Es gibt Länderspiele, die eine gewisse Aura umgibt. Begegnungen mit Geschichte von höchster Brisanz. England gegen Deutschland, Portugal gegen Spanien, Kroatien gegen Serbien. Kaum eine Rivalität im internationalen Fußball wird jedoch so intensiv gepflegt wie jene zwischen Brasilien und Argentinien. Seit vergangenen Sonntag ist das "Superclásico de las Américas" um ein skurriles Kapitel reicher.

Die WM-Qualifikationspartie zwischen den beiden Fußball-Großmächten war gerade einmal fünf Minuten alt, als Polizisten gemeinsam mit Bundesbeamten der brasilianischen Behörde für Gesundheitsüberwachung den Rasen der Neo Quimica Arena in Sao Paulo stürmten. Auslöser des Wirbels waren die vier Premier-League-Legionäre Emiliano Martinez, Emiliano Buendia (beide Aston Villa), Cristiano Romero und Giovani Lo Celso (beide Tottenham Hotspur). Sie hatten bei ihrer Einreise nach Brasilien nicht angegeben, dass sie sich in den vergangenen 14 Tagen in England aufgehalten hatten, einem der vier Länder auf Brasiliens roter Pandemie-Liste. Schiedsrichter Jesus Valenzuela aus Venezuela musste die Partie im Anschluss abbrechen. Seither überbieten sich Medien und Offizielle beider Länder mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die Farce von Sao Paolo ist lediglich der letzte Skandal einer an denkwürdigen Momenten nicht armen Fußball-Feindschaft.

Rivalen aus Tradition

Argentinien und Brasilien, die beiden größten und bevölkerungsreichsten Staaten Südamerikas, verbindet eine lange Geschichte voller Konflikte und Krieg. Die Zeiten erbitterter politischer Feindschaft sind in Vergessenheit geraten, für viele Brasilianer und Argentinier ist das Verhältnis zum jeweiligen Nachbarland heute vor allem durch eines geprägt: Fußball. Als britische Auswanderer Ende des 19. Jahrhunderts das runde Leder nach Südamerika brachten, entwickelte sich das "schöne Spiel" schnell zur beliebtesten Sportart des Erdteils. Es waren jedoch zunächst die Duelle zwischen Uruguay und Argentinien, die über die Vorherrschaft am Kontinent entschieden. Das erste offizielle Länderspiel einer argentinischen und brasilianischen Auswahl fand erst am 20. September 1914 in Buenos Aires statt, die Hausherren setzten sich mit 3:0 durch. In weiterer Folge sollten die Argentinier die Aufeinandertreffen dominieren.

Das änderte sich in den 1930ern, als Brasiliens Fußball immer mehr Erfolge für sich verzeichnen konnte und die Spiele zwischen beiden Teams zu einer Manifestation nationalen Stolzes heranwuchsen. Einen ersten unrühmlichen Höhepunkt fand die Rivalität im Februar 1946. Beide Teams standen sich im Finale der Copa América gegenüber. 22 Minuten nach Anpfiff setzte Jair Rosa Pinto zu einer Attacke gegen Argentiniens Kapitän Jose Salomon an. Salomon brach sich den Unterschenkel, die Akteure am Feld fingen an, sich zu prügeln, erboste Zuseher stürmten das Feld. Die Vorfälle hatten das Klima zwischen den Mannschaften derart vergiftet, dass über zehn Jahre auf ein Aufeinandertreffen verzichtet wurde.

In den darauffolgenden Jahrzehnten feierte die Selecao Erfolg um Erfolg und zog endgültig am südlichen Nachbarn vorbei. Die WM-Titel von 1958, 1962 und 1970 ließen Brasilien zur Fußball-Weltmacht aufsteigen. In einem WM-Spiel sollten sich die beiden Auswahlen aber erstmals 1974 treffen. Im westdeutschen Niedersachsenstadion feierte Brasilien einen knappen 2:1-Erfolg. Die Gauchos bekamen ihre Revanche vier Jahre später. Bei der Heim-Weltmeisterschaft trafen die starbesetzten Ensembles in der zweiten Gruppenphase aufeinander, das torlose Remis ging als "Schlacht von Rosario" in die Geschichtsbücher ein. Argentinien sicherte sich durch ein umstrittenes 6:0 gegen Peru am letzten Spieltag den Gruppensieg und holte schließlich seinen ersten WM-Titel. Brasilien musste sich mit Rang drei begnügen - ohne ein einziges Spiel verloren zu haben. Die bisher letzte WM-Partie der Rivalen 1990 stellt bis heute eine Kontroverse dar. Der brasilianische Außenverteidiger Branco bezichtigte die argentinische Bank, ihm eine mit Beruhigungsmittel präparierte Wasserflasche gereicht zu haben. Jahre später bestätigte Diego Maradona den Vorfall.

Zur Folklore rund um die Partie gehört natürlich auch die Frage, wer denn nun der beste Fußballer aller Zeiten sei: Pelé, dreimaliger Weltmeister und Volksheld in Brasilien, oder "el pibe de oro" Diego Maradona. Die Fifa kührte beide 2000 zum "Spieler des Jahrhunderts" - und das, obwohl der skandalträchtige Maradona eine Online-Umfrage zuvor klar für sich entschieden hatte. Heute heißen die Aushängeschilder der Nationalteams Lionel Messi und Neymar. Die beiden Superstars führten ihre Mannschaften im Juli ins Finale der Copa América. Die Albiceleste krönte sich mit einem 1:0 zum Amerikameister, es war der erste große Titel für Argentinien seit 1993. Die erneute Auflage des Finales am vergangenen Sonntag versprach also ein Feuerwerk. Wären da nicht die brasilianischen Behörden gewesen.

Inszenierung oder Trickserei

Die Vorfälle entwickeln sich indes zu einem wahren Politikum. Während Brasiliens Journalisten über das "typische Schummeln" der Argentinier klagten und auf Einhaltung der Corona-Regeln pochten, trendete in argentinischen Medien der Hashtag #Cagones (Feiglinge). Die argentinische Regierung reagierte empört auf die Vorkommnisse. Florencia Carignano, Direktorin der argentinischen Migrationsbehörde, stellte auf Twitter die Vermutung an, es handle sich eher um eine "Inszenierung" statt um einen gesundheitspolitischen Notfall. Für viele Argentinier ist klar: Der Erzfeind wollte sich mit der Aktion eine erneute Schmach ersparen. Ein Corona-Protokoll hätte den Einsatz der englischen Legionäre zudem gerechtfertigt. In Brasilien sieht man das naturgemäß anders. Die Gauchos hätten bei den Quarantäneauflagen getrickst - die Selecao hatte im Vorfeld ihre eigenen England-Profis nicht einreisen lassen können.

Die Begegnung ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Über die Konsequenzen entscheidet die Fifa, die Ermittlungen sind aktuell noch im Gange. Am 16. November findet das Rückspiel in Buenos Aires statt. Dann überwiegen hoffentlich wieder die sportlichen Schlagzeilen.