Nicht fit, zu langsam, nur gut beim Toreschießen, eigennützig, kompliziert, "und mein Favorit: die eigenartigste Weltklasse-Spielerin aller Zeiten". Carli Lloyd musste sich in ihrer langen Karriere als Fußballerin einige Attribute zuschreiben lassen, und es waren nicht immer die freundlichsten. Das bekennt die US-Amerikanerin in einem persönlichen Bericht auf der Online-Plattform"The Players’ Tribune".

Mit dem Bericht lenkt Lloyd, wenn auch unbeabsichtigt, die Aufmerksamkeit auch auf ein Thema, das den Sport im vergangenen Jahr begleitet hat: mentale Belastungen im Spitzensport. Heuer hat sich die Anzahl derjenigen, die darüber gesprochen haben, gemehrt. US-Turnstar Simone Biles hat sich anlässlich ihres (vorübergehenden) Rückzugs von den Olympischen Spielen darüber beklagt, nicht mehr "sich selbst" zu gehören, namhafte andere Sportler hatten die Belastungen, die teilweise in Abhängigkeiten treiben würden, angeprangert. Lloyd gibt sich diesbezüglich bedeckt - und spricht dennoch in ihrem Abschiedsartikel vieles an.


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Artikel auf "The Players' Tribune"

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Er erschien am Tag, als sie von der internationalen Bühne abtrat - als eine ihrer Lichtgestalten und unter tosendem Applaus. Ihr 316. Länderspiel für die USA war zugleich ihr letztes, sie beging es stilgemäß mit einem 6:0-Sieg im Test gegen Südkorea und fühlte, wie sie danach sagte, "Frieden und Zufriedenheit, Freude und Glück".

Dass das nicht immer so war, daran lässt die 39-jährige Offensivspielerin aber keinen Zweifel. Ja, sie trug ihren Namen unauslöschlich in die Geschichtsbücher eines Sports ein, der selbst in den USA, dem Land der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten, zu ihren Anfängen nur langsam in Fahrt kam. Lloyd hat sie erlebt, die Zeiten, in denen Versuche, eine US-Frauenfußballliga aufzubauen, krachend gescheitert sind. Sie hat sie erlebt, die Zeiten, in denen stets nur von den männlichen Fußballern geredet und geschrieben wurde. Und sie hat sie erlebt, die Zeiten, in denen auch sie belächelt wurde, als sie als kleines Mädchen großen Träumen nachhing - und nicht zuletzt die Zeiten, in denen sie selbst beinahe daran verzweifelte.

"Ich habe nicht aufgehört, einen Fuß vor den anderen zu setzen."

Carli Lloyd

Was einem nicht gesagt werde, sei, dass es nicht nur um das Spiel, nicht nur um den Ball gehe. Das beherrschte Lloyd schnell. "Das ist der einfache Part." Am Drumherum aber könne man zerbrechen.

Lloyd ist nicht zerbrochen. Es habe Tage gegeben, "da habe ich geweint, da habe ich mich nutzlos gefühlt, da war ich fertig. Aber ich habe nicht aufgehört, einen Fuß vor den anderen zu setzen", sagt sie heute.

Wohin sie ihre Füße trugen, ist mittlerweile Sportgeschichte. Ihren Abschied begeht Lloyd, die diese Saison noch für ihren Klub Gotham FC in der National Women’s Super League beenden wird, als zweifache Weltfußballerin (2015, 2016) des Jahres, als zweifache Weltmeisterin (2015, 2019), als zweifache Olympiasiegerin (2008, 2012) und als einzige Frau, die in zwei aufeinanderfolgenden Sommerspielen die Siegtreffer erzielt hat. Insgesamt sind es 134 Tore, die sie auf der Habenseite stehen hat.

Auf der anderen Seite stehen die Entbehrungen, die Tiefen, die sie auch miterlebt hat, vorwiegend der öffentlichen Zuschreibungen wegen, die sie bei ihrem Abschied anprangert, der Wahrnehmung wegen, als Spitzensportler oder Spitzensportlerin sei man so etwas wie eine (in ihrem Fall Tor-)Maschine. "Es mag für manche ein Schock sein, aber ich bin ein menschliches Wesen", schreibt sie. "Diese" Carli Lloyd, die viele in ihr gesehen hätten, "die Killerin", sei hingegen "nur eine Maske gewesen". Nun kann Carli Lloyd die Maske fallen lassen - in Frieden, wie sie noch einmal betont. "Ihr könnt mir nachsagen, was ihr wollt. Aber ich habe alles gegeben. Und ich würde es wieder tun. Sofort."