Vor einem Jahr: Manchester United; heuer: Juventus Turin, Bayern München; und jetzt womöglich auch noch Liverpool? Die Europacup-Abschussliste des spanischen Kleinstadt-Klubs Villarreal ist ebenso lang wie prominent besetzt. Heute Abend (21 Uhr/Servus-TV) soll im Halbfinal-Hinspiel der Champions League der nächste Top-Favorit ins Straucheln gebracht werden. Mit dem LFC wartet freilich nicht nur ein echtes Fußballkaliber auf die Elf von Unai Emery, sondern auch die vielleicht stimmungsvollste und berühmteste Fußballbühne der Welt: Anfield.

Während für die Iberer aus dem 50.000-Einwohner-Städtchen die erste Finalteilnahme in Europas höchstem Klubbewerb ein historischer Erfolg wäre, haben die Reds viel höhere Ziele und peilen das siebente Championat in der Königsklasse an. Das benötigen die Engländer auch, wollen sie heuer noch nie Dagewesenes im Mutterland des Fußballs schaffen - nämlich das sogenannte Quadruple. Der erste Teil des historischen Gewinns von vier Titeln in einer Saison ist mit dem Erfolg im Liga-Cup schon getan; im Finale des FA-Cups am 14. Mai wartet Chelsea; und in der Premier League fehlt fünf Runden vor Schluss nur ein Punkt auf Leader Manchester City - jenes Team, das von der Truppe von Jürgen Klopp zuletzt im FA-Cup-Halbfinale bezwungen wurde. Es folgten weitere wertvolle Siege in der Liga gegen Manchester United und zuletzt gegen Everton.

Die Marschrichtung stimmt also, was auch an der Jahresbilanz abzulesen ist: In 26 Pflichtspielen setzte es nur im Achtelfinale gegen Inter Mailand eine (nicht relevante) Niederlage, 21 Partien nahmen ein siegreiches Ende. "Wir haben sehr hart dafür gearbeitet, um so weit zu kommen, jetzt geht es auch darum, die sehr vielen interessanten Spiele zu genießen", sagte Stürmer Divock Origi. Der Belgier wird trotz seines Treffers zum 2:0 im Merseyside-Derby am Sonntag nun wieder als Joker gefragt sein. Superstar Mohamed Salah hingegen soll von Beginn an sein Konto von bisher 30 Saison-Pflichtspieltoren aufbessern, um dem ganz großen Klubziel näher zu kommen. "Es war 2019 ein unglaubliches Glücksgefühl, als wir die Champions League gewonnen haben, deshalb möchte ich das wieder erleben", betonte der 29-jährige Ägypter. Mit Sadio Mane, der 2021/22 insgesamt 19 Mal getroffen hat, könnte auch ein Ex-Salzburger in der Offensive des Viertelfinal-Bezwingers von Benfica Lissabon eine tragende Rolle spielen.

"Gelbes U-Boot" unter Titel-Druck

Den von Unai Emery gecoachten Europa-League-Champion nehmen die Engländer aber nicht auf die leichte Schulter. "Villarreal hat vielleicht den erfolgreichsten Trainer in Cup-Bewerben. Es ist unglaublich, was er macht. Wer Juventus und Bayern rauswirft, der steht verdient im Halbfinale", so Klopp. Emery hat 84 Prozent seiner K.o.-Duelle in der Königsklasse sowie der Europa League seit der Saison 2009/10 gewonnen - darunter das Europa-League-Finale 2016 mit dem FC Sevilla gegen Liverpool in der ersten Klopp-Saison. Viermal holte er in jenem Bewerb den Titel, 2021 gegen Manchester United. Eine bessere Quote als Emery hat nur Ex-Real-Madrid-Coach Zinedine Zidane (88 Prozent). Klopp bezeichnete die Aufgabe auch deshalb als "hart, hart, hart". Die Abwehrkünste der Spanier beim 1:1 in München haben den Deutschen beeindruckt. "Es wird schwer, aber es ist das Halbfinale in der Champions League. Wenn es nicht schwer wäre, würde etwas falsch laufen."

Villarreal hat keine guten Erinnerungen an die Liverpool-Heimstätte: 2016 gab es dort im Europa-League-Halbfinale nach einem 1:0-Heimsieg eine 0:3-Niederlage und das bittere Aus. Sechs Jahre später soll eine Etage höher die Revanche gelingen. Ein kleiner Vorteil der Spanier ist, dass sie sich mehr als eine Woche lang auf das Duell vorbereiten konnten, da LaLiga pausierte. Übrigens: Will das "gelbe U-Boot" auch nächste Saison in der Champions League für Sensationen sorgen, muss wohl der Titel her, denn in der Liga fehlen dem Tabellen-Siebenten bereits neun Zähler auf den nötigen Qualifikationsplatz.