In der österreichischen Bundesliga ist in der Saison 2021/22 vieles anders. Nicht nur nehmen bei einigen Vereinen alte und neue Gesichter auf der Trainerbank Platz (Peter Pacult kehrt nach zehn Jahren mit Aufsteiger Austria Klagenfurt zurück, Andreas Herzog ist der neue starke Mann der Admira und Matthias Jaissle der jüngste Salzburg-Chefcoach aller Zeiten), sondern auch regeltechnisch erwartet die Liga eine Revolution. Der Video Assistent Referee, weltweit unter dem Kürzel VAR bekannt, kommt nach Österreich. Das technische Hilfsmittel für Schiedsrichter hat die heimische Liga knapp zwei Jahre nach der Bekanntgabe der Einführung nun endlich erreicht. Die Corona-Pandemie verhinderte eine frühere Implementierung in der vergangenen Meisterrunde. Ein halbes Jahr und einige Schulungen später ist es jetzt so weit.

Der Videoschiedsrichter - ein Phänomen, das 2018 bei der Weltmeisterschaft in Russland erstmals Fuß fasste. Damals sorgte er in fast jedem Spiel für Kontroversen und Unverständnis. Überprüfung bei jedem zweiten Tor, minimale Vergehen im Strafraum, die vorher niemals gepfiffen worden wären, wurden bestraft, und man musste mit dem Jubel nach dem vermeintlichen Torerfolg warten. Bis heute hat sich in dieser Hinsicht nicht viel geändert. Für so viel Aufregung der VAR seitdem auch gesorgt hat, bei einer Erkenntnis sind sich alle einig: Fußball ist jetzt gerechter.

"Wer aber glaubt, der Sport wäre dadurch 100-prozentig fair, sollte sich sofort von dem Gedanken verabschieden", sagt ÖFB-
Referee-Manager Andreas Fellinger bei einem Workshop zum Thema Videoschiedsrichter. Fellinger stellt zudem klar: Der Referee wird nach wie vor das Oberhaupt auf dem Platz bleiben. Schließlich seien die Diskussionen über knifflige Spielsituationen und Schiedsrichterentscheidungen ein Mitgrund, warum sich Millionen von Menschen zum Fußballschauen vor den Fernseher setzen.

Harald Lechner wird beim morgigen Eröffnungsspiel der neuen Saison der Bundesliga zwischen Sturm Graz und Red Bull Salzburg (20:30 Uhr) der erste Videoschiedsrichter Österreichs sein. Aus dem Keller in Wien wird er seinen Kollegen Walter Altmann unterstützen. Eine neue Position für einen der Routiniers unter den österreichischen Referees.

Lechner ist seit 2010 offizieller Fifa-Schiedsrichter. Neben seiner Tätigkeit als Manager bei John Harris Fitness pfeift er seit 2008 Partien. Abseits der heimischen Liga hat er auch prestigeträchtige internationale Spiele in der Europa League und auf Länderspielebene in seiner Vita stehen. 2017 waren seine Spielentscheidungen bei der U21-EM gefragt. Vergangene Woche bekam er bei der traditionellen Pressekonferenz aller Bundesliga-Trainer und -Kapitäne bereits zum achten Mal in Folge den Bruno-Preis als bester Schiedsrichter der abgelaufenen Saison überreicht.

Kein leichtes Stück Brot

Lechner ist über die Jahre in die wohl schwersten Fußballschuhe aller Akteure auf dem Platz hineingewachsen. Die Distanz zu Vereinen und die damit verbundene Parteilosigkeit sehe er bei jedem seiner Kollegen, zu gewissen Trainern hege er aber durchaus Sympathien. "Ich bin grundsätzlich mit allen per Du und habe auch keine Hemmungen, wenn mich ein Sportdirektor oder Trainer im normalen Alltag anruft und quatschen will", sagt der 38-jährige über Beziehungen zu den Vereinen. Ihm sei bewusst, dass er im Gegensatz zu den jeweiligen Vereinsmitgliedern keine Fans habe oder allzu beliebt sei. Als Schiedsrichter sei man halt öfter einmal der Buhmann und Hauptschuldige für Niederlagen. Umso mehr freu er sich, wenn jemand aus dem Verliererteam nach dem Schlusspfiff zu ihm kommt und ihn für seine Leistung lobt.

