Zwei Punkte aus vier Spielen, Tabellenplatz 18. So schlecht startete die Alte Dame zuletzt vor 60 Jahren in die Serie A. Vor dem Auswärtsspiel bei Spezia (heute, 18.30 Uhr) hat Juventus Turin mit sportlichen Nöten zu kämpfen. Auch gegen den AC Milan kam die Elf von Massimiliano Allegri nicht über ein 1:1 hinaus und hatte dabei in der Schlussphase noch Glück, keinen weiteren Gegentreffer zu kassieren. Der mit 640 Millionen Euro teuerste Kader der italienischen Liga enttäuscht bisher. Dabei hatten die Bianconeri viel vor in dieser Saison.

Schon die vergangene Spielzeit lief für Juventus nicht nach Plan. Inter Mailand entthronte die Turiner zum ersten Mal nach neun Jahren in der Serie A. Juve-Legende Andrea Pirlo musste den Trainersessel räumen und für Erfolgscoach Allegri Platz machen. Der 54-Jährige hatte die Vecchia Signora von 2014 bis 2019 zu fünf Scudetti und in zwei Champions-League-Finali geführt. Zudem kehrten mit Leonardo Bonucci, Girgio Chiellini, Federico Bernadeschi, Federico Chiesa und Neuzugang Manuel Locatelli gleich fünf Spieler als frischgebackene Europameister aus der Sommerpause zurück. Die Rahmenbedingungen waren ideal. Beinahe ideal zumindest.

Ronaldo hinterlässt Lücke

Mit dem Wechsel von Cristiano Ronaldo zu Manchester United kam Juventus einer der Schlüsselspieler der letzten Saisonen abhanden. Der Portugiese erzielte in 98 Serie-A-Partien 75 Tore. Diese Offensiv-Power ließen die Schwarz-Weißen bis dato noch schmerzlich vermissen. Als Ausrede für den miserablen Saisonstart taugt der Abgang des fünfmaligen Weltfußballers jedoch nur bedingt, immerhin stand er beim enttäuschenden Unentschieden gegen Udinese selbst noch auf dem Platz. Dennoch schmerzten der Transfer und die Gerüchte, die ihn im Vorfeld wochenlang begleiteten und für Unruhe sorgten. Die Lücke, die der 36-Jährige hinterlässt, müssen nun andere stopfen. Mit Alvaro Morata, Paulo Dybala, Moise Kean und Chiesa verfügen die Bianconeri aber über ausreichend Waffen im Angriff. Nicht viele Klubs in Italien können mit einem solchen Sturm aufwarten. Dahinter wartet ein ebenfalls stark besetztes Mittelfeld. Das Herzstück Juves ist und bleibt jedoch die Defensive. Die Hintermannschaft gehört nominell zu den besten der Welt. Neben den Euro-Siegern Bonucci und Chiellini finden sich dort auch Jungstar Matthijs de Light und klingende Namen wie Alex Sandro oder Danilo. Dazu gesellt sich mit Wojciech Szczesny ein Torhüter von Weltformat. Die Qualität des Kaders ist trotz des Wegfalls von Ronaldo unverändert hoch. Daran ändern auch die Beteuerungen Allegris, es handle sich um "eine junge Mannschaft", die noch "viel lernen" müsse, nichts. Das Durchschnittsalter beträgt 27,3 Jahre. Es ist bei weitem nicht der jüngste Kader der italienischen Liga.

Den hat mit durchschnittlich 23,4 Jahren Juves heutiger Gegner Spezia Calcio. Die Ligurier rangieren derzeit auf Platz 13 und haben erst einen knappen 2:1-Sieg gegen Aufsteiger Venedig zu Buche stehen. Der Gegner würde sich also anbieten, um Juventus eine Möglichkeit zu geben, sich aus dem Tabellenkeller zu manövrieren. Doch ausgerechnet gegen die vermeintlich kleinen Teams tat sich der Rekordmeister bisher unerwartet schwer. Gegen Empoli musste man vor heimischem Publikum eine bittere 0:1-Niederlage einstecken, bei Udinese kam man trotz zweier Tore Vorsprung nicht über ein Unentschieden hinaus.

Suche nach alter Stärke

Das liegt zum einen an der dürftigen Chancenverwertung. Lediglich 5,7 Prozent aller Torschüsse fanden den Weg ins Netz. Zudem leistet sich Juventus auch immer wieder kapitale Eigenfehler - wie zuletzt die zwei Patzer von Torhüter Szczesny gegen Udinese. Ein weiterer Knackpunkt könnten zudem physische Defizite sein. Allegri ist für eine kräftezehrende Spielweise bekannt, Juve wirkte regelmäßig in den Schlussphasen nicht mehr frisch genug. Der Alten Dame gelang bisher kein einziger Treffer in Hälfte zwei. Das alles zeigt, dass die Turiner viel Luft nach oben haben. Ein solides 3:0 in der Champions League gegen Malmö zeugte von der vorhandenen Qualität. Gelingt es Juventus, die individuellen Fehler zu minimieren, Torchancen besser zu verwerten und Leistung auch über die volle Distanz zu bringen, sollten die Bianconeri den Anschluss an die Spitzenteams der Liga wieder finden können. Ob es für ganz oben reicht, darf jedoch zumindest bezweifelt werden. Der Abstand zu Tabellenführer Napoli, dem man sich am dritten Spieltag mit 1:2 geschlagen geben musste, beträgt bereits zehn Punkte. Die Serie A ist so ausgeglichen wie seit vielen Jahren nicht. Die Neapolitaner starteten makelos in die Saison, dahinter lauern die Mailänder Großklubs, die beide erst ein Mal Punkte lassen mussten. Auch der neue Klub von Trainerlegende José Murinho, die AS Roma, hegt Titelambitionen. Abschreiben darf man Juventus allerdings noch lange nicht. Immerhin sind noch 102 Punkte zu vergeben. Und die Aufholjagd soll bereits heute in Spezia starten.