Auf den Fußballfeldern von 1210 Wien herrscht an diesem Nachmittag unter der Woche reger Betrieb. Ob Natur- oder Kunstrasen, jeder Platz wird von Fußballerinnen und Fußballern bespielt. Auf den schwarzen Trainingsshirts und Jacken prangt das weiße Wappen des Vereins: 1210 Wien.

Hier, in Jedlersdorf, mitten im 21. Bezirk, dreht sich alles um Fußball - und doch um noch viel mehr. Denn 1210 Wien will mehr als ein Fußballklub sein. "Wir wollen unseren Fußballverein breiter denken", sagt 1210-Klubmanager Vinzenz Jager. Was das konkret heißt? "Wir bringen Kunst und Kultur auf den Fußballplatz", erklärt der 37-Jährige.

Theater am Fußballplatz

Jager hat den Verein gemeinsam mit seiner Frau Katharina Pizzera, Präsidentin des Klubs, vor drei Jahren übernommen. "Floridsdorf ist eine kulturelle Wüste. Uns geht es darum, ein möglichst niederschwelliges Angebot zu machen und die Leute direkt am Fußballplatz abzuholen", sagt er. "Wir möchten die Menschen nicht einmalig anlocken, sondern etwas entwickeln, zu dem sich die Leute zugehörig fühlen."

Mit der Förderung als "Kulturelles Ankerzentrum" durch die Stadt Wien können diese Ambitionen nun noch zielstrebiger verfolgt werden. Als solche führt die Stadt verschiedene Orte, an denen Raum zur Entfaltung von Kunst und Kultur gegeben und die Einbindung unterschiedlicher Communities ermöglicht wird. Damit soll das kulturelle Angebot in den Flächenbezirken beziehungsweise an den Stadträndern erhöht werden. Beispiele sind das "F23" in der ehemaligen Sargfabrik in Liesing, das "Kulturhaus Brotfabrik" in Favoriten oder die "Soho Studios" im Sandleitenhof in Ottakring.

Vinzenz Jager

Vinzenz Jager

"Am Fußballplatz dreht sich alles, genau wie in einem Theater, um das Spiel. Die Parallelen sind nicht schwer zu finden. Wir haben es deshalb sofort reizvoll gefunden, Sport und Kunst miteinander zu verknüpfen und ihre Gemeinsamkeiten aufzuzeigen", erklärt 1210-Präsidentin Katharina Pizzera, die auch die künstlerische Leitung verantwortet. "Unsere große Herausforderung ist, dass wir die oft engen Definitionen von Sport und Kunst aufbrechen und neu denken wollen."

Den nächsten Kultur-Höhepunkt gibt es schon am heutigen Samstag. Mit "Menschenmarkt", einem Stück, das sich mit dem sozialen Auf- und Abstieg auseinandersetzt, findet Theater am Fußballplatz statt.

Danach folgt das Heimspiel der 1210-Kampfmannschaft in der zweiten Landesliga (fünfte Leistungsklasse). Den Schlusspunkt setzt ein "Heimspielkonzert" zum Thema Wienerlied mit der Gruppe "Pfeffer und Konsorten". Neben regelmäßigen Konzerten gibt es am 1210-Platz Lesungen oder Hip-Hop-Workshops - spätestens wieder im Rahmen der Wiener Festwochen (13. Mai bis 18. Juni), bei denen 1210 Wien erstmals mit im Programm ist.

Menschlich und "nicht zu verbissen"

Am Fußballplatz in Jedlersdorf sind die Trainingseinheiten unterdessen in vollem Gange. Philipp König schaut zu und nippt am Cappuccino. Seine beiden Söhne spielen bei 1210 in den U9- und den U14-Auswahlen. Zuvor hatten sie bei den Kursen der "Football School", mit der Vinzenz Jager im Jahr 2014 begann, mitgemacht. Da war der Weg zum Fußballverein nicht mehr weit. "Für uns war der menschliche Umgang entscheidend. Unsere Kinder müssen keine Profis werden. Mir gefällt, dass hier nicht zu verbissen gearbeitet wird, weil gerade in dieser Zeit der Charakter der Kinder gebildet wird", sagt König.

