Kommt das Gespräch auf Fußball und Kamerun, so darf ein Name nicht fehlen: Roger Milla. Im Mai wird der legendäre Kicker, der sein Land bei der WM 1990 dank vier Toren gegen Rumänien und Kolumbien ins Viertelfinale schoss, 70 Jahre alt. Und wie sich das für einen Nationalhelden gehört, nutzte der Ex- Kicker und jahrelange Internationale (bei meist französischen Klubs) auch bei dem seit 9. Jänner laufenden Afrika Cup in Kamerun die Gelegenheit, um sich in Szene zu setzen. Als WM-Botschafter und Berater von Langzeit- Diktator Paul Biya fiel ihm das bisher schon nicht schwer - nur diesmal erwies er seiner Heimat mit kritischen Aussagen über die nordafrikanischen Cup-Teilnehmer Marokko und Ägypten einen Bärendienst. "Wenn sie keine Afrikaner sind, sollen sie doch in Europa, Asien oder sonst wo spielen", beklagte Milla die angebliche Hochnäsigkeit vieler Araber. "Aber sie sollen aufhören, Ärger zu machen."

Auch wenn sich Milla wenig später für seinen Sager entschuldigt hat, so zeigt diese Episode doch die nach wie vor existenten Brüche in Afrikas Politik und Gesellschaft auf - Brüche, die selbst der sonst so verbindende Fußball nicht kitten kann, nicht einmal vorübergehend. Vielmehr scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Seit das afrikanische Kontinentalturnier an Kamerun vergeben wurde, hat sich die Menschenrechtslage in der ehemaligen französischen Kolonie nicht gerade verbessert. Als die englischsprachige Minderheit 2016 gegen die steigende Bevormundung durch die frankophone Staatsmacht protestierte, reagierte Yaounde mit Gewalt und der Abschaltung des Internets. Zwar wurde Kamerun die Austragung des Turniers 2019 kurzfristig entzogen, dass dasselbe aber jetzt, drei Jahre später, trotzdem hier stattfinden kann, werten nicht nur Menschenrechtsaktivisten als falsches Signal.

Allein im afrikanischen Kontinentalverband CAF scheint das kaum jemanden zu stören. Pragmatismus ist angesagt. Wie der in der Realität aussieht, kann man sehr schön am laxen Umgang vieler afrikanischer Länder mit der Volksrepublik China, das auf dem schwarzen Kontinent ein Stadion nach dem anderen erbaut und dafür diplomatisches Wohlverhalten erkauft, nachvollziehen. Oder man nehme das Verhalten der Nationalmannschaft von Burkina Faso: Am Samstag noch hatten die Spieler den Sieg über Gabun im Elfmeterschießen und folglich den Aufstieg ins Viertelfinale gefeiert. Dass in ihrer Heimat fast zeitgleich das Militär die Macht an sich gerissen hat, nahmen sie scheinbar ohne jede Regung hin. Was soll’s? Die Show muss wohl weitergehen, am 29. Jänner wartet im Viertelfinale der Nigeria-Bezwinger und Titelträger von 2004, Tunesien.

Als ob die politischen Querelen nicht genügen würden, wird der Afrika Cup in Kamerun auch noch von der Corona-Pandemie und einer Massenpanik überschattet. Als tausende Menschen am Montagabend versuchten, sich ohne Tickets Zugang in das Paul-Biya-Stadion in Yaounde zu verschaffen, um die Nationalmannschaft gegen die Komoren siegen zu sehen, kamen acht Fans, darunter auch Kinder, im Gedränge um. Zum Entsetzen über diese Bilder gesellt sich zunehmend die Sorge: Wenn schon das Sicherheitskonzept nicht funktioniert, wie schaut es dann erst mit dem Corona-Management aus? Dass die Zugangs- und Hygienebestimmungen so rigoros eingehalten werden, wie das Kameruns Regierung behauptet, wollen nur die wenigsten glauben.

"Respekt für Afrika"

Die Kritik an den Zuständen perlt indessen ab. Schützenhilfe kommt ausgerechnet von Europäern und afrikanischen Legionären. "Man kann den Afrikanern vertrauen. Sie haben einiges gelernt und verdienen Respekt", sagte etwa der Ex-Trainer des nigerianischen Teams, Gernot Rohr. Die Infrastruktur in Kamerun sei "hervorragend" und "Fifa-Niveau". Ähnlich äußerte sich auch der bei Ajax Amsterdam unter Vertrag stehende Ivorer Sebastien Haller und beklagte öffentlich "den Mangel an Respekt für Afrika". Es ist das ein Vorwurf, den wohl ein Roger Milla unterschreiben würde. Das mit den Nordafrikanern ist wieder eine andere Geschichte.