Der Wolfsberger AC startet als Tabellendritter in die Rückrunde und steht im Halbfinale des ÖFB-Cups. Das Überraschen wird zur angenehmen Gewohnheit. Seit Sommer vergangenen Jahres wird der erfolgreiche Weg mit Robin Dutt fortgesetzt. Bei aller Kontinuität stellt die Bestellung des 57-jährigen Deutschen, der in der Bundesliga unter anderem in Freiburg, Leverkusen und Bremen Trainer war, einen Kurswechsel dar. War der WAC in der Vergangenheit eine Karrierestation für aufstrebende, österreichische Trainer wie Christian Ilzer, Gerhard Struber oder Ferdinand Feldhofer, ist mit Dutt nun jemand am Steuer, der neben der deutschen Bundesliga auch schon die Champions League gesehen hat - und als Sportdirektor beim VfB Stuttgart und dem DFB tätig war. Als Spieler hatte der Schwabe diese Höhen nie erlebt, im Amateurbereich dafür schon früh als Spielertrainer begonnen. Im Lavanttal schätzt Dutt nun die Aussicht auf den Europacup, die kurzen Wege im Verein und die Kärntner Geselligkeit.

"Wiener Zeitung": Sie haben in der Winterpause keine Transfers vollzogen. War die Kaderplanung im Sommer so gut?

Robin Dutt: Dass die Planung so aufgeht, ist der Entwicklung der Mannschaft zu verdanken. Wir haben im Dezember genau hingesehen, ob die Positionen doppelt besetzt sind, und unsere Analyse hat ergeben, dass wir dem Kader in dieser Form vertrauen. Wintertransfers kosten zudem meistens Geld. Daher haben wir nichts gemacht.

Der Vorsprung auf die siebtplatzierte Austria beträgt zehn Punkte. Die Meistergruppe wird dem WAC nicht mehr zu nehmen sein. Was ist in dieser Saison möglich?

Es hängt viel von den ersten vier Spielen ab, die wir noch haben. Wir sind voller Zuversicht und haben das Selbstbewusstsein, zu sagen: "Wir schaffen die Meistergruppe." Wir haben zwar mit Ried, Salzburg, Austria und dem LASK ein schweres Restprogramm, aber auch die bestmögliche Ausgangssituation.

Der Vizemeister startet in der Champions-League-Qualifikation. Reizt Sie der Gedanke an den Europacup?

Aus der Meistergruppe landen am Ende fünf Teams in internationalen Spielen. Da wollen wir auf jeden Fall hin, letztes Jahr war der WAC ja nicht dabei. Der Präsident lebt dieses Ziel auch vor. Gleichzeitig weiß jeder in Wolfsberg, dass der Europacup etwas Besonderes und keine Selbstverständlichkeit ist. Es ist kein Muss, aber ein klares Ziel, das wir anstreben.

Auch im Cup ist Ihr Team erfolgreich. Innerhalb von zehn Tagen geht es in Liga und Cup (2. März) zwei Mal gegen Red Bull Salzburg. Können Sie Salzburg fordern?

Auf eine ganze Saison gesehen, bin ich der festen Meinung, dass die elf restlichen Mannschaften gegen Salzburg keine Chance haben. Aber in einem einzigen Spiel hat jedes der elf Teams eine Chance. Mit einer guten Performance kannst du Salzburg immer schlagen. Meister zu werden, das kannst du nicht schaffen. Aber Cupsieger zu werden ist nicht utopisch.

Im Herbst haben Sie nach dem 3:3-Unentschieden gegen Ried gesagt, dass in der Defensivarbeit noch ein langer Weg zu gehen sei. Nur Ried und Wattens haben mehr Gegentore kassiert. Haben Sie in der Vorbereitung den Fokus auf die Abwehr gelegt?

Nein, wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz. Wir wissen, wo unsere Stärken und Schwächen liegen. Ich bin aber jemand, der darauf achtet, die Stärken noch besser zu machen - ohne die Schwächen unter den Tisch zu kehren. Die Bereiche, die uns besonders auszeichnen, sind Balleroberung und das schnelle Umschaltspiel. Unsere Mannschaft hat aber auch viele gute Lösungen im Spiel mit dem Ball. Das sind auch jene Spielminuten, die dem Gegner dann abgehen und ihn ermüden.

Ihre Spielerkarriere haben Sie in den unteren Ligen verbracht. War für Sie früh klar, den Trainerweg einzuschlagen?

Das war ein fließender Übergang und kein Berufsziel. Schon in meinen Spielerzeiten war ich vier Jahre lang Spielertrainer. Die Besonderheit in meiner Laufbahn ist, dass ich in jeder Liga tätig war. Von der untersten Liga bis zur Bundesliga und in die Champions League. Dass der Trainerberuf bei mir rauskommt, war dabei nie so klar geplant. Mit 17 Jahren habe ich das Jugendteam meiner Dorfmannschaft trainiert. Dann kam eins nach dem anderen. Nach dem obersten Amateurbereich kam ich zu den Stuttgarter Kickers und landete in der dritten Liga. Und mit Freiburg ging es bis in die Bundesliga.

