Es gibt in der jüngeren Fußballgeschichte kaum einen nutzloseren Sieg als jenen des fast vergessenen sowjetukrainischen Vereins Metalist Charkow am 2. November 1991 über den großen ZSKA Moskau. Die Gastgeber gewannen das Ligaspiel zwar überraschend mit 3:2, aber so recht freuen konnten sie sich nicht. Nicht, weil man damit den Armeeklub aus der Hauptstadt, der bereits vor dem Anpfiff als sowjetischer Meister festgestanden war, noch hätte ärgern können. Es waren vielmehr die politischen Umstände und das Bewusstsein, das letzte Mal mit diesen Dressen, in dieser Formation und vor diesem Publikum auf dem Rasen des Charkower Metalist-Stadions gestanden zu sein, welches die Spieler ernst blicken ließ. Mit dem letzten Spieltag am 2. November 1991, vor 30 Jahren, löste sich die sowjetische Oberste Liga, genannt Wysschaja, endgültig auf, und die Fußballvereine glitten in die nationalen Ligen der unabhängig gewordenen Staaten über. Lediglich der ab 1993 von den Landesmeistern der Ex-Sowjetrepubliken ausgespielte sogenannte GUS-Pokal blieb noch einige Jahre als post-sowjetische Klammer bestehen.

Dabei hatte die Wysschaja Monate vor ihrem Ende ihr 55. Bestandsjubiläum gefeiert. Am 22. Mai 1936 unter dem Namen Gruppa A gegründet, schwang sich das sowjetische Format nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer der besten Ligen Europas auf und eroberte in der Spielzeit 1988/89 sogar den zweiten Platz der Uefa-Fünfjahreswertung. Die schier große Ausdehnung des Sowjetimperiums ließ sich wiederum anhand der Tabelle gut ablesen. Neben den großen Klubs Kernrusslands wie ZSKA, Zenit Leningrad oder SKA Rostow drängten sich auch Teams aus der Ukraine, Belarus, dem Kaukasus und Zentralasien in der Obersten Liga. Während einige orientalisch anmutende Vereinsnamen wie Pamir Duschanbe, Dynamo Kirowabad oder Kairat Alma Ata heutzutage aus der Welt gefallen scheinen, klingen viele andere noch vertraut. Die Moskauer Meisterklubs ZSKA, Torpedo, Dynamo und Spartak zählen hier ebenso dazu wie Dinamo Minsk, Ararat Jerewan, Dinamo Tiflis und Dnepr Dnepropetrowsk, der Angstgegner eines jeden Radiomoderators.

Allein an einem Klub kommt kein waschechter Fußballfan vorbei - dem einst sowjetischen (und seit 1992 ukrainischen) Serien- und Rekordmeister Dynamo Kiew. 13 Meistertitel haben die Ukrainer zwischen 1936 und 1991 gewonnen, um einen mehr als Spartak Moskau und beinahe doppelt so viele wie der ZSKA. Hinzu kamen 9 nationale Pokalsiege sowie internationale Erfolge wie der Europapokal der Pokalsieger 1974/75 und 1985/86 oder der Uefa-Super-Cup 1975, als die Ukrainer etwa im Finale den großen FC Bayern München schlugen. In der ukrainischen Premjer Liha indes halten die Kiewer nach 31 Saisonen bei 16 Meisterschaftstiteln.

