Die WM-Qualifikation verläuft für Islands Fußballnationalteam nicht gerade nach Plan. Mit nur einem Sieg aus fünf Spielen belegt man den vorletzten Rang in Gruppe J. Heute Abend gastiert Gruppenführer Deutschland in Reykjavik, der nach dem 6:0-Sieg gegen Armenien mit Selbstvertrauen anreist. Das alles scheint jedoch gerade nebensächlich zu sein. Schwere Missbrauchsvorwürfe bringen den Fußballverband KSI in Bedrängnis. Präsident Gudni Bergsson und der Vorstand mussten zurücktreten.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte Thorhildur Gyda Arnarsdottir. Die 25-jährige sorgte vor zwei Wochen in einem Fernsehinterview für Aufsehen. 2017 seien sie und eine andere Frau in einer Bar von einem isländischen Nationalspieler sexuell genötigt und verletzt worden. Beim Beschuldigten handelt es sich laut übereinstimmenden Medienberichten um den bei IFK Göteborg unter Vertrag stehenden Kolbeinn Sigthorsson, der nach Bekanntwerden der Vorwürfe vom isländischen Verband suspendiert wurde. Im Zentrum der Anschuldigungen steht auch Ex-Präsident Gudni Bergsson.

Vorstand trat zurück

Dieser hatte zunächst behauptet, ihm sei keine offizielle Beschwerde wegen eines sexuellen Vergehens bekannt. Später musste der ehemalige Tottenham-Spieler einräumen, über die Vorfälle Bescheid gewusst zu haben und entschuldigte sich öffentlich. Aussagen des mutmaßlichen Opfers deuteten darauf hin, dass Anwälte des Verbandes versucht hätten, eine Verschwiegenheitserklärung im Gegenzug für eine finanzielle Entschädigung zu erwirken. Bergsson trat am 29. August zurück, wenig später folgte ihm der gesamte 16-köpfige Vorstand.

Sighthorson selbst äußerte sich vergangene Woche erstmals zu den Anschuldigungen. Er bestritt die Belästigungs- und Gewaltvorwürfe, gab aber zu, "nicht vorbildlich gehandelt zu haben". Es sei schon zuvor zu einer Entschuldigung inklusive Entschädigungszahlung gekommen.

Die Enthüllungen sorgten für eine Welle der Entrüstung auf dem Inselstaat. Arnarsdottir gab in einem weiteren Interview an, von zusätzlichen sechs Nationalspielern zu wissen, die in Verbindung mit sexueller Gewalt stünden.

Es ist nicht der erste Skandal in diesem Jahr, der den KSI erschüttert. Isländische Medien brachten in den vergangenen Monaten immer wieder Premier-League-Mittelfeldspieler Gylfi Sigurðsson mit Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs in Verbindung. Auch er steht nicht im Kader für das Spiel gegen Deutschland.

Fünf Jahre nach dem Sommermärchen von Frankreich versinkt der isländische Verband im Chaos. 2016 waren die "Wikinger" und ihr kultiger Schlachtruf Publikumslieblinge der Europameisterschaft. Nachdem man in der Vorrunde Österreich eliminiert hatte, gelang im Achtelfinale ein Sensationssieg gegen England. Der Torschütze zum entscheidenden 2:1 gegen die Three Lions: Kolbeinn Sigthorsson. 2018 nahm man an der WM in Russland teil. Davon sich für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren, ist man derzeit meilenweit entfernt. Um noch realistische Chancen auf einen Platz im Play-Off zu haben, müssen heute Abend drei Punkte gegen den haushohen Favoriten Deutschalnd her. Die Ausgangslage dafür ist denkbar ungünstig.

Kein Einzelfall

Die Missbrauchsvorwürfe in Island sind kein Unikum in der Fußballwelt. Allein dieses Jahr gab es bereits drei prominente Fälle. Der ehemalige brasilianische Weltstar Robinho wurde Anfang dieses Jahres in zweiter Instanz zu neun Jahren Haft wegen Vergewaltigung verurteilt. Ruben Semedo, ehemaliger portugiesischer Nationalspieler, wurde kürzlich wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch festgenommen. Auch gegen den Wetlmeister von 2018 und Außenverteidiger von Manchester City Benjamin Mendy wurden vergangenen Monat Vorwürfe der Vergewaltigung publik. Er befindet sich derzeit in Untersuchungshaft.