Die Ausgangslage von Red Bull Salzburg ist vor dem letzten Gruppenmatch der Champions League deutlich besser als in den vergangenen beiden Saisonen - und sie ist deutlich schlechter. Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich rasch auflösen: Nach der 0:1-Niederlage am Dienstagabend in Lille reicht der Bullen-Truppe am 8. Dezember im Heimspiel gegen Sevilla ein Remis zum ersehnten Achtelfinalaufstieg. Vor zwei Jahren (gegen Liverpool) und im Vorjahr (gegen Atletico Madrid) musste es schon ein Sieg sein, um die Königsklassen-Glückseligkeit zu schaffen. Und bekanntlich hat man sie nicht geschafft, sondern beide Male sogar verloren. Sollte dies gegen die Andalusier wieder passieren, droht sogar das jähe Europacup-Aus, weil dann gar der Rückfall auf Rang vier möglich ist. In den beiden Spielzeiten zuvor waren die Salzburger indes schon mit dem Europa-League-Umstieg abgesichert. Ein Ausscheiden mit drei Pleiten in der Rückrunde wäre nach dem Glanzstart mit sieben Zählern in den Hinspielen nicht nur besonders bitter, sondern auch einmalig in der Königsklassen-Historie.

In der Gruppe G geht es derart eng zu, dass sich nicht einmal Tabellenführer Lille in Sicherheit wiegen kann - bei einer Niederlage in Wolfsburg wäre der französische Meister nicht in der Runde der besten 16 mit dabei.

Doch abgesehen von diesen Aufstiegsszenarien dominierte nach der Niederlage in Nordfrankreich die Frage, warum denn so plötzlich der Schwung aus dem zuvor noch so erfrischenden Offensivspiel der Salzburger verloren gegangen ist. Wie schon bei der Pleite in Wolfsburg wäre deutlich mehr möglich gewesen, wenn denn die (wenigen) Chancen verwertet worden wären; außerdem hat es den Eindruck, als wären manche Akteure - etwa Karim Adeyemi - von der Form des Frühherbsts meilenweit entfernt. In seiner besten Szene war freilich auch Pech mit dabei - Pech, das es in der Hinrunde noch nicht gab: Statt eines Elferfouls an ihm erkannte der Schiedsrichter nur auf Freistoß - eine Millimeterentscheidung an der Strafraumgrenze. Faktum ist aber, dass die Salzburger Bank im Offensivbereich nicht wirklich hochkarätig besetzt ist und der verletzt zum Zuschauen verdammte Noah Okafor im Sturm allen Ecken und Enden fehlte.

Salzburg-Coach Matthias Jaissle wollte sich zwar den "couragierten Auftritt" gegen die Doggen nicht schlechtreden lassen, dennoch musste er konzedieren, dass seiner teils blutjungen Elf mitunter die letzte Überzeugung zu fehlen schien. "Vielleicht war es phasenweise tatsächlich so in der ersten Halbzeit, da gab es dann auch den ein oder anderen Hinweis von mir."

Es lag freilich auch am Gegner, dass die von Salzburg so geliebten Umschaltmomente unterbunden wurden: "Lille hat extrem schnell die Tiefe weggenommen. Sie wussten um unsere Schnelligkeit im Sturm", so Jaissle, dem Kapitän Andreas Ulmer beipflichtete: Das Spiel "im letzten Drittel" habe man sich tatsächlich anders vorgestellt, meinte dieser: "Wenn wir mal reingekommen sind, haben wir nicht die richtige Entscheidung getroffen." Bezeichnend, dass der keinesfalls übermächtigen Gegner per "Nudeltor" (Maximilian Wöber) durch Lilles Stürmer-Jungstar Jonathan David zur Entscheidung kam (31.).

Während nun die einen mit Sorge dem Worst-Case-Szenario entgegenblicken ("Das ist genau das, was wir uns nach den ersten drei Spielen nicht gewünscht haben", so Wöber), demonstrieren die anderen (Zweck-)Optimismus: "Wir haben zwei Auswärtsspiele knapp verloren, aber wir haben noch alles in der eigenen Hand. Und das ist schön", sagte Sportdirektor Christoph Freund.