Es waren Szenen purer Emotion, die sich am Samstag im Stadio Olimpico abspielten. Nachdem Stephan El-Sharawy in der 91. Minute zum 2:1 für die Roma gegen Sassuolo getroffen hatte, brachen alle Dämme. Fans, Spieler und Trainerteam lagen sich vor der Curva Sud in den Armen. Mittendrin: José Mourinho. Der Portugiese steht seit Sommer an der Seitenlinie der Römer. Die Partie gegen Sassuolo war keine gewöhnliche für ihn - es war Spiel Nummer 1.000 in seiner Trainerkarriere.

"Eintausend Spiele sind eine Menge, und ich wollte nicht verlieren, ich hatte Angst vorm Verlieren", gab der 58-Jährige nach dem Match zu Protokoll. Der Last-Minute-Triumph war der dritte Sieg im dritten Ligaspiel der Giallorossi. Ein Auftakt nach Plan, immerhin hat man bei der Roma viel vor in diesem Jahr. Im Juni 2020 kaufte der US-Amerikaner Dan Friedman den Traditionsklub aus der italienischen Hauptstadt für rund 600 Millionen Euro auf. In der vergangenen Transferperiode investierte man fast 100 Millionen Euro in neues Spielermaterial - einzig Manchester United gab mehr Geld aus. Die prominentesten Neuzugänge: Stürmer Tammy Abraham von Champions-League-Sieger Chelsea, der für gut 40 Millionen in die "Ewige Stadt" wechselte, und Portugals Nationaltorhüter Ruí Patricio. Der Kader ist teuer, aber durchaus jung und vielversprechend. Das Ziel für die nächsten Jahre ist klar: Titel sollen her. Seit 21 Jahren warten die Tifosi der Roma auf einen Scudetto, dreizehn Jahre ist der bisher letzte Erfolg in der Coppa Italia her. In der am Donnerstag beginnenden Conference League zählt man dieses Jahr zu den Favoriten. Mit Mourinho holte man einen Cheftrainer, der weiß, wie man Trophäen gewinnt.

The Special One

Der Stern des José Mário dos Santos Félix Mourinho ging Anfang der 2000er in Porto auf. Nachdem er sich bei seinem Heimatverein Setúbal und als Assistenztrainer des FC Barcelona einen Namen gemacht hatte, wechselte er in die Hafenstadt, holte zwei Meisterschaften, einen Uefa-Pokal und 2004 völlig überraschend die Champions League. Schon damals fiel der Exzentriker neben dem Platz durch zahlreiche Scharmützel mit Schiedsrichtern, gegnerischen Trainern und Medien auf.

2004 ging er zum FC Chelsea an die Stamford Bridge und stellte sich bei der Pressekonferenz prompt als "Special One" vor - ein Spitzname, der bleiben sollte. Mit den Blues holte er 2005 und 2006 die Premier League. Zu Beginn der Saison 2008/2009 unterschrieb Mourinho, der über ein abgeschlossenes Studium der Sportwissenschaften verfügt, bei Inter Mailand. Die Nerazzurri führte er zu zwei Scudetti, einer Coppa Italia und zum Champions-League-Titel 2010. Im Anschluss übernahm der Portugiese das Star-Ensemble von Real Madrid, mit dem er je einen Meistertitel und Copa-Erfolg zu seiner Titelsammlung hinzufügte. Es folgten ein weiterer Premier-League-Triumph mit dem FC Chelsea, ein Europa-League-Titel mit Manchester United und ein Engagement bei Tottenham Hotspur. Die ganz großen Erfolge blieben jedoch aus.

Zurück in Italien

Im Sommer verkündete schließlich die AS Roma die Verpflichtung des 59-Jährigen. Im rot-gelben Teil Roms gab es daraufhin kein Halten mehr. Tausende Anhänger der Giallorossi säumten die Straßen, als Mourinho in Italiens Hauptstadt landete. Mit frenetischem Jubel wurde The Special One empfangen. "HabeMOUs papam" war auf Plakaten zu lesen - "Wir haben einen Papst". Der Portugiese soll die seit Jahren nach Pokalen lechzenden Anhänger der Lupi von ihrem Leid erlösen. Die Voraussetzungen dafür sind in jedem Fall die besten seit Jahren. In der Serie A werden nach Jahren der Juve-Dominanz die Karten wieder neu gemischt. Im Vorjahr konnte Inter Mailand die neun Saisonen anhaltende Serie an Meisterschaften der Turiner brechen. Nach dem enttäuschenden Platz sieben im Vorjahr soll es für die AS Roma nun steil bergauf gehen. Mit neun Punkten aus drei Spielen führt man die Tabelle aktuell an. Die Konkurrenz aus Mailand, Neapel und Turin wird dem römischen Titelstreben aber mit Sicherheit nicht tatenlos zusehen.

Dass Mourinho auch mit fast 60 noch kein bisschen ruhiger geworden ist, bewies er schon in der Vorbereitung. Beim Testspiel gegen Betis Sevilla stürmte er nach einem nicht geahndeten Handspiel den Platz und nahm sich den Unparteiischen zur Brust. Die Folge: Platzverweis. Es wird wohl nicht die letzte Schlagzeile bleiben, für die Mourinho in Rom sorgen wird. Am liebsten wären den Anhängern der Roma aber wohl jene sportlicher Natur. Eine Möglichkeit dazu bietet bereits das erste Spiel der Conference League gegen ZSKA Sofia am Donnerstag um 21.00 Uhr.