Als Schiedsrichter hat man mit Fußballern laut Lechner mehr gemeinsam, als die Leute glauben. Beide müssen sich fit halten, ab einem gewissen Alter geht es konditionell einfach nicht mehr auf Topniveau, und als Referee hat man genauso schlaflose Nächte wie ein Spieler nach einer verpassten Großchance.

Auf die Frage, ob er sich auf den nicht unumstrittenen Videoschiedsrichter freue, überwiegen für Lechner die Vorteile: "Es wird fordernd. Schließlich sitzt man da nicht wie vor dem Fernseher zuhause, sondern nimmt entscheidend auf das Spiel Einfluss." Der Drang zum Perfektionismus ist für den Wiener dabei derselbe, wie wenn er selbst auf dem Platz stünde. Besonders wichtig ist Lechner, dass die mediale Aufmerksamkeit durch den VAR wieder mehr auf die sportlichen Leistungen der Fußballer gelegt wird: "Hin und wieder steht ein negativer Eingriff des Schiedsrichters auf das Spiel leider hauptsächlich im Fokus." Außerdem ist die Revolution eine neue Herausforderung, die er willkommen heißt. Als Fußballfan vor dem Fernseher nehme man ein Spiel als Schiedsrichter immer anders wahr. Auch was die verschiedenen Kamerapositionen von Spielsituationen betreffe. Da diese beim VAR besonders im Fokus stehen, sieht Lechner sich selbst und die österreichische Liga "gut auf den Videoschiedsrichter vorbereitet".

Wichtige Kommunikation

Die Position des Schiedsrichters ist in Österreich seit geraumer Zeit ein sensibles Thema. Unvergessen bleibt der Wutausbruch des damaligen Sturm-Trainers- Nestor El Maestro vor drei Jahren, nachdem Mattersburg drei irreguläre Tore anerkannt worden waren. In Sachen Schiedsrichterausbildung sieht Lechner das Land gut aufgestellt. Es sei die Kommunikation, an der es immer wieder hapere. Diese Soft-Skills habe man sich anzueignen. Schließlich sei es auch eine Verantwortung des Referees, sich nach dem Befinden eines Spielers zu erkundigen, etwa wenn ihm ein anderer mit den Stollen auf die Füße steige. "Fußball ist eine Showbühne. Diese Show muss man als Schiedsrichter leiten und mit Ruhe kontrollieren, um die Emotionen nicht hochkochen zu lassen", sagt er über den Einsatz von verbaler und non-verbaler Kommunikation während eines Spiels.

Trotz seines hohen Stands in der Heimat und seiner internationalen Einsätze möchte Lechner nicht alles auf das Pferd Schiedsrichter setzen. Er sei kein Profi und gehe einem normalen 40-Stunden-Job nach, sagt er. Als Schiedsrichter könne man sich ebenso verletzen, weshalb es ihm immer wichtig war, in seinem Job verankert zu sein. Die Professionalität eines Schiedsrichters fordere dennoch private und berufliche Opfer, wenn es um den mentalen Faktor gehe: "Es ist nicht so, dass man ein Spiel pfeift, heimgeht und es einem egal ist. Wir haben so wie Spieler und Trainer schlaflose Nächte, und uns sucht vor dem Einschlafen dieses Kopfkino auf", so Lechner über die Situation daheim nach einem Spiel.

echner gab sein Bundesliga-Debüt 2008 und ist einer der erfahrensten Spielleiter der Liga. Die jüngsten Schiedsrichter sind zwischen 25 und 30 Jahre alt. Dem deutschen Spitzen-Referee Manuel Gräfe wurde die Lizenz entzogen, nachdem er das Maximalalter von 47 Jahren erreicht hatte. Daraufhin reichte Gräfe Klage gegen den DFB wegen Alterdiskriminierung ein. In Österreich gibt es dieses Limit nicht: "Wir haben keine Altersgrenze. Es hängt von den Schiris selbst ab, ob sie sich körperlich in der geeigneten Verfassung sehen. Das ist das Allerwichtigste, erst dann kann man diese Entscheidung überhaupt fällen", klärt Lechner über die Regelung in Österreich auf. Er sieht sich selbst in guter Form.

Für die Liga selbst hat Lechner nur positive Worte übrig: "Ich bin ein Fan unserer Bundesliga. Wir sind in den Top 10 der Uefa-Fünfjahreswertung und haben noch sehr viel Potenzial."