Das Kunst- und Kulturprogramm gefalle ihm, man müsse dem Ganzen aber Zeit geben. "Auch wenn man das tollste Museum nach Jedlersdorf stellt, wird dort niemand hingehen", meint er. Umso wichtiger findet König deshalb, dass der Verein so bemüht ist, die Menschen im Umfeld des Vereins in die Gestaltung des Programms möglichst eng miteinzubeziehen. Genau das probiert 1210.

"Mit unseren Kulturveranstaltungen wollen wir zunächst unsere vorhandene Community begeistern. Die Kinder und Jugendlichen sollen die Möglichkeit haben, neben dem Sport noch etwas anderes zu erleben", sagt Pizzera. "Unser Kerngeschäft ist dennoch Fußball", betont Jager im Gespräch in der Vereinskantine. Der gebürtige Dresdner war mehrere Jahre lang als Scouting-Koordinator bei Rapid tätig und auch beim Wiener Fußballverband engagiert.

Als Jager und Pizzera 2019 den Entschluss zur Übernahme des Vereins gefasst haben, lag dieser unter dem damaligen Namen Mauerwerk Sport Admira in Trümmern. "Wir haben mehr die Chance als das Risiko gesehen", sagt Jager und meint damit die lang ersehnte Möglichkeit, es anders zu machen. Auf seinen bisherigen Wegen im Fußballgeschäft sei er immer wieder auf Widerstände gestoßen. "Es hat viel zu oft geheißen, dass etwas nicht geht", erzählt er.

1210 Wien ist deshalb nicht weniger als der Versuch eines Gegenentwurfs - nicht nur künstlerisch und kulturell, sondern auch sportlich. "In so vielen Vereinen läuft alles auf die Kampfmannschaft hinaus. Das ist aber in den meisten Fällen auch wirtschaftlich nicht sinnvoll. Bei uns liegt das Hauptaugenmerk wirklich auf der Kinder- und Jugendförderdung", umreißt Jager das sportliche Konzept des Fünftligisten.

Der Erfolg ist dabei nicht das wichtigste Kriterium. "Unser Wunsch ist aber schon, dass wir irgendwann mit vielen Spielern aus der eigenen Jugend erfolgreich sind." Aus dem angrenzenden Bürocontainer ist der Jubel zweier Trainer zu hören - ein besonders begabter U11-Spieler wird sich dem Verein anschließen. Wie viele andere Kinder kommt auch der zehnjährige Bub von der "Football School" zu 1210 Wien.

Nachwuchsarbeit wird großgeschrieben. 
- © Benjamin Schacherl

Nachwuchsarbeit wird großgeschrieben.

- © Benjamin Schacherl

Jagers Fußballkurse, mittlerweile auf 45 Standorten mit mehr als 1000 Kindern in ganz Wien verteilt, sind einerseits für viele Spieler die Brücke zum Floridsdorfer Fußballverein. Andererseits ist Jager dank der "Football School" erst so richtig auf den Geschmack gekommen. "Wir haben gesehen, dass die ganzheitliche Betrachtung des Nachwuchsfußballs auch ohne starke Marke funktioniert", sagt er. Als sich die Fragen der talentierteren Spieler häuften, welche Klubs denn zu empfehlen seien, reifte der Gedanke an die eigene Vereinsgründung.

Es sei aber auch ein Anliegen von 1210, dass jene, die das Fußballspielen nicht mit diesem Leistungsanspruch verfolgen, ihren Platz haben. So gibt es die Möglichkeit, dass Kinder und Jugendliche eine reduzierte Trainingsform mit niedrigerem Mitgliedsbeitrag wählen. "Der Verein soll einfach für alle offen sein", sagt der Klubmanager. Und so soll nun im Herzen von Floridsdorf Stück für Stück ein etwas anderer Fußball- und Kulturverein wachsen.