Österreichische Spotfans werden sich vielleicht noch an die Handball-WM 2015 in Katar erinnern: Damals schrammte die ÖHB-Auswahl um Viktor Szilagyi nur hauchdünn an der Sensation namens Viertelfinale vorbei - weil man der aus aller Herren Länder zusammengekauften Legionärstruppe des Gastgeberlandes im Achtelfinale knapp mit 27:29 unterlag. Katar, das für den Handball-WM-Traum damals Spieler aus Montenegro, Bosnien, Frankreich, Kuba, Tunesien und Ägypten engagiert hatte, schaffte es damals tatsächlich bis ins WM-Finale, wo dann die Grande Nation eine Nummer zu groß war. Dass sich Ähnliches auch in der in einem Jahr beginnenden Fußball-WM (21. November bis 18. Dezember) im Wüstenemirat zutragen wird, gilt indes nahezu als ausgeschlossen. Da die Fifa keine zusammengekauften Weltauswahlen erlaubt, muss der totalitär regierte Kleinstaat von der Größe Oberösterreichs mit dem vorhandenen Spielermaterial auskommen - und dieses beweist aktuell nicht gerade große Form.

Denn großteils unbemerkt von der Fußball-Öffentlichkeit haben die "Weinroten" soeben eine wesentliche Etappe in der WM-Vorbereitung abgeschlossen - und zwar durchaus blamabel. Die automatisch qualifizierten Gastgeber durften nämlich in der europäischen Qualifikationsgruppe A - mit Serbien und Portugal - mitwirken und dort auf Freundschaftsspielbasis zehn Quasi-Bewerbspartien austragen. Wie die fiktive Abschlusstabelle zeigt, wäre der 46. der Fifa-Weltrangliste aber ein Jahr vor WM-Start sicher nicht WM-würdig, denn in Gruppe A landete man mit neun Punkten nur auf dem vorletzten, fünften Platz - Torverhältnis 8:23. Auf die direkt qualifizierten Serben fehlen 15, auf den Play-off-Platz Portugals 13 Punkte. Lediglich gegen die Fußballnachzügler Aserbaidschan (2:1/2:2) und Luxemburg (1:0/1:1) gab es Siege respektive Punktgewinne, und auch den Iren konnte ein Zähler abgetrotzt werden (1:1/0:4). Gegen die Top-Teams der Gruppe setzte es empfindliche Schlappen - 0:3/1:3 gegen Cristiano Ronaldos Portugiesen, zwei Mal 0:4 gegen die Serben. Das muss freilich noch nichts heißen, falls es mit einem der beiden Teams in einer der acht Vorrunden-Gruppen ein Wiedersehen gibt. Schließlich hat schon der Heimvorteil so manch limitiertes Team beflügelt, und man hat die Katarer auch schon besser gesehen. Ein Wunschlos ist der fix in Topf eins gesetzte Gastgeber aber insgeheim für jeden WM-Teilnehmer.

Asien-Titel 2019

Tatsächlich ist Katar zwar auf der großen internationalen Fußballbühne ein weitgehend unbeschriebenes Blatt - mit exakt null WM-Teilnahmen bisher. Seit des umstrittenen WM-Zuschlages anno 2010 haben die Scheichs aber nicht nur Milliarden in die aufzubauende Stadion-Infrastruktur investieren müssen (und dabei bekanntlich Schindluder mit den Menschenrechten getrieben), sondern auch Millionen in den Aufbau einer konkurrenzfähigen Mannschaft. Und das hat zwischenzeitlich auch schon erste Erfolge gezeitigt, wie der Gewinn der Asien-Meisterschaft 2019 beweist, als auf dem Weg zum Titel WM-erfahrene Kaliber des Kontinents wie Südkorea und Japan (3:1-Finalsieg) aus dem Weg geräumt werden konnten. Diesen Erfolg zu verdanken haben die Katarer zu einem großen Teil den Trainerkünsten von Félix Sánchez Bas. Bas, wer? In der Tat ist der 45-jährige Spanier ein U-Boot im internationalen Fußball-Business (zumindest bis zum Asien-Titel). Nennenswert in seiner Trainer-Vita ist ein zehnjähriges Engagement in der Jugend des FC Barcelona, ehe er 2013 im katarischen Verband andockte und dort via U19 und U23 im Jahr 2017 den Teamchefsessel erklomm. Ein Profil als Spieler existiert über Sánchez Bas ungewöhnlicherweise gar nicht. Jedenfalls steht er für jene Kontinuität, die die Scheichs zuvor hatten vermissen lassen und darob allerlei Trainer-Legionäre im Jahresrhythmus an den Golf lockten, um den unmöglichen, schnellen Erfolg zu bekommen. Wie Bruno Metsu, Milovan Rajevac und Sebastião Lazaroni. Sánchez Bas’ Konzept ist es, die von ihm schon in den Nachwuchsauswahlen zusammengestellte Truppe langsam nach oben zu führen - mit möglichst vielen hochkarätigen Gegnern, die dank der vollen Portokasse der international vernetzten Scheichs auch zu bekommen sind. "Mit harter Arbeit können auch die jungen Spieler aus Katar große Ziele erreichen", bekannte Sánchez Bas einmal in einem Interview.

Kein einziger Legionär

Mittlerweile sind seine Spieler im besten Fußballalter (Schnitt 26,3 Jahre), allerdings kann sich kein einziger in einer ausländischen Liga mit den Besten messen. Teuerster Akteur ist laut "Transfermarkt" Linksaußen Akram Afif mit 3,7 Millionen Euro Marktwert, der so wie ein Großteil seiner Teamkollegen beim 15-fachen Meister Al-Sadd unter Vertrag steht. Prominentester Spieler ist wohl Mittelstürmer Almoez Ali (3Millionen), der 2015 kurz für den LASK im Einsatz war, ehe er beim Asien-Cup-Triumph mit neun Toren zum Spieler des Turniers erkoren wurde. Ali ist übrigens im Sudan geboren und damit kein waschechter Katarer - so wie einige seiner Teamkollegen ihre Wurzeln in Portugal, Ghana, Algerien oder Irak haben. Katar ist dann doch etwas zu klein, um ohne Hilfe anderer "good football" machen zu können. Wie gut dieser wirklich ist, wird man dann in einem Jahr sehen.