Wer genau und wann den Begriff erfunden hat, ist nicht genau dokumentiert. Es war jedenfalls um die Jahrtausendwende, als die große Mannschaft von Bayer Leverkusen 04 - angeführt von Michael Ballack - auf nationaler wie internationaler Bühne für Furore sorgte. Doch statt Titel zu hamstern wie der deutsche Rekordmeister mit dem "n" mehr im Namen, reichte es am Ende immer nur zu Rang zwei: "Vizekusen" lautet darob seither das geflügelte und anfänglich spöttische Wort über die Werkself, die es damals in wenigen Jahren geschafft hat, vier Vizemeistertitel, zwei DFB-Cup-Finalniederlagen und zu allem Überdruss auch noch jene in der Champions League zu sammeln (2002). Doch aus dem Schmähruf der gegnerischen Fans - sogar die Briten verwenden das Äquivalent "Neverkusen" - ist längst so etwas wie ein positiv besetzter Mythos, ja sogar eine Marke geworden. Nach dem Motto, so erfolgreich musst du erst einmal sein, um so viele große Spiele verlieren zu können, ließen die Verantwortlichen von Bayer vor gut zehn Jahren sogar die Marke "Vizekusen" schützen.

Kein schlechter Schachzug, denn die Werkself vom Rhein mag zwar zu den rar gewordenen Traditionsklubs der deutschen Bundesliga zählen (seit 1979 ununterbrochen im Oberhaus), doch von einem Kultklub ist Leverkusen doch recht weit entfernt - der dröge Charme eines Aspirins lässt sich halt nur schwer abstreifen. Da kann die von Sport-Geschäftsführer Rudi "Susi" Völler zusammengestellte Mannschaft noch so groß aufspielen - wie in der bisherigen Herbstsaison. Womit wir wieder bei "Vizekusen" wären: Denn nach sieben Runden bekleiden die Leverkusner wieder einmal den zweiten Tabellenrang, allerdings ergibt sich am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) im Spitzenspiel die Chance, mit einem Sieg in der BayArena den großen FC Bayern vom Tabellenthron zu stoßen. Und damit womöglich a la longue auch jene, den eigenen (Verlierer-)Mythos endlich zu Grabe zu tragen. Zumal in der gesamten Vereinshistorie tatsächlich nur ein DFB-Pokalsieg (1993) und null deutsche Meisterschaften an zählbaren nationalen Titeln aufscheinen. Und die Bayern kommen nach deren 1:2-Heimschlappe gegen Oliver Glasners Eintracht Frankfurt gerade recht.

Mit fünf Siegen und je einem Remis und einer Niederlage weisen beide Vereine die gleiche Startbilanz auf. Nach fünf Pflichtspielsiegen in Folge liegt das Momentum aber diesmal aufseiten der vor Selbstvertrauen nur so strotzenden Werkself. "Ich habe Leverkusen jedes Jahr auf dem Zettel, weil ich finde, dass sie einen guten Blick für Spieler und einen qualitativ hochwertigen Kader haben. Wenn man sieht, wie jung die Spieler sind, ist das schon stark", merkte Bayerns Trainer Julian Nagelsmann an. Der neue Schweizer Coach Gerardo Seoane hat seiner Truppe einen sehr ansehnlichen Offensivfußball eingeimpft und zudem für Konstanz im Team gesorgt. Eines der Markenzeichen ist auch effizientes Pressing mit effektivem Umschaltspiel - denn acht der bisherigen 20 Saisontore erzielte man unmittelbar nach Ballgewinn. "Er hat eine klare Philosophie und lebt sie hier seit dem ersten Tag. Das Team versteht das und geht mit. Er erwartet von uns eine gute Mentalität, Teamgeist und eine Einheit. Dass wir die sind, dazu hat der Trainer sehr viel beigetragen", verlautete Leverkusens Mittelfeldspieler Kerem Demirbay.

Von Vize- zu Meisterkusen?

Eine ähnliche Konstellation gab es schon vor gut einem Jahr, als die Leverkusener nach zwölf Runden die Bayern sogar als Tabellenführer empfingen, dann aber nach einer 1:2-Niederlage in ein Loch fielen und am Ende nur Sechster wurden. "Ich bin sicher, dass uns das jetzt nicht passiert", meinte Innenverteidiger Jonathan Tah. "Wir sind als Mannschaft gewachsen." Wenn das stimmt, könnte 2022 das Jahr sein, in dem "Vizekusen" begraben wird. Und flugs die andere, ebenso längst geschützte Marke ausgepackt wird: "Meisterkusen".(may)

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