Im Sommer vergangenen Jahres sind Sie in Wolfsberg gelandet. Was reizt Sie am WAC?

Die Entscheidung passt gut zu meiner aktuellen Lebensphase. Ich war so lange oben dabei und habe viele Erfahrungen gemacht. Hier kann ich vieles davon vereinen - neben den Aufgaben als Trainer auch als Sportdirektor. Man hat hier realistische Chancen, die internationalen Startplätze zu erreichen. Die Affinität zu Österreich war zudem sowieso gegeben. Meinen Zweitwohnsitz habe ich seit acht Jahren an der Grenze zu Vorarlberg, und ich kannte den österreichischen Fußball auch vorher schon gut. Ausschlaggebend war das Gespräch mit dem Präsidenten, da bekam ich das Gefühl, dass ich hier wirklich helfen kann.

WAC-Präsident Dietmar Rieger hat anlässlich Ihrer Präsentation gesagt, dass er einen "fertigen Trainer" haben wollte. Was macht Sie zum fertigen Trainer?

Ich glaube, er hat das anders gemeint: Der WAC war in den letzten zehn Jahren unglaublich erfolgreich, mit vielen jungen Trainern, die hier Karriere gemacht haben. Viele Dinge neben dem Sportlichen konnten gar nicht so schnell wachsen, zum Beispiel die Infrastruktur oder das Stadion. Wie bei allen Erfolgsgeschichten gibt’s manchmal auch Probleme mit Trainer und Mannschaft, das ist ganz normal. Ich glaube, der Präsident wollte jetzt mehr Unterstützung im Tagesgeschäft, und da passen meine Erfahrungen als Sportdirektor gut dazu. Er hat diesmal einfach ein anderes Profil gesucht.

Sie sagten, dass Sie den österreichischen Fußball schon zuvor verfolgt haben. Wie empfinden Sie die Entwicklung in den letzten Jahren?

Die Entwicklung von Red Bull Salzburg hat den österreichischen Fußball deutlich in eine Richtung geprägt. Viele Teams verfolgen einen ähnlichen Fußball. Salzburg hat das Niveau stetig verbessert, und davon profitiert auch das Nationalteam. Man sieht auch, dass die Akademien im ganzen Land Früchte tragen und viele junge Spieler nachrücken.

Sie waren schon in der deutschen Bundesliga - also dort, wo viele österreichische Trainer hinwollen. Früher hatte die österreichische Bundesliga die Wirkung einer Karrierebremse. Sehen Sie die Liga jetzt als Sprungbrett?

Nein, ich bin im Hier und Jetzt. Ich fühle mich wohl hier. Wir haben ja von meinem Werdegang gesprochen. Ich kenne alle Stadien, vom Dorfplatz über kleine Stadien bis hin zur 80.000-Zuschauer-Arena. Das Gefühl von Sieg und Niederlage war überall gleich. Am Dorfplatz genauso wie ein Heimsieg in der Champions League gegen Chelsea. Ich erlebe jetzt hier in Wolfsberg eine schöne Phase, bei der ich als Trainer viel selbst in der Hand habe und gestalten kann. Wir haben hier kurze Wege zum Präsidenten, keine großen Gremien, die man beim Entscheidungsprozess durchlaufen muss. Das ist ein schönes Kapitel, und das kann ich mir weiterhin sehr gut vorstellen.

Sie meinten, dass Sie mehrere Anfragen abgeblockt haben. Bleiben Sie dem WAC also länger erhalten?

Bayern oder Manchester United sind jetzt gerade nicht aktuell. Und mit Blick auf Deutschland, im Mittelfeldbereich, ist da jetzt nichts, was aus der Ferne irgendetwas in mir auslöst und was mir mehr Spaß machen könnte als meine Aufgabe hier in Wolfsberg.

Wolfsberg ist Ihre erste Station außerhalb Deutschlands, Ihr Lebensmittelpunkt liegt damit erstmals im Ausland. Wie geht’s Ihnen damit?

Ich lebe in Kärnten, also dort, wo die Deutschen normalerweise Urlaub machen. Es ist eine hohe Lebensqualität, und ich fühle mich sehr wohl. Der Menschenschlag liegt mir: Immer einen Schmäh auf den Lippen, und alles ist ein bisschen entspannter als diese Großstadthektik in Deutschland. Es ist gesellig, aber auch immer verlässlich.

Wie erholen Sie sich? Wie verschaffen Sie sich Ausgleich?

Ich habe nie das Gefühl gehabt, mir bewusst einen Ausgleich suchen zu müssen. Der Job nimmt mich nicht so negativ mit. Die meisten meiner Freizeitaktivitäten finden in der Natur statt. Langlaufen, in den Wald gehen oder Golf spielen. Der Trainerjob ist schon mental und körperlich sehr fordernd, aber ich habe das Glück, dass es mir ohnehin Spaß macht, etwas anderes zu machen. Mir bewusst einen Ausgleich suchen zu müssen, war nie wirklich erforderlich.