Derby in den Midlands, beliebtes Reiseziel für Jung und Alt: Ein historischer Bischofssitz, Bauten und Kulturgüter aus der Römer- und Wikingerzeit sind hier ebenso zu finden wie Industrieviertel, die an die Bedeutung der Stadt als eines der Zentren der industriellen Revolution erinnern, Mahnmale an die Kriege, die sie schwer erschüttert haben, und dann auch noch hippe Stadtteile, in denen nicht nur, aber auch der Bier-Kultur gefrönt wird; das alles eingebettet in die malerische mittelenglische Landschaft direkt am Derwent-Fluss gelegen, der den Trent mit dem Nationalpark Peak District verbindet.

Doch hinter der ebenso pittoresken wie vielseitigen Fassade brodelt es gewaltig. Denn neben den Sehenswürdigkeiten und landschaftlichen Schönheiten gibt es noch etwas, auf das man hier ganz besonders viel hält: Derby County, den in der knapp 260.000 Einwohner zählenden Stadt ansässigen Fußballklub. Seine Geschichte reicht bis ins Jahr 1884 zurück und ist nicht minder bewegt als die seiner Heimat selbst. Doch wohin die Reise für ihn führt, ist derzeit vielleicht ungewisser denn je.

Vergangene Woche wurde über den Verein ein Insolvenzverfahren eröffnet, in Folge dessen zwölf Punkte abgezogen wurden und der Gang in die dritte Liga mehr als nur wahrscheinlich ist. Auch das Damoklesschwert, dass der zweifache englische Meister (1972 und 1975) ganz von der Landkarte des Fußballs verschwinden könnte, schwebt über dem Verein. Vor der neunten Runde in der zweitklassigen EFL Championship am Samstag bei Sheffield United (16 Uhr) hält die Mannschaft bei minus zwei Punkten. Das ist jetzt auch die Welt Wayne Rooneys, der den Klub seit vergangenem Jahr trainiert. Es ist eine andere Welt als jene, in der sich der 120-fache Teamspieler früher bewegt hat. Jetzt heißt es: Überlebenskampf statt Titeljagd.

"Es ist meine Aufgabe, dem Klub etwas von seinem Stolz und seiner Würde zurückzugeben."

Ex-Fußball-Star und Derby-Trainer Wayne Rooney

Und doch ist es der auch in seiner aktiven Zeit nicht immer unumstrittene Rooney, der die Hoffnung der Fans am Leben erhält und an die Widerstandskraft der Rams (zu Deutsch: Widder), wie der Klub genannt wird, erinnert. "Ich habe schon oft gesagt, dass ich mich diesem Verein, den Spielern und den Mitarbeitern verpflichtet fühle", sagt er. "Es ist meine Aufgabe, dem Klub etwas von seinem Stolz und seiner Würde zurückzugeben."

Denn darum war es zuletzt eher schlecht bestellt. Seit der Unternehmer Mel Morris den Klub, der seit 2008 durchgehend in der zweiten Liga spielt, übernommen hat, gab es mehr Schlagzeilen aufgrund finanzieller Ungereimtheiten und undurchsichtiger Geschäfte etwa rund um das Pride-Park-Stadion als aufgrund sportlicher Errungenschaften. Aktuell sollen den Klub Verbindlichkeiten von mehr als 50 Millionen Pfund plagen. Schon in diesem Sommer hatte es aufgrund der wirtschaftlichen Turbulenzen ein Transferembargo gegeben, weitere Verfahren der Liga wegen Verstößen gegen die Regularien sind anhängig, zusätzliche Sanktionen nicht ausgeschlossen.

Morris wiederum führt die finanzielle Misere auf die Coronavirus-Pandemie zurück, die zu Einnahmeneinbußen von 20 Millionen Pfund geführt hätte. Sein einziger Fehler, sagt er, sei es gewesen, kundzutun, er würde den Verein, in den er laut eigenen Angaben mehr als 200 Millionen Pfund aus eigener Tasche gesteckt habe, auch ohne persönlichen Gewinn weiterverkaufen. "Das hat die Verhandlungsbasis geschwächt."

"Mel Morris kam als höchst erfolgreicher Geschäftsmann. Aber er hat keine Ahnung, wie man einen Fußballklub führt."

