartigen Offensivkonzept, der die Azzurri zur möglicherweise derzeit besten Elf der Welt werden ließ. 33 Matches in Folge ungeschlagen - womit es hier wie da jedenfalls einen würdigen Europameister geben wird.

Ein Duell auf Augenhöhe

Einen Favoriten gibt es indes nicht, kann es nicht geben, angesichts der Hochklassigkeit beider Teams. Die Engländer haben im gesamten Turnierverlauf erst einen Treffer kassiert (und zwar gegen Dänemark aus einem umstritten ausgeführten Freistoß), hatten zwar einen Tag kürzer Pause, haben dafür eine Verlängerung weniger und nur eine Städtereise weg von London in den Beinen. Entscheidet in der kräfteraubendsten Fußballsaison aller Zeiten die Frische, liegt der Ball bei den Three Lions. Ist es die Drucksituation, haben die Italiener die Nase vorne, zumal mit der aufgepeppten No-Name-Truppe vor der Euro kaum wer im Finale gerechnet hatte. Punkto Taktik sind beide auf Augenhöhe - wobei spannend zu beobachten wäre, wie die bisher nie in Rückstand geratenen Italiener eine englische Führung erwidern. Einzelkönner, die das Finale zu entscheiden vermögen, haben beide wiederum zur Genüge in ihren Reihen: Raheem Sterling, Harry Kane, Phil Foden hier, Lorenzo Insigne, Giro Immobile, Federico Chiesa da.

Die Sache mit dem Löffelchen

Was die bisherigen Begegnungen bei Endrunden betrifft, sind wiederum die Italiener klar im Vorteil. Alle vier Spiele wurden bisher gewonnen - zum letzten Mal im Viertelfinale der Euro 2012. Nach der Nullnummer setzte es im Elfmeterschießen ein 4:2, wobei Andrea Pirlo per Panenka-Elfer (die Italiener sagen: Cucchiaio, also Löffelchen) Keeper Joe Hart auch noch demütigte. Eine gute Gelegenheit für die Briten also, auch hier Tabula rasa zu machen, vergessen hat man die Szene gewiss nicht. Mit dem Fußball heimkommen und heimzahlen also auch noch.

Doch wie gesagt, blanke Emotionen tun einem Finalspiel nicht gut. Das scheinen beide Trainer auch zu wissen, insbesondere Southgate wurde die landesweite, vorauseilende Euphorie schon etwas unheimlich: "Wir dürfen uns freuen, dass wir im Finale stehen. Aber es gibt noch eine riesige Hürde zu nehmen", mahnte er. Eine Hürde, die nicht nur Italien heißt. So meldete sich nun just auch Sir Geoff Hurst (79) zu Wort, der Dreifachtorschütze des Endspiels 1966. "Ich verstehe mehr als irgendjemand, wie wichtig der Erfolg unseres Nationalteams für die Mannschaft und für das Land ist. Die Freude, die WM im eigenen Land gewonnen zu haben, hält für ewig an." Ewiger Ruhm oder ewige Verdammnis - der Stoff, aus dem normalerweise Tragödien sind.