Wenn wir nicht auf der gleichen Ebene stehen, brauchen wir nicht weiter miteinander sprechen", sagte Abdelaziz Salem beim Fifa-Kongress 1956 in Lissabon. Als ägyptischer Verbandspräsident hatte Salems Stimme besonderes Gewicht, als er sich dafür einsetzte, eine afrikanische Fußballföderation ins Leben zu rufen. Schon die Gründungsbemühungen waren kämpferisch - eine Notwendigkeit, die sich bis heute nicht ändern sollte. Ein historischer Abriss eines Turniers, das als ein Symbol der Unabhängigkeit gegründet wurde.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der beginnenden Entkolonisierung Afrikas übertrug sich der Aufbruch auf den Fußball. Die "Confederation Africaine de Football" (CAF) wurde 1957 im sudanesischen Khartum gegründet. Anlässlich dessen wurde auch der erste Afrika-Cup ausgetragen, bei dem vier Nationen teilnehmen sollten. Südafrika wurde jedoch aufgrund seines Apartheidregimes disqualifiziert. Der erste Cup bot somit nur drei Spiele: Im einzigen Halbfinale schlug Ägypten den Sudan, im Endspiel dann die Äthiopier, die direkt im Finale eingestiegen waren. Die nach dem ägyptischen Gründungsvater und ersten CAF-Präsidenten Abdelaziz Salem benannte Trophäe ging also bei der Premiere an Ägypten.

Einige nordafrikanische Staaten hatten sich bereits von den alten Kolonialmächten befreit, 1957 und 1958 folgten Ghana und Guinea. Im "Afrikanischen Jahr" 1960 erlangten 18 Länder - vom Senegal über Kamerun bis nach Madagaskar - ihre Unabhängigkeit. Mit dieser Entwicklung wuchs auch die CAF mit.

Algerische Freiheitskämpfer und die "Black Stars"

Die fortschreitende Entkolonisierung und ein damit einhergehendes, neues afrikanisches Selbstbewusstsein befeuerten das fußballerische Fortkommen am Kontinent - mal schwächer, mal stärker ausgeprägt. Die Front de Libération Nationale, die im bis 1962 andauernden Algerienkrieg für die Unabhängigkeit von Frankreich kämpfte, verfügte über ein eigenes Fußballteam, das auf sportlichem Wege für das politische Ziel Stimmung machte und einen Beitrag zum nationalen Selbstverständnis leistete. Auch mit Ghanas Fußballteam wurden ähnliche Ziele verfolgt, nur war dort die Lossagung von der englischen Kolonialmacht bereits gelungen. Schon im ersten Jahr der Unabhängigkeit, 1957, wurden die "Black Stars" gegründet. Das neue Nationalteam tourte als fußballerisches Unabhängigkeitssymbol durch das zerrüttete, weil - wie viele ehemalige Kolonien - durch willkürliche Grenzziehungen zerschnittene Land.

Turbulente Turniergeschichte

Der Afrika-Cup sollte im Sinne des in den 60er-Jahren entwickelnden Panafrikanismus auch über die jungen Nationengrenzen hinaus verbindend wirken. Vor allem, da der afrikanische Verband sich auch gegenüber der Fifa behaupten musste. Der Weltverband wollte nur einen geteilten Startplatz bei der WM 1966 für Afrika, Asien und Ozeanien gewähren. Die 15 Teams aus Afrika boykottierten daraufhin die Qualifikation für das Turnier in England. Für die WM 1970 sprach die Fifa der CAF schließlich einen Fixplatz zu.

Beim Verbandskongress 1974 in Kairo sagte der damalige CAF-Präsident aus Äthiopien, Yidnekatchew Tassema: "Afrika ist eins und unteilbar. Wir sollten gemeinsam für die Einheit Afrikas einstehen. Wir dürfen die Trennung in frankophone, anglophone und arabophone Bereiche nicht akzeptieren. Ob Araber aus dem Norden oder Zulus aus dem Süden, wir alle sind Afrikaner. Diejenigen, die versuchen, uns zu trennen, sind nicht unsere Freunde."

Auch in den jüngeren Episoden zeigt sich das permanente Ringen um Anerkennung: Auf Druck der europäischen Verbände wurde beschlossen, dass die Turniere in ungeraden Jahren ausgetragen werden, damit diese nicht mit EM und WM kollidieren. Auch der diesjährige Afrika-Cup hätte 2021 stattfinden sollen und wurde erst aufgrund der Pandemie um ein Jahr auf 2022 verschoben.

