Lange war es ruhig in den Fußballstadien rund um den Globus. Die Corona-Pandemie verdrängte Fußballfans aus den Arenen auf die Fernsehsessel. Nun kehren sie langsam, aber doch zurück und mit ihnen jene Fragen, welche seit Jahrzehnten Funktionäre, Klubs und Anhänger gleichermaßen umtreiben: Wie sicher soll und muss ein Stadionbesuch sein? Und welche Mittel des Rechtsstaats und der Vereine sind in dieser Hinsicht legitim?

In den Mittelpunkt gerieten diese Fragen zuletzt erneut durch eine parlamentarische Anfrage der Grünen im bayrischen Landtag, die eine der Öffentlichkeit bis dato unbekannte Praxis der Polizei des Freistaats enthüllte. In einer Datenbank mit dem Namen "EASy Gewalt und Sport" sammelten die Gesetzeshüter Informationen zu mehr als 1.600 Personen im Umfeld von Fanklubs der größten bayrischen Fußballvereine.

Eigentlich existiert ja mit der "Datei Gewalttäter Sport" bereits ein bundesweites Register, der Polizei des Freistaats ging dieses aber offenbar nicht weit genug - die neue Datenbank enthält mehr als dreimal so viele Personenvermerke. Die Einträge werden hier laut offiziellen Stellen aufgrund einer "Individualprognose" vergeben.

"Das ist ja keine lustige Spaß-Datei, der Name beinhaltet den Vorwurf der Gewalt. Man kommt aber schnell zum Schluss, dass man mitnichten in der Nähe von Gewalt sein muss, um dort aufzutauchen."

Anwalt Ralf Peisl

Die organisierte Fanszene reagierte empört auf die Enthüllungen. "Die EASy-Datei war für viele Fans ein Schlag ins Gesicht. Gerade durch Corona hätte man davon ausgehen können, dass eigentlich kein Anlass dafür besteht, diese Stigmatisierung weiter voranzutreiben", erklärt Ralf Peisl enttäuscht.

Er ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Fananwälte und übt scharfe Kritik am Vorgehen der Behörden: Die Kriterien für einen Eintrag seien weitestgehend nicht definiert, Personen, die einen Eintrag erhalten, würden zudem unzureichend darüber informiert. "Das ist ja keine lustige Spaß-Datei, der Name beinhaltet den Vorwurf der Gewalt. Wenn man sich ansieht, was die Kriterien sind, kommt man schnell zum Schluss, dass man mitnichten auch nur in der Nähe von Gewalt gewesen sein muss, um in der Datei aufzutauchen."

Der Nürnberger Anwalt fordert daher die unverzügliche Abschaffung der Datei. "Wenn man überhaupt irgendwelche Datenbanken führt, dann bitte nach seriösen Kriterien und mit proaktiver Information über einen Eintrag." Die Causa ist nur ein weiterer Streitpunkt in einem lange schwelenden Konflikt zwischen deutschen Fußballfans und Behörden. Auch Verband und Vereine geraten immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik von Anhängern. Auch während Corona.

Von Gesichtserkennung bis hin zu Venenscans

Borussia Dortmund, der 1. FC Köln und Bayern München testeten im Zuge der Pandemie Wärmebildkameras und Maskenerkennungssysteme an den Stadiontoren, die der Identifikation infizierter Personen und der Einhaltung der Hygienestandards dienen sollten. Datenschützer und Fanorganisationen meldeten sofort Bedenken an. Die Programme fanden letztlich keinen Einzug in die Covid-Konzepte der Klubs.

Andere Länder nutzen seit Jahren moderne Technik, um ein sicheres Stadionerlebnis zu gewährleisten. Beim dänischen Verein Bröndby IF muss sich seit 2019 jeder Besucher einer automatischen Gesichtserkennung unterziehen, Personen mit Stadionverbot sollen so schneller herausgefischt werden. Die hierbei eingesetzte Software gleicht die Bilder, die am Stadioneingang aufgenommen werden, mit einem internen Register ab. "Datatilsynet", die dänische Datenschutzbehörde, hatte dem Vorhaben unter dem Gesichtspunkt eines "erheblichen öffentlichen Interesses" zugestimmt.

"Wer hätte vor zwei Jahren gedacht, dass man dem Stadionbesuch den Impfpass vorweisen muss?"

Bruno Hütter, Sicherheitsverantwortlicher bei Sturm Graz, will nicht in die Zukunft blicken.

Das Nutzen sogenannter "biometrischer Daten", also physischer Identifikationsmerkmale, im Rahmen von Fußballspielen ist keine dänische Erfindung. Der ungarische Rekordmeister Ferencvaros Budapest verwendet seit mehreren Saisonen ein System mit dem Namen "BioSec LifePass". Um ins Stadion der Grün-Weißen zu gelangen, muss zunächst in einer Registrierungsstelle ein Profil der Handvenenmuster angelegt werden. Ferencvaros will so Fans mit Stadionverbot ausfindig machen und aus der Arena schaffen, zusätzlich sollen Probleme bei der Sitzplatzzuteilung und Missbrauch von Dauerkarten verhindert werden.

Bruno Hütter, Verantwortlicher für Stadionsicherheit bei Sturm Graz, sieht die Nutzung biometrischer Daten am Stadiontor kritisch. "Ich halte das für eine gefährliche Geschichte." Von einer Verwendung in Österreich würde er Abstand nehmen, der Einsatz stünde in keiner Relation zur tatsächlichen Gefahrenlage. "Die Sicherheitslage in Österreichs Stadien ist grundsätzlich sehr gut. Stadionverbote sind bei uns generell ein kleines Problem, der Weg sollte hier eher in der Prävention liegen."

Eine Insel der Seligen?

Tatsächlich sind bundesweit derzeit nur 53 Fans mit einem Stadionverbot belegt, die "Datei Gewalttäter Sport" beinhaltet laut Auskunft des Innenministeriums lediglich sieben Personen. Österreich, eine Insel der Seligen? Nicht ganz. In der letzten vollen Saison vor Corona gab es bei sämtlichen Fußballspielen in Österreich 1.044 Anzeigen.

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Im internationalen Vergleich sind die Zahlen unbedeutend. Dennoch blieb auch der heimische Fußball in den vergangenen Jahren nicht von Skandalen verschont. Homophobe Transparente, Randale und der obligatorische Feuerzeugwurf gehören hierzulande ebenfalls zum Alltag in den Stadien.

Auch die österreichische Polizei hat sich nicht immer mit Ruhm bekleckert. Im Dezember 2018 kesselten Beamte rund 1.300 Rapid-Fans ein, die so das Wiener Derby verpassten. Was in Zukunft noch auf die Fans zukommen könnte, kann auch Bruno Hütter nicht abschließend beantworten: "Ich meine, wer hätte denn vor zwei Jahren bitte gedacht, dass man beim Stadionbesuch einmal den Impfstatus vorweisen muss?"