Der London Borough of Brent mit seinen Bezirken Wembley Park und Wembley im Nordwesten der Stadt ist das, was man ein Multi-Kulti-Viertel nennt. Einer Minderheit von 46 Prozent Weißen steht hier mittlerweile ein bunter Mix aus Asiaten, Schwarzen und Chinesen gegenüber. So gesehen ist der Standort des Wembley-Stadions, das am Sonntag Schauplatz des EM-Endspiels zwischen England und Italien sein und den Stadtteil in ein Meer weiß-roter Farben hüllen wird, nicht so schlecht gewählt, galt doch die berühmte Arena nicht nur in sportlicher Hinsicht seit jeher als Schmelztiegel der Kulturen und Nationen. Das heißt, genau genommen das, was bis vor 20 Jahren davon noch zu sehen war.

Denn historisch erinnert das neue, rund 90.000 Sitzplätze fassende Fußballstadion, das sich seit 2007 über den Häuserschluchten von Brent erhebt, heute kaum noch an die gesellschaftliche und sportliche Glanzzeit, welche dem "Wembley" erst den berühmten, bis heute vertrauten Klang gegeben hat. Bis hier zu Beginn der Jahrtausendwende die ersten Bagger auffuhren, prägten die Fassaden, Türme und Zuschauerränge des 1923 errichteten, so genannten British Empire Exhibition Stadiums mit den markanten Twin Towers, später Old Wembley genannt, das Stadtbild. Bereits drei Tage nach der Eröffnung wurde am 28. Mai 1923 mit dem FA-Cup-Finale zwischen den Bolton Wanderers und West Ham United das erste Fußball-Pflichtspiel (unter Anwesenheit von König Georg V.) ausgetragen. Nur geriet das Endspiel, nachdem die für "nur" 127.000 Fans ausgelegten Ränge mit mehr als doppelt so viel Menschen überlaufen waren, fast zur Katastrophe.

Um die bis über den Spielfeldrand flutenden Massen zurückzudrängen, musste entlang der Out-Linie ein Kordon aus Polizisten gebildet werden. Dabei kam es, wie das "Wiener Sporttagblatt" berichtete, zu unerhörten Szenen. So wurde unter anderem einem Beamten der Helm vom Kopf geschlagen und später von siegestrunkenen Fans zum "Bierpokal" umfunktioniert. Der Druck der Massen war derart hoch, sodass die berittene Polizei vergeblich zu Hilfe gerufen wurde. Eine Fotoaufnahme, die den überforderten Beamten George Scorey auf seinem Schimmel Billy inmitten der Menschenmenge zeigt, ging um die Welt - und das Spiel in der Folge als "White Horse Final" in die Geschichte ein. Heute erinnert noch die "White Horse Bridge" in Wembley an dieses Ereignis. Dass die Partie mit 45-minütiger Verspätung angepfiffen werden konnte - Bolton siegte mit 2:0 - tat der Stimmung keinen Abbruch, löste aber im britischen Parlament eine heftige Debatte über Sicherheitsmaßnahmen und Zugangsbeschränkungen aus.

Koloniales und Olympisches

Weitaus gesitteter ging es dafür bei der nachfolgenden Veranstaltung, zu deren Zweck das British Empire Exhibition Stadium eigentlich errichtet worden war, zu. Was man damals in den Straßen von Brent noch an Multi-Kulti suchen musste, fanden Besucher anlässlich der Eröffnung der British Empire Exhibition am 23. April 1924 durch den englischen König Georg V. im Umfeld der Arena vor - eine gigantische, alle 58 Länder des britischen Weltreichs (bis auf Gambia und Gibraltar) repräsentierende Kolonialausstellung, die mit 27 Millionen Gästen (und Kosten in der Höhe von 12 Millionen Pfund) damals alles in den Schatten stellte, was die Welt gesehen hatte. Viel blieb von den Gebäuden allerdings nicht übrig, lediglich der Stahlpalast der Technik und der Pavillon der Regierung sollten bis in die 1970er Jahre bestehen bleiben.

Im Schatten der rostenden Stahlkuppeln mutierte das Wembley-Gelände in der Folge zunehmend zu der Sport- und Veranstaltungsstätte des Vereinigten Königreichs. Neben nationalen und internationalen Fußballspielen fanden auf dem 1934 erweiterten und modernisierten Areal bald auch mehrtägige Sportturniere wie die British Empire Games oder Olympische Spiele statt. Eigentlich hätten ja die Sommerspiele, die noch im Juni 1939, also wenige Wochen vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs an London vergeben worden waren, Mitte 1944 in Wembley stattfinden sollen, wurden auf 1948 verschoben.

Nachdem die Wembley-Arena wie durch ein Wunder ohne Bombentreffer blieb - zuletzt wurde 2015 wenige hundert Meter vom Oval entfernt ein Blindgänger entdeckt -, stand der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele am 29. Juli 1948, die aufgrund der nachkriegsbedingten Mangelverwaltung als "Spiele der Entbehrung" in die Sportannalen eingingen, nichts mehr im Wege. Ein Olympisches Dorf existierte nicht. Viele Athleten übernachteten in Kasernen, Baracken und Jugendherbergen, zudem mussten sie ihre Lebensmittel mitbringen. Während die Kriegsverlierer Deutschland und Japan von einer Teilnahme ausgeschlossen waren, reiste Österreich gleich mit einer 147-köpfigen Delegation nach Wembley und holte mit einmal Gold und drei Mal Bronze eines der besten Olympia-Resultate.

Wembley-Toni, Wembley-Tor

Fragt man nun (heimische) Sportfans nach ihren Assoziationen zu Wembley, so werden hier vor allem zwei Ereignisse genannt: Der sensationelle 3:2-Sieg des österreichischen Nationalteams über England am 20. Oktober 1965, als sich der Rapidler Toni Fritsch mit zwei Treffern unsterblich machte und in der Folge mit dem Beinamen "Wembley-Toni" gerufen wurde. Allein eine Rückkehr nach Wembley im Jahr darauf blieb den Kickern, nachdem sie das erste Mal in der Geschichte des Teams eine WM-Qualifikation verpasst hatten, verwehrt. Das zweite Großereignis in Wembley, das WM-Endspiel zwischen Deutschland und England am 30. Juli 1966 geriet aber auch ohne jede rot-weiß-rote Beteiligung hierzulande zum viel diskutierten Großereignis. Bis heute scheiden sich in der Frage, ob der Ball bei von Geoff Hursts Treffer zum 3:2 die Torlinie übersprungen hat oder nicht, noch immer die Geister.

Doch es gab noch viele andere historische Glanzpunkte, die ein weltweites Millionenpublikum fesselten: Etwa das Live-Aid-Konzert für Afrika 1985 oder die EM 1996, als Deutschland Tschechien im Finale 2:1 schlug. Sechs Jahre später war mit dem Auffahren der Abrissbirnen das good Old Wembley Geschichte - von Pele einst als "Kathedrale des Fußballs bezeichnet. Heute thront an dem Platz, wo einst so oft Geschichte geschrieben wurde, ein neuer, durch einen 133 Meter hohen Bogen gezierter Stadion-Koloss. Die Zeit des Empires ist hier endgültig vorbei, lediglich Multi-Kulti ist geblieben.