Der Fluss Dnister, zwischen Moldawien und der Ukraine gelegen, ist das, was etwa der Mississippi-Strom für die USA lange Zeit einmal war - eine sogenannte Frontier, also die natürliche Grenze und zugleich das Tor zu einem unbekannten Raum. Eine von Osmanen, Rumänen, Ukrainern, Russen und Deutschen gebildete Kulturlandschaft, die bis heute von unterschiedlichen Sprachen, Religionen und politischen Systemen dominiert wird und in älteren Kartenwerken als "Pufferzone" Bessarabien, wie das Gebiet der heutigen Republik Moldawien bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts noch hieß, ausgewiesen war.

Und eine Pufferzone bilden die Ufer des Dnister bis zum heutigen Tage. Im Unterschied zu den US-amerikanischen Siedlern am Mississippi war das Territorium jenseits des Flusses, der "Wilde Osten" Transnistriens, für die rumänisch-sprachigen Moldawier nicht von starkem Interesse gewesen. Dass der Brückenkopf überhaupt Teil des modernen moldawischen Staates wurde, ist noch auf die Sowjets zurückzuführen, die hier im Jahr 1924 - direkt an der Grenze zu Bessarabien, das zuvor von Rumänien kassiert worden war - die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Moldau ins Leben und tausende russische Siedler aus dem Inneren des Imperiums an die Gestade des Dnister riefen. 16 Jahre später wurden Transnistrien und Bessarabien zu einer eigenständigen Sowjetrepublik vereinigt und damit jene willkürlichen Grenzen verfestigt, die bis heute für Moldawien so charakteristisch sind.

Was während der kommunistischen Ära noch irgendwie funktioniert hatte, nämlich Moldawier und Russen dies- und jenseits des Dnister in ein gemeinsames Bett zu zwingen, war mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 rasch Geschichte. Die Gräben zwischen den beiden Volksgruppen waren derart unüberbrückbar, sodass die russische Nomenklatura 1992 Transnistrien für unabhängig und die Stadt Tiraspol, deren Name sich vom griechischen Wort Tyras (Dnister) ableitet, zur neuen Kapitale des 3.567 Quadratkilometer großen und nur eine halbe Million Seelen zählenden Streifens östlich des Flusses erklärte. Seitdem gilt Transnistrien, von der Staatengemeinschaft nicht anerkannt, als Staat im Staate. Und als Staat im Staat des Staates gilt wiederum das Unternehmen Sheriff mit Sitz in Tiraspol. Was als romantische Referenz auf den "Wilden Osten" Transnistriens daherkommt, ist vielmehr das Werk zweier ehemaliger Polizisten, Viktor Guschan und Ilja Kasmaly, die hier in den 1990er Jahren - dem Beispiel der russischen und ukrainischen Oligarchen folgend - ein riesiges Wirtschaftsimperium aufbauten und seither weite Teile der örtlichen Wirtschaft und der Politik kontrollieren.

Konzern-Multi hält sich Klub

Casinos, Tankstellen und Supermärkte sind ebenso Teil des Portefeuilles wie Großbäckereien, Werbeagenturen und eine Wohnbaugesellschaft. In Sheriffs Besitz stehen darüber hinaus die Weinfabrik Kvint, der TV-Sender TSW sowie mit Interdnestrkom der größte Mobilfunkanbieter des Landes. Über den Dnister hinaus im Rest der Welt bekannt ist der Konzern, der über beste Kontakte zur Regierung in Tiraspol verfügt, aber durch den 1996 gegründeten Fußballklub Sheriff Tiraspol, der zuletzt mit dem erstmaligen, sensationellen Einzug in die Gruppenphase der Champions League Geschichte geschrieben hat und hier am Mittwoch daheim auf Schachtar Donezk trifft (18.45 Uhr/Sky). Um seinen Gegnern einen standesgemäßen Empfang zu bieten, hat Sheriff im Jahr 2000 in Tiraspol ein 200 Millionen US-Dollar teures Stadion mit 13.000 Sitzen inklusive Sportkomplex und Luxushotel aus dem Boden gestampft. Am 24. November wird hier Spaniens Serienmeister Real Madrid zu Gast sein, das Hinspiel steigt bereits am 28. September.

Mit dem Marktwert eines Casemiro (70 Millionen Euro), Thibaut Curtois (60) oder auch David Alaba (55) sind die Sheriff-Fußballer freilich nicht zu vergleichen, laut der Website Transfermarkt.at weisen die meisten Kicker der bunt aus allen Weltteilen zusammengewürfelten Truppe einen Wert von 50.000 bis 600.000 Euro auf, die Millionenmarke knackt lediglich der Kolumbianer Frank Castaneda. Illusionen über einen Aufstieg in der Gruppe D - neben Schachtar und Real wartet Inter Mailand - macht sich der FC Sheriff nicht. Für den Klub und seinen gleichnamigen Besitzer wird sich der Ausflug in die Champions League finanziell auch so auszahlen. Vom Werbewert gar nicht zu reden.

Unabhängigkeit kein Thema

Und der Sheriff-Konzern weiß dieses Geld zu "investieren", was in einem Land, wo Korruption alltägliche Praxis ist, allerdings auch keine große Herausforderung darstellt. Nur sind die Zeiten, als das Unternehmen noch mit der Regierung in Tiraspol im Gleichschritt marschierte und etwa die Loslösung Transnistriens von Moldawien betrieb, längst vorbei. Das hat nicht bloß wirtschaftliche Gründe, ist doch der FC Sheriff davon abhängig, in der moldawischen Liga (und folglich im Europacup) spielen zu dürfen. In den vergangenen 20 Jahren hat der Klub mit einer einzigen Ausnahme (2011) alle Meisterschaften gewonnen und zog in der Saison 2009/10 erstmals in die Europa-League-Gruppenphase ein. Selbst die Moldawier jubelten damals mit. So als hätte es den Dnister nie gegeben.