Der Transfermarkt wird sich ein für allemal verändern. Hohe Ablösen und Gehälter jenseits von Gut und Böse werden der Vergangenheit angehören. Der Fußball wird nie mehr derselbe sein." - Tenor im Frühjahr 2020

Man hat sie noch ebenso im Ohr wie Sebastian Kurz’ erste von unzähligen Corona-Pressekonferenzen, die Prophezeiungen über die Auswirkungen der Pandemie auf den Fußball, und doch scheinen sie schneller in Vergessenheit geraten zu sein als Maskenpflicht und Babyelefant. Vielmehr steht jetzt, wir schreiben das Ende der dritten Transferperiode seit Ausbruch der Pandemie, der Elefant namens Transfer-Wahnsinn vielleicht deutlicher sichtbar im Raum denn je.

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Denn dass in Lionel Messi und Cristiano Ronaldo jene beiden Spieler, die sich elf der jüngsten 13 Auszeichnungen zum Weltfußballer des Jahres in brüderlicher Erzrivalität untereinander aufgeteilt haben, beinahe zeitgleich den Verein wechseln, hätte sich vor kurzem auch noch niemand gedacht - dass sie in der Rangliste der teuersten Transfers eines Sommers ganz weit hinten angesiedelt sein würden, erst recht nicht.

Cristiano Ronaldo kehrte zum Schnäppchenpreis von vorerst 15 Millionen Euro (die Summe könnte sich aber noch um acht Millionen erhöhen) von Juventus zu seinem Ex-Ex-Klub Manchester United zurück, Messi gab’s für Paris Saint-Germain sogar zum Nulltarif. Der FC Barcelona, schwer verschuldet, konnte sich schlichtweg sein Gehalt nicht mehr leisten. Insofern also spielte Corona - nebst einem bemerkenswerten Missmanagement beim immer noch umsatzstärksten Fußball-Klub der Welt - doch auch eine Rolle.

Paris Saint-Germain ist, alimentiert von Scheichs aus Katar, in der Lage, diese Gehälter zu zahlen, zumal man sich vergleichsweise hohe Ablösen in diesem Sommer trotz einer imposanten Stardichte erspart hat. Neben Messi kamen auch Gianluigi Donnarumma, Europameister und der erste Torhüter der Geschichte, der zum besten Spieler einer EM-Endrunde gekürt worden war, und Georginio Wijnaldum ablösefrei an die Seine.

Corona hin, Brexit her - England ist noch immer die Insel, auf der Milch, Honig und Geldquellen sprudeln.

Insgesamt liegen die Pariser in der Liste jener Klubs, die das meiste Geld in diesem Sommer für neue Spieler gezahlt haben, nur auf dem achten Platz - mit 83 Millionen Euro gaben sie für alle ihre Neuerwerbungen zusammen gerade einmal die Hälfte von Arsenal aus und um rund 35 Millionen Euro weniger, als Manchester City für Jack Grealish an den Liga-Konkurrenten Aston Villa überwies.

Die Vergleiche zeigen wieder einmal auf, wo im internationalen Fußball das Geld zu Hause ist: Die Premier League scheint, Brexit hin, Corona her, noch immer jene Insel der Seligen zu sein, auf der Milch, Honig und Geldquellen nur so sprudeln. Der EU-Austritt wirkt sich insofern hierbei nicht aus, als (hochbezahlte) Schlüsselarbeitskräfte nach wie vor beinahe uneingeschränkt beschäftigt werden, die Corona-Folgen konnten abgesehen von den (durch das Financial Fairplay limitierten, aber doch dank zahlreicher Schlupflöcher möglichen) Zuschüssen reicher Eigentümer auch durch die lukrativen langfristigen Medien- und Sponsorenverträge vergleichsweise gut abgefedert werden.

Das ist auch der Grund, warum nicht nur die üblichen Verdächtigen wie die Klubs aus Manchester und London, sondern auch vermeintlich Kleinere auf dem Transfermarkt ordentlich zuschlagen konnten. Unter den Top Ten der Big Spender im europäischen Fußball finden sich demnach gleich sechs Vereine der Premier League, sechs weitere landeten unter den Top 20 (Daten von transfermarkt.de).

Insgesamt schafften es in dieser Rangliste neben den zwölf englischen drei italienische, je zwei französische und deutsche Klubs sowie in Atletico Madrid ein spanischer Verein unter die ersten 20. Vier von ihnen - RB Leipzig (auch durch den Verkauf von ÖFB-Spieler Marcel Sabitzer), Aston Villa, überraschenderweise Chelsea sowie Brighton & Hove Albion haben dank der Abgänge eine positive Transferbilanz. Auch der FC Barcelona, aus genannten Gründen, und Real Madrid, das vergeblich auf ein Engagement von Kylian Mbappe in letzter Sekunde gehofft hatte, verdienten mit Verkäufen deutlich mehr, als sie an Ablösen zahlten.

Für Antoine Griezmann, für den Barcelona vor zwei Jahren noch 120 Millionen Euro hinblätterte, bekamen die Katalanen zwar keine Ablöse, aufgrund des am Dienstagabend fixierten Leihengagements bei dessen Ex-Klub Atletico Madrid ersparen sie sich aber immerhin das horrende Gehalt für den Franzosen - der wiederum wird dadurch unfreiwillig zum Symbol für die katastrophale finanzielle Organisation Barcas.

Paris Saint-Germain hat ein Angebot für rund 190 Millionen Euro für Kylian Mbappe ausgeschlagen. 
- © afp / Franck Fife

Paris Saint-Germain hat ein Angebot für rund 190 Millionen Euro für Kylian Mbappe ausgeschlagen.

- © afp / Franck Fife

Bei allen Spezifika, die die einzelnen Ligen aufweisen, haben sie doch gewisse Gemeinsamkeiten, die ihnen Transferaktivitäten auch in der Krise erleichtern. Neben den langfristigen Partnerschaften und starken Marken, die durch die zunehmend wichtiger werdende digitale Reichweite auch schwierige Zeiten leichter überdauern, haben ihre Topklubs internationale Startplätze und die damit verbundenen Einnahmen fix - und das wird sich in den kommenden Jahren, wenn die Champions League ihrer Reform unterzogen und/oder doch noch eine Art Superliga eingeführt sein wird, nicht ändern. Im Gegenteil.


Links

transfermarkt.de

Annual Review of Football Finance

Deloitte Football Money League

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Dass kleinere Ligen wie die österreichische auch kleinere Sprünge auf dem Transfermarkt machen, ist vor diesem Hintergrund nur allzu verständlich, sie sind auch in höherem Ausmaß abhängig von den Spieltageinnahmen, dem Kartenverkauf, der Gastronomie und Merchandising.

Und wenngleich Analysten davon ausgehen, dass die ökonomischen Corona-Auswirkungen im gesamten europäischen Fußball noch über Jahre hinweg zu spüren sein werden - die Umsätze in den Topligen sanken schon im Geschäftsjahr 2019/20 um mehr als zehn Prozent - gilt da wie dort: Mit den Zuschauern hat auch die Zuversicht wieder in den Stadien Einzug gehalten.

Abgesänge gab es schließlich schon vor eineinhalb Jahren. Heute weiß man: Der Babyelefant ist Geschichte, der Transfer-Elefant noch immer im Raum.