Wer hat den brutalen Anschlag zweier unbekannter Männer mit einer Eisenstange auf die französische Fußballspielerin Kheira Hamraoui in Auftrag gegeben? Eine neidische Teamkollegin der Nationalmannschaft oder beim Fußballklub Paris Saint Germain (PSG)? Oder die eifersüchtige Frau eines Mannes, mit dem die 31-jährige Hamraoui eine Affäre hatte, sprachen die Angreifer doch laut Zeugen von einem "verheirateten Mann"? Und hat der ehemalige französische Weltklasse-Abwehrspieler Éric Abidal etwas mit der Sache zu tun? Frankreichs Sportwelt rätselt - und die Polizei ermittelt.

Die Mittelfeldspielerin war am Abend des 4. November mit ihrer Teamkollegin Aminata Diallo auf dem Rückweg von einem von PSG organisierten Abendessen im Westen von Paris, als zwei maskierte Männer das Auto anhielten und beide Frauen herauszerrten. Während einer von ihnen Diallo festhielt, schlug der andere mit einer Eisenstange auf Hamraoui ein und verletzte sie an den Beinen und den Händen. Sie trug Hämatome davon, musste im Krankenhaus genäht werden und stand in der Folge vorerst nicht mehr auf dem Fußballplatz. Aminata Diallo, die am Steuer gesessen war, blieb unversehrt, geriet aber als Hauptverdächtige ins Visier der Ermittler und verbrachte 35 Stunden in Untersuchungshaft. Nach umfassenden Befragungen kam die 26-Jährige, die wie Hamraoui Mittelfeldspielerin bei PSG und bei den Bleues ist, wieder auf freien Fuß: Der Verdacht, sie habe ihre Kameradin in einen Hinterhalt gelockt, hatte sich nicht erhärtet. Bis dahin hatten Beobachter sich schon an den Skandal im US-amerikanischen Eiskunstlauf erinnert gefühlt, als die Läuferin Nancy Kerrigan 1994 kurz vor den Olympischen Winterspielen bei einem Anschlag mit einer Eisenstange am Knie verletzt wurde - im Auftrag vom Ehemann ihrer Konkurrentin Tonya Harding, wie sich später herausstellte. Kerrigan holte trotzdem noch Silber bei Olympia, Harding erreichte nur Platz acht.

Im Fall Hamraouis gehen die Ermittler inzwischen eher von einer "privaten Rache" aus. Tage vor dem Angriff hatten vier PSG-Spielerinnen Anrufe von einem anonymen Mann erhalten, der sich als Ex-Freund Hamraouis ausgab. Er sagte, sie habe sein Leben zerstört und er werde sich rächen. "L’ Équipe" zufolge habe er präzise Details aus ihrem Leben und über die Frauen-Fußballmannschaft bei PSG gekannt.

Demnächst dürfte zudem Éric Abidal befragt werden, der in engerem Kontakt zu Hamraoui steht. Auch kurz nach dem Angriff soll sie ihn laut der Zeitung "Le Monde" angerufen und gefragt haben, ob seine Frau dazu fähig wäre, ihr Schaden zuzufügen. Sie benutzte zudem eine auf Abidal registrierte Chipkarte und hatte laut Medienberichten gegenüber der Polizei gesagt, die SIM-Karte ihres Handys laufe "auf den Namen ihres Ex". Abidal, der heute beim TV-Sender Canal+ Fußball-Matches analysiert, war nach seiner Profi-Karriere sportlicher Leiter des FC Barcelona, während Hamraoui dort von 2018 bis 2020 unter Vertrag stand. Der 42-Jährige streitet jede Verwicklung in den Fall ab. Inzwischen ließ auch Abidals Ehefrau Hayet, Mutter seiner vier Kinder, wissen, sie wolle vor den Ermittlern aussagen, um "die Gerüchte zu beenden". Der zuständigen Staatsanwaltschaft von Versailles zufolge handele es sich nur um eine Spur von mehreren, der man nachgehe. Hamraoui hatte ausgesagt, nie eine Liebesbeziehung mit einem verheirateten Mann geführt zu haben. Sie selbst bat in einer Presseerklärung um Respekt vor ihrem Privatleben und ihrer Entscheidung, öffentlich zu den Vorfällen zu schweigen.