Das "Todesspiel" von 1942

Damit zählt Dynamo Kiew (1927 gegründet) zu den erfolgreichsten europäischen Vereinen überhaupt. Auch, dass man in fast 100 Jahren kein einziges Mal absteigen musste, rang und ringt der Konkurrenz Respekt ab. Lediglich während der Zeit des Zweiten Weltkriegs ruhte der Ball in Kiew - wenn auch nicht ganz. Am 9. August 1942 kam es unter deutscher Besatzung zu einem Fußballspiel zwischen dem Kiewer Verein FK Start, dessen Spieler von Arbeitern einer Brotfabrik, überwiegend Dynamo-Spieler, gestellt wurde, und einer "Flakelf" der deutschen Wehrmacht. Nachdem die Ukrainer das Spiel 5:3 gewonnen hatten, wurden mehrere Dynamo-Akteure von der Gestapo verhaftet und unter anderem ins Konzentrationslager Syrez deportiert, wo zumindest drei Fußballer starben. Ob die Männer tatsächlich, wie die Sowjet-Propaganda später behauptete, aus Rache für die Fußball-Niederlage ermordet wurden, wird heute von Historikern angezweifelt. Vielmehr dürften die Spieler denunziert und die Morde aus anderen Motiven- angebliche Fluchtversuche oder Diebstahl - verübt worden sein.

Seit 1971 erinnern vor dem Portal des Kiewer Start-Stadions Skulpturen von drei Opfern an das "Todesspiel" von 1942. Manifestationen großer Kicker findet man in Kiew - ebenso wie die obligatorischen, aber mittlerweile abgerissenen Leninstatuen übrigens - hingegen kaum. Dabei hätte zumindest ein Sohn der Stadt, wenn auch vielleicht nicht im Range eines Cristiano Ronaldo, ein Denkmal verdient: Oleg Blochin. Der 1952 in Kiew geborene Starfußballer und Trainer zählte nicht nur zu den besten Spielern der Ukraine, sondern überhaupt der Sowjetunion. 433 Spiele hat er zwischen 1969 und 1988 im Dress des Dynamo Kiew bestritten und nicht weniger als 211 Tore erzielt. "Blokha", der Floh, wie Blochin genannt wurde, wurde mehrfach zum ukrainischen und sowjetischen Fußballer der Jahres gewählt, 1975 sogar zu Europas Fußballer des Jahres. Gemeinsam mit 101 Einsätzen und 35 Toren für die Nationalmannschaft (1972 bis 1988) gilt Blochin bis heute als Rekordtorschütze und Rekordspieler und damit als der erfolgreichste sowjetische Kicker der Geschichte.

Die Gelegenheit, seine Karriere bei einem großen westlichen Verein fortzusetzen, blieb Bochin lang verwehrt. Dies hatte politische, aber auch familiäre Gründe. "Es hätte nur einen einzigen Weg gegeben", sagte er einmal. "Vollständig zu emigrieren, meine Familie und meine Eltern zurückzulassen und akzeptieren zu müssen, nie mehr für Dynamo Kiew oder die Nationalmannschaft zu spielen." Erst im Alter von 35 Jahren, 1988, gaben ihn die Herren im Kreml frei - und Blochin wechselte ausgerechnet zum österreichischen Zweitligisten Vorwärts Steyr. Eingefädelt hat den Deal der Sportmanager Robert Tichy, der dabei mit einem Bündel Dollarscheinen nachgeholfen haben soll.

Von Steyr nach Limassol

Für Blochins Karriere kam der Transfer um ein Jahrzehnt zu spät. Nach einer Saison in Steyr wechselte er zu Aris Limassol nach Zypern. Im Jahr 1990 beendete er seine Laufbahn als Spieler und nahm den Trainerposten beim griechischen Klub Olympiakos Piräus an. Von den Stränden der Ägäis aus beobachtete Blochin, der zwischen 2012 und 2014 unter anderem noch die ukrainische Nationalmannschaft trainierte, im November 1991 das leise Ende der sowjetischen Liga. Sein Stammklub Dynamo Kiew existiert heute noch, steht in der Ukraine - wie Red Bull Salzburg in Österreich - unangefochten an der Spitze und spielt regelmäßig im Europacup. Dies tat im Übrigen auch der sowjetische Pokalsieger von 1988, Metalist Charkow. In der Saison 2008/09 zog der Klub ins Uefa-Pokal-Achtelfinale ein, 2011/12 spielte man Europa League und schaffte - nach Siegen über Austria Wien und Salzburg - sogar den Sprung ins Viertelfinale. 2016 wurde Metalist nach 91 Bestandsjahren aufgelöst.