Das mit der Trauerarbeit ist so eine Sache. Jeder trauert anders und individuell, und doch kann es auch ein kollektives Erlebnis sein. Im Fall Englands ist es eben beides. Die Nation, die seit 55 Jahren, seit dem WM-Titel 1966 im eigenen Land also, auf einen großen Coup gewartet, diesen nach einem starken Turnier - abermals - im heimischen Wembley-Stadion erwartet und der Mannschaft von Gareth Southgate damit immensen Druck aufgeladen hatte, stürzte nach dem mit 2:3 verlorenen Elfmeterschießen gegen Italien (1:1 n.V.) gemeinsam in ein Tal aus Tränen - doch jeder ging anders damit um. Und manche verwechselten Trauer offenbar mit blankem Hass, mit Zerstörungswut und Rassismus.

Während die einen die Three Lions, die junge Mannschaft Southgates, für das Erreichte als Helden feierte, entlud sich bei anderen der Frust in Form von Ausschreitungen auf den Straßen sowie rassistischen Auswürfen im Internet. Nachdem Marcus Rashford, Jadon Sancho und - als letzter Schütze - Bukayo Saka ihre Elfmeter verschossen beziehungsweise ihren Meister im später zum Spieler des Turniers gekürten italienischen Tormann Gianluigi Donnarumma gefunden hatten, wurde vor allem der erst 19-jährige Saka auf den nur dem Namen nach sozialen Medien übelst beschimpft. Die Polizei hat bereits angekündigt, die Vorfälle zu untersuchen, der englische Verband klar gestellt, dass man solche Anhänger nicht dulden würde und Premier Boris Johnson den Verantwortlichen via Twitter nahegelegt, "sich zu schämen". "Dieses England-Team verdient es, als Helden verehrt zu werden und nicht rassistisch beschimpft zu werden."

Southgates persönliches Drama

Rassismus ist kein neues Phänomen im englischen Fußball. Im Soge der von den USA ausgehenden Black-lives-matter-Bewegung nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd vor mehr als einem Jahr hatten sich zahlreiche Sportler solidarisch mit Opfern von Diskriminierung erklärt, Maßnahmen gefordert und waren als äußeres Zeichen während der Hymnen auf die Knie gegangen. Dass die Auswüchse just bei Englands bestem Turnier seit langem erneut wuchern, ist insofern in negativer Weise bemerkenswert.

Southgate nahm jedenfalls die Verantwortung für die (letztlich so oder so verdiente) Niederlage auf sich. "Es liegt an mir. Die Schützen waren meine Entscheidung", sagte er. Eine Entscheidung, für die es in England aufgrund der späten Aus- beziehungsweise Einwechslungen durchaus Kritik gab. Für Southgate ist es zudem ein persönliches Drama: 1996 hatte er im EM-Halbfinale gegen Deutschland den entscheidenden Elfer verschossen - ein Fluch, der ihn seitdem begleitet, mit dem er aber nicht alleine dasteht: Das eben zu Ende gegangene Spiel war in neun Versuchen schon das siebente, das England im Elfmeterschießen bei einem großen Turnier verlor.

Dennoch war der Tenor in den Medien durchaus wohlwollend. "Nicht schon wieder", titelte der "Daily Star"; der "Mirror" schrieb von "Englands zerbrochenem Traum" und einem "unerträglichen Schmerz", würdigte die Three Lions aber als "heldenhaft". Und die bekanntlich wenig zimperliche Boulevardzeitung "The Sun" schrieb: "Schon wieder Herzschmerz", gab aber gleich die Marschroute für die Zukunft vor. "Keine Sorge Jungs, die Weltmeisterschaft ist schon im nächsten Jahr."

Tatsächlich hat die junge Mannschaft große Perspektive - und nun auch an ebenso wert- wie leidvoller Erfahrung dazugewonnen. Schon 2018 haben die Engländer bei der WM erstmals seit 28 Jahren ein WM-Halbfinale erreicht, nachdem man bei den Welttitelkämpfen vier Jahre davor in der Vorrunde und bei der EM 2016 im Achtelfinale (an Island) gescheitert war. Doch bei allem Stolz auf das Erreichte überwog bei Southgate auch am Tag danach die Trauer. "Es fühlt sich an, als hätte man mir die Eingeweide herausgerissen", erklärte er.(art)