Gastgeber Kamerun steht sinnbildlich für die mitunter turbulenten Episoden der Turniergeschichte. Nach Verzögerungen bei Neubauten und weiteren Infrastrukturvorhaben entzog die CAF dem Land das Austragungsrecht für 2019 - Ägypten sprang ein, und Kamerun wurde das darauffolgende Turnier zugesichert. Viel schwerwiegender ist der ethnische Konflikt im Land, der zwischen dem anglophonen Nordwesten und dem restlichen, französisch-dominierten Bereich des Landes schwelt. Seit mehreren Jahren kommt es im Zuge dessen immer wieder zu Anschlägen und Angriffen auf die Zivilbevölkerung. 2016 hatten die zwei größten englischsprachigen Regionen angekündigt, sich abspalten und ein neues Land namens Ambazonia gründen zu wollen.

Elf negativ Getestete müsst ihr sein

Natürlich wirft auch die Pandemie
einen großen Schatten auf das Turnier. Afrika ist der Kontinent mit der mit Abstand geringsten Impfquote, Omikron lässt die Infektionszahlen nach oben schießen. In den sechs Stadien gilt eine Auslastungsobergrenze von 60 Prozent, bei Spielen Kameruns sind es 80 Prozent. Zutritt zu den Stadien gibt es nur für geimpfte Personen mit negativem Test. In Kamerun haben erst zwei Prozent der Bevölkerung (27 Millionen Einwohner) einen vollständigen Impfschutz erhalten. Die Corona-Problematik macht den Afrika-Cup bei den europäischen Vereinen noch unbeliebter. Das Turnier wird ohnehin eher als lästige Zusatzbelastung wahrgenommen, weil den Klubs dadurch die Spieler abhandenkommen. Zahlreiche Trainer und Funktionäre äußerten im Vorfeld des Afrika-Cups nun Bedenken, dass sich die Spieler mit Corona infizieren könnten und dass es unverantwortlich wäre, das Turnier in Pandemie-Zeiten auszutragen.

Mo Salah ist einer der Stars beim Afrika-Cup. 
- © afp / Oli Scarff

Mo Salah ist einer der Stars beim Afrika-Cup.

- © afp / Oli Scarff

Zur Erinnerung: Im Sommer 2021 fand die Europameisterschaft statt - wobei es auch da es kritische Stimmen gegeben hat. Dass Corona vor dem Afrika-Cup nicht Halt machen wird, war klar. Das Team der Kapverden wurde bereits von einem heftigen Corona-Ausbruch getroffen. Ebenso Gambia, das zwei Vorbereitungsspiele absagen musste, weil mehr als die Hälfte des Kaders ausgefallen war. Beim Auftaktspiel fehlten Burkina Faso, das gegen den Gastgeber Kamerun mit 1:2 verlor, Corona-bedingt sechs Spieler. Nahezu jeden Tag werden neue Infektionen in den Kadern der 24 Teilnehmer bekannt. Die Spiele sollen aber durchgezogen werden, das Regulativ der CAF ist klar: Elf negativ getestete Spieler reichen.

Viele Premier-League-Stars im Einsatz

Aufgrund der Abstellpflicht werden auch heuer wieder viele Stars aus den europäischen Top-Ligen zu sehen sein, auch wenn sich Trainergrößen wie Liverpools Jürgen Klopp daran stören. Neben Gastgeber Kamerun sind die heurigen Favoriten Rekordsieger Ägypten und Senegal mit ihren Starspielern vom FC Liverpool, Mohamed Salah und Sadio Mané. Algerien (mit Riyad Mahrez von Manchester City), das 2019 den Cup zum zweiten Mal gewinnen konnte, ist seit 35 Spielen unbesiegt und wird die Titelverteidigung zugetraut. Elfenbeinküste, Marokko und Nigeria zählen zum erweiterten Favoritenkreis. In der Siegerliste dominieren Ägypten und einige Länder Westafrikas wie Ghana, Nigeria oder die Elfenbeinküste. Auch Tunesien und Marokko haben je einen Titel gewonnen.

Egal, welche Nation den Afrika-Cup im Finale am 6. Februar holt, die 66 Jahre alte Forderung von Abdelaziz Salem nach einem Dialog auf Augenhöhe wird auch danach noch ihre Gültigkeit besitzen.