Die Rückreise aus der Ukraine geriet zu einem Partyflug. Es wurde gesungen und gelacht, bei den Rapid-Spielern herrschte nach dem 3:2 über Sorja Luhansk, mit dem sie sich zum neunten Mal die Teilnahme an der Europa-League-Gruppenphase und damit gemeinsam mit Lazio und Eindhoven den Rekord geschnappt haben, ausgelassene Stimmung. "Von mir aus können sie singen, bis ihnen die Stimmbänder wehtun", meinte Trainer Dietmar Kühbauer, stellte aber klar: "Am Sonntag ist das nächste Spiel, deshalb kann man vielleicht manche Dinge nicht tun, die man gerne tun würde, und die wir vielleicht in früheren Zeiten gemacht haben."

Tatsächlich bleibt angesichts des dichten Terminplans - über den sich Kühbauer freilich trotz der nicht allzu stark ausgeprägten Kaderdichte nicht beschweren wollte - keine Zeit zum Durchschnaufen, geschweige denn für große Feiern. Schon am Sonntag (17 Uhr) steht der nächste Saisonhöhepunkt bevor: das Wiener Derby bei der Austria. Der Papierform nach ist die Sache klar: Abgesehen vom Aufwind durch den Europacup-Aufstieg hat Rapid zuletzt auch in der Liga reüssiert, nach je zwei Siegen und Niederlagen sowie einem Remis liegt Grün-Weiß an dritter Stelle, die Austria hingegen trägt die rote Laterne des Tabellenletzten - und rief durch die Ergebnisse in dieser Saison unfreiwillig die Statistiker auf den Plan. Laut Sky ist es das erste Mal seit 20 Jahren, dass die Favoritener aus den ersten fünf Spielen nur drei Punkte mitgenommen haben, jedenfalls geht man das erste Mal seit der Saison 2014/15 ohne Sieg in die sechste Partie der Meisterschaft.

Allerdings sahen sowohl Trainer Manfred Schmid als auch Sportdirektor Manuel Ortlechner beim jüngsten 2:2 gegen den Tabellenzweiten Sturm Graz eine Steigerung, Ortlechner spricht gar von einer "bärenstarken ersten Halbzeit". Die Spieler hätten "Moral bewiesen und gezeigt, was in ihnen steckt. Das bestärkt uns in dem Glauben, dass es in die richtige Richtung geht", sagt Ortlechner, für den das Derby auch für den weiteren Saisonverlauf große Bedeutung haben könnte. "Die Spieler haben in den letzten Wochen viel Energie aufgewendet, ohne sich dafür zu belohnen. Das finde ich sehr schade für diese Gruppe. Das Derby könnte ein Auslöser sein, der den Knoten zum Platzen bringt."

Violettes Kuriosum

Auch Schmid freut sich auf das Spiel gegen Rapid. "Es ist kurios", sagt er, "einerseits sind wir nach fünf Runden auf dem letzten Platz, was natürlich nicht unser Anspruch ist und womit wir alle nicht zufrieden sind. Andererseits sind es die Leistungen der vergangenen Wochen, die mich positiv stimmen." Es werde, sagt der Trainer in bester Derby-Vorschau-Manier, "ein besonderes Spiel vor einer tollen Atmosphäre und tollen Fans." Denn dass diese nach wie vor hinter der Mannschaft stehen - und dies auch in Graz lauthals kundgetan haben -, sei nicht selbstverständlich, betonen die Vereinsverantwortlichen.

Viel Stress für Rapid

Abgesehen vom Heimvorteil spricht allerdings nicht sehr viel für die Gastgeber, auch nicht die Derby-Historie. Von 299 Meisterschaftsspielen zwischen den beiden Klubs hat Rapid 124 gewonnen, die Austria 101. In den jüngsten zehn Duellen im Stadion der Austria setzte sich Rapid sieben Mal durch und nur einmal die Austria. Die bisher letzten drei Derbys endeten allesamt mit einem Unentschieden.

Immerhin gehen die Gastgeber ausgeruhter in die Begegnung. "Es war viel Stress und viel Arbeit in den vergangenen Wochen", räumt Kühbauer ein. Doch so lange nur die Stimm- und nicht andere Bänder schmerzen, werden die Rapidler vor der Länderspielpause wohl noch einmal die Zähne zusammenbeißen.(art)