Ex-Vereinsikone Stuart Webb

Purer Altruismus also als Sündenbock? Nun ja. Tatsächlich gestaltet sich die Lage komplex, und sie hat weder ausschließlich mit den Eigentumsverhältnissen noch alleine mit Corona zu tun. Seit die Premier League sich Anfang der 90er-Jahre selbständig gemacht hat, ist es für Vereine in den unteren Etagen und jene, die quasi zwischen den Welten pendeln, immer schwieriger geworden, den Anschluss zu halten. Viele straucheln, erst vor zwei Jahren erwischte es mit dem FC Bury einen anderen Traditionsverein.

Dann kamen Corona, Spielaussetzungen, verschlossene Stadiontüren - und damit einhergehend die Befürchtung, bis zu ein Viertel der Zweitligaklubs könnten für immer in der Versenkung verschwinden. Das Horrorszenario ist nicht eingetreten, die allerschwärzesten Wolken über England haben sich mittlerweile verzogen. Dennoch sagt Rick Parry, Vorsitzender der English Football League, Englands Fußball müsse die "Reset-Taste" drücken, um nachhaltig eine breite Basis zu gewährleisten. Für Derby County könnte das zu spät kommen.

"Jede Schlacht braucht einen Anführer. Und Wayne Rooney ist dieser Mann."

BBC-Experte Ed Dawes

Doch dass es auch anders gehen kann, bewies zuletzt Leeds United: Die Peacocks bekamen in den vergangenen Jahren gerade noch die Kurve und dürfen seit dem Wiederaufstieg 2020 wieder am Premier-League-Kuchen mitnaschen. Auch Derby schnupperte zwischendurch die Höhenluft des englischen Oberhausfußballs - doch auf die damit verbundenen großen Investitionen in Infrastruktur, Spielerablösen und -gehälter folgten der harte Aufprall, sportlich mit dem abermaligen Gang in die Zweitklassigkeit wie auch finanziell.

Neu ist das für den Verein nicht, in seiner langen Geschichte ist er schon mehrmals nur knapp an der Liquidation vorbeigeschrammt. Und immer wieder haben die Rams ihre Hörner gezeigt. Dass Morris, der einen Gutteil seines Vermögens mit seiner Beteiligung an Online- beziehungsweise Handyspielen gescheffelt hat ("Candy Crush Saga"), aber unschuldig an der aktuellen Misere wäre, will niemand so recht glauben. Im Internet erntet er zynische Kommentare wie vom früheren Mittelfeldspieler George Thorne, der auf Twitter nur schrieb: "Covid ist schuld. Der Klassiker."

Stuart Webb, ehemaliger Multifunktionär und noch immer Klubikone, sprach mit BBC Radio über die Turbulenzen seiner Zeit und die Aussichten: "Wir haben zusammengearbeitet, um es am Laufen zu halten, aber jetzt sieht es danach aus, als würde es zu einem Ende kommen. Das ist wirklich besorgniserregend." Das Ausmaß des Missmanagements, so Webb, werde nun erst ans Licht kommen, dann werde man sehen, wie man damit umgehe. "Und das wird nicht zufriedenstellend sein."

Morris sei als "erfolgreicher Unternehmer" eingestiegen. "Aber er hat keine Ahnung, wie man einen Fußballverein führt", sagt Webb. Dass Morris seit 2019 versuche, den Klub an den Mann zu bringen, zeuge davon, dass er vor den Problemen davonlaufen wolle, meint Webb. Saures statt Süßes für den Zuckerl-Millionär also.

Doch ein Verkauf könnte die Probleme lösen, glaubt nicht nur Webb, sondern auch Gary Lineker, der Leicester City mit seinem Konsortium Anfang der Nullerjahre aus einer ähnlichen Patsche geholfen hatte. "Schreckliche Nachrichten für Derby", meint er - und bietet zugleich eine "Rettungsjacke und ein bisschen Hoffnung" an: "Vor 20 Jahren war Leicester ein ähnlich sinkendes Schiff. Doch die Löcher wurden gestopft, und nun reitet der Klub auf einer Erfolgswelle."

Für viele ist ohnehin nicht Morris, sondern Rooney der gar nicht so heimliche Rettungsanker. Der Trainer polarisierte zuletzt selbst, weil er mangelnde Kommunikation seitens Morris' kritisierte. Viele sehen seine Tage gezählt. Doch BBC-Experte Ed Dawes sagt: "Jede Schlacht braucht einen Anführer. Und Rooney ist dieser Mann."

Immerhin schafft es der Ex-Internationale, die Kampfmoral seiner Mannschaft hoch zu halten. "Wir werden nicht die weiße Flagge hissen", betont Mittelfeldspieler Curtis Davies. Widder können bekanntlich ganz schön unbequem werden. Das gilt auch in den nur vermeintlich beschaulichen Midlands.