Trainereffekt beim Gegner hin, mangelnde Chancenauswertung in den eigenen Reihen her - der mögliche vorzeitigen Achtelfinaleinzug von Red Bull Salzburg in der Champions League wurde am Dienstagabend verpasst. Das 1:2 beim VfL Wolfsburg bescherte trotz neuerlich mutigen Auftretens zudem die erste Saisonniederlage. Diese Negativpremiere beunruhigte Coach Matthias Jaissle allerdings keineswegs, zumal er wieder eine ansprechende Leistung seiner jungen Elf zu sehen bekam: "Heute wurden wir für ein richtig gutes Spiel nicht belohnt", sagte er.

Mit einem Sieg hätte sich Salzburg erstmals in der Klubgeschichte und als erster Verein Österreichs ins Achtelfinale der Königsklasse geschossen. So aber muss die Bullen-Truppe nach der ersten Pflichtspielniederlage nach 21 Partien (bei 3 Remis) noch warten, auch wenn sie mit 7Punkten weiter Spitzenreiter in Gruppe G bleibt. Und damit weiter vor Lille, Wolfsburg (je 5) und Sevilla (3) liegt.

Rückblickend sollte Jaissle recht behalten: "Eine ganz andere" Mannschaft hatte der Deutsche im Hinblick auf einen Gegner angekündigt, der beim 3:1-Sieg in Salzburg vor zwei Wochen noch reichlich verunsichert und defensiv anfällig aufgetreten war. Davon war im zweiten Spiel unter Florian Kohfeldt, Nachfolger des glücklosen Mark van Bommel, drei Tage nach dem befreienden 2:0 über Bayer Leverkusen nichts mehr zu sehen. Die Dreier- respektive Fünferkette hatte (fast) alles unter Kontrolle, nach der frühen Führung durch Ridle Baku (3.) spielte sie lange die Hauptrolle beim VfL. Denn das Offensivrezept erschöpfte sich zumeist in hohen Bällen auf den nach einer Corona-Erkrankung zurückgekehrten Sturmtank Wout Weghorst. Erst nach dem Ausgleich durch einen gefühlvollen Freistoß von Maximilian Wöber (30.) sahen sich die Hausherren vor lediglich 16.112 Zuschauern wieder zu konstruktiveren Offensivaktionen genötigt. "Wir hatten heute Feuer im Bauch. Wir haben einfach das Selbstvertrauen zurückbekommen", merkte Lukas Nmecha an, der seine Truppe mit dem Siegtreffer (60.) belohnte. So wie es beim 0:1 Salzburgs Außenverteidiger Rasmus Kristensen nicht perfekt machte, sah bei Nmechas Knaller unter die Latte Wöber im 1:1-Duell schlecht aus.

"Ein Entwicklungsprozess"

Vielleicht lag es aber auch daran, dass just einer, der bisher den Unterschied ausmachte, nicht an seine bisherigen Glanzvorstellungen anschließen konnte - nämlich Stürmer Karim Adeyemi. Ihm versagten zwei Mal allein vor dem Gehäuse die Nerven. "Ich bin extrem enttäuscht von mir und zu Recht ausgewechselt worden. Die Chancenauswertung war nicht so gut, und bei Wolfsburg ist gefühlt jeder Schuss reingegangen", meinte der 19-Jährige. Jaissle nahm Adeyemi, aber auch dessen Kollegen in Schutz. "Bei so jungen Burschen gehört es dazu, das ist ein Entwicklungsprozess. Deshalb sind sie hier bei uns in Salzburg", merkte der Deutsche an. Er versuche, das Geschehen "recht neutral einzuordnen". Schließlich sprachen Ballbesitz (55:45) und Torschüsse (14:8) auch statistisch für seine Truppe. "Wir sind nicht zufrieden, aber unser Spiel, unsere Leidenschaft, unsere Qualität waren schon top", betonte Kristensen, der nur "Kleinigkeiten, die heute nicht gepasst haben", monierte. Sein Fazit: "Wir haben noch zwei Finale. Wir müssen schärfer sein." Für den stark spielenden Mittelfeldmann Nicolas Seiwald (20), den wohl Teamchef Franco Foda nicht länger übersehen kann, war die Enttäuschung groß, erstmals mit leeren Händen dazustehen: "In der Kabine ist es still wie nie zuvor. Wir ärgern uns natürlich. Aber wir haben noch zwei Spiele, zwei Matchbälle - und die werden wir verwerten", meinte der Salzburger.

In drei Wochen wartet auswärts der französische Meister Lille, wo wiederum ein Sieg zum Achtelfinal-Aufstieg reicht. Bei jedem anderen Ergebnis kommt es am letzten Spieltag zum Showdown gegen den bisher enttäuschenden Gruppenfavoriten Sevilla - in der ausverkauften Bullen-Arena.(may)