Am 29. Juni endete mit der EM-Achtelfinalniederlage gegen England die 15 Jahre währende Ära von Jogi Löw - am 2. September beginnt nun auch offiziell eine neue Zeitrechnung beim viermaligen Weltmeister: Bayern-Erfolgscoach Hansi Flick schwingt nun das Zepter bei (laut Marketing-Eigendefinition) "der Mannschaft", die er nach durchwachsenen Leistungen in den vergangenen Jahren und einigen peinlichen Niederlagen wieder zu altem Glanz führen will. Am Donnerstag (20.45 Uhr/RTL) sind darob in St. Gallen gegen Liechtenstein alle Augen auf den 56-Jährigen gerichtet, zumal die Hürde in Form des Kleinstaates in der WM-Qualifikation eine leicht zu nehmende sein dürfte; viel spannender dürften da schon die folgenden Duelle im Dreitagesrhythmus gegen Armenien in Stuttgart und gegen Island in Reykjavik werden, da die DFB-Auswahl im Kampf um das Katar-Ticket nach der 1:2-Heimblamage gegen Nordmazedonien ins Hintertreffen geraten war.

Dass Bayern-Evergreen Thomas Müller verletzungsbedingt komplett fehlen wird, und auch Kapitän Manuel Neuer zumindest gegen Liechtenstein nicht zur Verfügung steht, irritierte Flick nicht sonderlich. "Wir haben genügend Spieler an Bord." Apropos: Wie jeder Teamchef-Novize setzte der langjährige Co an der Seite Löws seine ersten Duftmarken bei der Kaderbekanntgabe. Die dort vollzogene Blutauffrischung war angesichts des ohnehin nötigen Umbruchs nach jedem Großereignis keine große Sensation. Mit Salzburg-Stürmer Karim Adeyemi (19), Nico Schlotterbeck (21) von Freiburg und David Raum (23) von Hoffenheim wurden drei höchst erfolgreiche U21-Teamspieler "nach oben" beordert. Den Stamm bilden weiterhin die Bayern-Profis, zudem überzeugte Flick den Dortmunder EM-Abstinenzler Marco Reus, es doch noch einmal in der DFB-Elf zu versuchen. "Es ist ein interessanter Kader mit einer guten Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern", betonte Flick. Vor allem auch defensiv will er mehr Ordnung ins Spiel bringen, darum soll wieder auf Viererkette umgestellt werden und mit Joshua Kimmich ein technisch starker Sechser im zentralen Mittelfeld agieren.

Dass Flick wie zu Bayern-Zeiten (7 Titel in 18 Monaten) seine Rolle auch als großer Kommunikator sieht, stellte er umgehend beim ersten Training in Stuttgart unter Beweis, als er Leroy Sane und Timo Werner - beide im Team oft weit von ihrem Potenzial entfernt - in Einzelgespräche verwickelte. "Eine väterliche Umarmung und ein persönliches Gespräch - Sané strahlte. So will er seinen Bayern-Star wieder zum Leistungsträger pushen", notierte die "Bild". Fördern und fordern, daran führt bei Flick kein Weg vorbei, zumal er schon bei der Präsentation klar seinen Weg vorzeichnete: "Die Besten werden eingeladen, wenn sie Topleistungen abrufen. Und wenn sie Topleistungen abrufen, sind sie auch ein Teil der Mannschaft." Als Ziel nannte er nicht konkret Titel, sondern die "Rückkehr an die Weltspitze": "Es wird nicht von heute auf morgen gehen, aber wir werden alles dafür tun, um unsere Ziele zu erreichen", dozierte Flick. Der erste Schritt dazu erfolgt in Liechtenstein.