Wenn man einen so schillernden Namen des internationalen Fußballs an Land zieht, muss man als kleines Fußballland klarerweise Abstriche machen. Ralf Rangnick wird zwar neuer österreichischer Teamchef, aber nicht sofort - und er wird sich künftig auch weiterhin um Manchester United kümmern, als Berater nämlich. Ob sich diese Konstellation bewährt, wird wohl erst die Praxis zeigen. Und mehr wird man wissen, wenn der 63-jährige Deutsche seinen Trainersessel bei Manchester United geräumt haben und zum ersten Team-Lehrgang in Wien am 29. Mai antanzen wird. Dass danach gleich der enorm wichtige Auftakt der Nations League gegen Kroatien, Dänemark und Weltmeister Frankreich folgt und Rangnick vorher kaum Zeit haben wird, sich seinen Auswahl-Aufgaben zu widmen, wurde vom ÖFB ebenfalls geschluckt.

Rangnick selbst, der vom ÖFB-Präsidium nach Vorschlag von Sportdirektor Peter Schöttel einstimmig gewählt wurde, war am Freitag nach seiner Kür nicht in der Bundeshauptstadt. "Es ist eine Ehre für mich, die Aufgabe als Teamchef zu übernehmen. Mit großer Vorfreude erfüllt mich insbesondere die Aussicht, mit einer jungen, erfolgshungrigen Mannschaft die Europameisterschaft in Deutschland zu bestreiten", sagte der designierte Teamchef laut ÖFB-Aussendung.

Pressing mit Arnautovic?

Hierzulande kennt man Rangnick vor allem als Architekt der Red-Bull-Spielphilosophie mit bedingungslosem Pressing in allen Mannschaften des Dosen-Imperiums. In seiner Zeit als Sportdirektor in Salzburg von 2012 bis 2015 hat er die Basis für die Erfolgsserie der Bullen-Truppe samt ihrer später so erfolgreichen und teuer verkauften Protagonisten gelegt, nachdem die Salzburger in den Red-Bull-Anfängen noch etliche Transfer-Fehlgriffe fabriziert hatten. Ob er nun auch im Team Pressing à la Red Bull einführt, wie von mancher Seite unter Ex-Teamchef Franco Foda immer wieder gefordert, ist offen - man möge ihn im Mai persönlich fragen, erklärte Schöttel. Bei Manchester United hat Rangnick damit jedenfalls so seine Probleme, weil etwa Superstar Cristiano Ronaldo (37) nicht wirklich optimal ins System passt; im ÖFB-Team könnte es mit Marko Arnautovic ähnlich sein, den 33-jährigen Bologna-Star zum Pressing-Laufwunder umzufunktionieren, scheint ambitioniert.

Ambitioniert sind freilich auch Rangnicks Ziele: Laut Schöttel strebe er nicht nur die Qualifikation für die Euro 2024 in Deutschland und die WM 2026 in Amerika an, sondern "wir wollen dort auch eine gute Rolle spielen". Damit Rangnick Österreich erstmals seit 1998 wieder zu einer WM-Endrunde führt, ist die EM wohl Pflicht, denn vorerst hat der Deutsche nur einen Zweijahresvertrag. Nur bei einer erfolgreichen EM-Qualifikation verlängert sich der Kontrakt automatisch bis Sommer 2026. Mit im Gepäck hat der 63-Jährige einen Assistenztrainer, nämlich Lars Kornetka, der als Co. schon etliche Rollen an seiner Seite ausgefüllt hat.

Die ersten Länderspiele unter der Führung des Schwaben steigen im Juni im Rahmen der Nations League, wenn es gegen Kroatien (3. Juni/auswärts), Dänemark (6./heim, 13./auswärts) und Frankreich (10./heim) geht. Das letzte Meisterschaftsspiel in England bestreitet ManUnited am 22. Mai gegen Crystal Palace. Ohne viel Vorbereitung gleich die Mannschaft zu übernehmen, sei "natürlich schwierig", so Schöttel. Aber: "Es reizt ihn extrem!"

Rangnick hat einen Anschlussvertrag als Berater bei den Red Devils und wird nach dem Ende seiner Trainertätigkeit in Manchester weiter dieser Nebentätigkeit nachgehen. Maximal sechs Tage im Monat soll er sich darum kümmern, bestätigte ÖFB-Geschäftsführer Bernhard Neuhold. Für den Verband sei das kein Problem, heißt es offiziell.

"Signal für ganzen Fußball"

Insgesamt erhofft man sich von der Verpflichtung von Rangnick, der unter anderem auch bei Schalke, Stuttgart, RB Leipzig und Lok Moskau engagiert war, Impulse weit darüber hinaus: "Es ist ein riesiges Signal nicht nur für die Nationalmannschaft, sondern für den gesamten österreichischen Fußball. Es ist ein Zeichen, dass wir mutige Entscheidungen treffen. Das ist eine große Sache, über die wir uns alle freuen sollten", so Schöttel. Er sei überzeugt, dass Rangnick "der richtige Trainer zum richtigen Zeitpunkt" sei. Inwieweit der Einfluss des Deutschen im ÖFB über den Bereich des A-Team hinausreichen wird, ist laut Schöttel noch nicht abschätzbar. "Ich will natürlich, dass er sich alles anschaut. Jetzt schauen wir einmal, dass wir den ersten Lehrgang gut bestreiten, aber in Zukunft wäre ich dumm, wenn ich auf seine Expertise verzichten würde."

ÖFB-Präsident Gerhard Milletich hob hervor, dass die Zustimmung zu Rangnick im ÖFB-Präsidium einstimmig ausgefallen war. "Es hat grundsätzlich über die Person Rangnick überhaupt keine Diskussion gegeben. Wir sind alle davon überzeugt, dass er der ideale Mann ist und mit seinen Visionen das Nationalteam und den ÖFB voranbringen wird."

Als weitere aussichtsreiche Kandidaten waren unter anderem Peter Stöger und der frühere Schweizer Teamchef Vladimir Petkovic im Rennen. "Alle wissen, dass ich immer gesagt habe, es ist Zeit für einen österreichischen Teamchef", betonte Schöttel am Freitag Richtung Stöger. Erst spät und unerwartet habe sich die (finanziell machbare) Option Rangnick aufgetan, an den er am Anfang nicht gedacht habe. Und ja, es tue weh, "wenn du jemandem absagen musst, von dem du 100-prozentig überzeugt bist".