Detailverliebten Fans des Fußball-Europacups wird spätestens jetzt auffallen, dass heuer etwas anders ist. Denn die Uefa hat nicht nur die Auswärtstorregel entsorgt, sondern still und heimlich auch den seit Äonen bewährten Spielmodus in den Gruppenphasen verändert - die Hin- und Rückrunde sind nun nämlich komplett gespiegelt. Und daher trifft Österreichs Serienmeister Red Bull Salzburg am Dienstag (21 Uhr/Sky) am fünften Spieltag auswärts auf den französischen Titelträger OSC Lille, der in Runde zwei zu Hause mit 2:1 besiegt werden konnte. Nach alter Spielart wäre eigentlich der erste Gruppengegner, FC Sevilla, nun zu Gast in Wals-Siezenheim gewesen. Recht viel ändert sich für die Salzburger dadurch freilich nicht, denn das letzte Heimspiel der Gruppenphase findet Lockdown-bedingt so oder so vor leeren Rängen statt. Und Ziel bleibt ohnedies, mit einem weiteren Sieg den erstmaligen Einzug in die K.o.-Phase der Königsklasse zu schaffen - entweder nun in Lille oder am 8. Dezember in Salzburg.

Tatsächlich ist die Ausgangsposition für Andreas Ulmer und Co., die am Samstag bei der matten Nullnummer gegen die Admira offenbar schon in Gedanken in Lille waren, derart simpel: Zwar ist das Feld nach der unglücklichen Niederlage zuletzt in Wolfsburg etwas zusammengerückt, dennoch hat der rot-weiß-rote Gruppenprimus immer noch Matchball. Nunmehr den zweiten. Mit einem Sieg wäre man vorzeitig durch; mit einem Remis, wenn Sevilla im Parallelspiel gegen Wolfsburg kein Heimsieg gelingt; und selbst bei einer Niederlage hätte man es dann gegen Sevilla immer noch in der Hand, aus eigener Kraft aufzusteigen - ein Dreipunkter vorausgesetzt.

Wie bisher am Spielfeld - mit offensivem Selbstbewusstsein - agierten die Salzburger im Vorfeld des möglichen Entscheidungsspiels auch verbal: "Wir fahren mit einer breiten Brust nach Lille und wollen sie natürlich noch mal ärgern. Wir sind guten Mutes und gut vorbereitet", sagte Trainer Matthias Jaissle am Salzburger Flughafen. Zugleich - auch das eine bewährte Tugend - tat er den Teufel, den kommenden Gegner aus dem Land des Fußball-Weltmeisters in nur irgendeinerweise kleinzureden. Lille sei eine "Topmannschaft" mit "unfassbarer Qualität", also gilt: "Wir müssen auf der Hut sein." Immerhin kann sich Lille mit einem vollen Erfolg vor dem letzten Spieltag plötzlich in die Gruppe-G-Pole-Position hieven.

Dass der aktuelle Zwölfte der Ligue 1 schlagbar ist, zeigten die Salzburger beim Heimerfolg Ende September. Jaissles Personal ist unverändert, sogar dieselbe Startformation wie im Hinspiel Ende September gilt als wahrscheinlich, wiewohl hinter Angreifer Noah Okafor, der an einer Oberschenkel-Verhärtung laboriert, ein kleines Fragezeichen steht.

Der Schweizer Teamspieler gab unumwunden zu, die Dinge am liebsten schon am Dienstag zu regeln. "Wir haben uns eigentlich vorgenommen, immer von Spiel zu Spiel zu schauen", sagte der 21-Jährige, zugleich gestand er aber: "Die Tabelle ist immer ein bisschen im Hinterkopf."

Auf den Dämpfer in Wolfsburg - gleichbedeutend mit der ersten Pflichtspielniederlage heuer - folgten in der Bundesliga ein glanzloses 1:0 gegen die Wiener Austria und das Remis gegen die Südstädter. Doch Jaissle lächelte die Frage nach dem aktuell fehlenden Killerinstinkt bei Karim Adeyemi und Co. milde weg. "Am Wochenende hatten wir auch ein Stück weit Pech." Das habe er auch in seiner morgendlichen Ansprache an die Mannschaft klar gemacht. "Ich bin mir sicher, dass wir das morgen schon wieder besser machen." Auch Okafor meinte: "Wir sind fähig, jeden Gegner zu ärgern und zu schlagen."

"Wird ’ne geile Atmosphäre"

Von einem Geisterspiel, wie sie in Österreich nun wieder verordnet sind, wird die Partie im knapp 50.000 Zuschauer fassenden Stade Pierre Mauroy weit entfernt sein. Das für die EM 2016 gebaute Stadion genießt durch sein schließbares Dach zudem den Ruf eines Hexenkessels. Auch wenn die Fans der Bullen-Truppe nicht (mehr) mitdurften, freut sich Jaissle darauf: "Das wird ’ne geile Atmosphäre sein." Doch Feierstimmung kam zuletzt in Lille, das seit fünf Liga-Spielen ohne Sieg ist, selten auf. "Die Doggen sind müde", hieß es zuletzt - und nun auch ersatzgeschwächt. Das gesamte Dreiermittelfeld vom 2:1-Erfolg in Sevilla könnte fehlen: Benjamin André und Jonathan Ikoné sind gelbgesperrt, Portugals Nationalspieler Renato Sanches machen die Adduktoren zu schaffen. Der Matchball liegt also für Salzburg bereit - verwertet ist er aber noch nicht.