Ronald Koeman wird in den Klubannalen des FC Barcelona nur eine Randnotiz bleiben. In Wahrheit hatte der niederländische Trainer, der im Sommer des Vorjahres gekommen war, nie eine Chance - auch wenn die Messlatte nach einer titellosen Saison sowie dem blamablen 2:8 gegen den FC Bayern im Champions-League-Viertelfinale unter seinem Vorgänger Quique Setien nicht allzu hoch lag. Am Donnerstag in den frühen Morgenstunden, kurz nach dem 0:1 bei Rayo Vallecano, der vierten Niederlage aus den jüngsten sechs Spielen, war sein Ende dann auch besiegelt - es war zugleich das Ende eines Missverständnisses.

Denn viele Fans hatte Koeman in Barcelona noch nie. Schon zu Beginn seiner Amtszeit soll er sich unter anderem mit dem Damals-noch-Barca-Superstar Lionel Messi überworfen haben. Die Wogen wurden zwar geglättet, gegen die Macht des Geldes konnten die Beschwichtigungen aber nichts ausrichten.

Nun ist Geld zwar nicht einmal im Fußball alles, wichtig ist aber auch da, dass man rechtzeitig drauf schaut, dass man’s hat, wenn man’s braucht. Und genau das konnte der FC Barcelona nicht bieten. Ein Schuldenberg von 1,35 Milliarden Euro führte heuer zu einem Ausverkauf der Stars inklusive Messis, mit 98 Millionen Euro hat Barca nur noch den siebenthöchsten Personaletat der spanischen Liga - und damit nur ein Achtel dessen zur Verfügung, das Erzrivale Real Madrid für Neuverpflichtungen, Spielergehälter, Trainer und Akademie ausgeben kann.

Doch Koemans Verweise auf den Engpass und die Jugend seiner Truppe halfen ihm schließlich ebenso wenig wie mitunter skurrile öffentliche Auftritte. Barca wiederum hatte es nichts genützt, dass man versucht hatte, mit ihm an die alte holländische Schule anzuschließen, mit der früher auch aus weniger vieles machbar war.

Und doch versuchen die Katalanen nun offenbar erneut, Anleihen an der glorreichen Vergangenheit zu nehmen. Die (nicht überraschende) Nachricht, dass Koeman nun Geschichte ist, hatte es noch nicht einmal durch alle Kanäle geschafft, da wurde sein Name schon von einem weiteren aus den Schlagzeilen verdrängt. Während der Klub noch keinen Nachfolger bekanntgab, waren sich spanische Medien (und das Internet) rasch sicher, dass nun Xavi Hernandez beim Nou Camp ante portas stehen soll.

Noch in der Nacht sollen die Drähte zwischen Barcelona und Doha, wo die ehemalige blau-rote Vereinsikone aktuell als Trainer werkt, heiß gelaufen sein; schon am Freitag wird Xavi in Barcelona erwartet.

"Ich werde nicht verheimlichen, dass es immer mein Wunsch bleibt, irgendwann einmal Barca-Trainer zu sein."

Xavi Hernandez im Jänner 2020

Sollte es zu dem kolportierten Engagement kommen, hätte das für den FC Barcelona zumindest einen Vorteil: Groß vorzustellen bräuchte man Xavi wohl nicht. Anders als Koeman hat sein mutmaßlicher Nachfolger seinen Platz in der Geschichte des Vereins längst sicher, lange noch, bevor er auf der Trainerbank Platz genommen hat. Von 1998 bis 2015 hat er das Trikot der Blaugrana getragen, dabei 27 Titel, darunter acht Mal jenen in der spanischen Liga, vier Mal in der Champions League geholt.

Doch die Bedeutung des Mannes aus Terrassa bei Barcelona geht weit über die Anzahl seiner Trophäen hinaus. Der Mittelfeldspieler bildete zu seiner Zeit ein magisches Dreieck mit den offensiver ausgerichteten Andres Iniesta und Messi, gemeinsam mit ihnen verkörperte er nicht nur den prägenden Stil des Tiqui-Taca, mit dem nicht nur der FC Barcelona, sondern auch die spanische Nationalmannschaft mit den EM-Titeln 2008 und 2012 sowie dem WM-Gewinn 2010 große Erfolge erzielte - er war quasi der Taktstock des Tiqui-Taca, wie auch die "Wiener Zeitung" anlässlich seines Abschieds aus der katalanischen Metropole, unmittelbar nach dem bisher letzten Champions-League-Triumph 2015, schrieb. Der Weltfußballverband Fifa wiederum ehrte ihn bei seinem Rücktritt als aktiver Spieler - 2019 bei Al-Sadd - als "Picasso des Fußballs".

Daraus dass Xavi auch nach seinem Gang in die Wüste stets mit einem späteren Engagement bei seinem früheren Klub liebäugelte, machte er nie einen Hehl. Schon Anfang des Vorjahres war die nunmehrige Ex-Führung an ihn herangetreten, erzählte er damals. "Aber es war für mich noch zu früh, den FC Barcelona zu trainieren", sagte er. "Ich werde aber nicht verheimlichen, dass es mein Wunsch bleibt, irgendwann als Barcelona-Trainer zurückzukehren."

Ob es indessen auch eine Rückkehr zu alten Erfolgen sein wird, ist zweifelhaft. Aktuell verfügt der FC Barcelona weder über die Spielerpersönlichkeiten wie damals ihn selbst, Iniesta und Messi - die größte Hoffnung heißt derzeit Ansu Fati, ist 18 Jahre alt und schon wieder verletzt -, noch über das nötige Geld, solche zu kaufen - und auch nicht über eine spielerische Identität. Tiqui-Taca hat sich international längst totgelaufen, auch Xavi wird wissen, dass es in vielerlei Hinsicht einen Aufbruch zu neuen Ufern braucht.

Ein Name allein schafft es vielleicht in die Geschichtsbücher - aber nicht zwangsläufig zu Triumphen auf dem Rasen.