Wenn ein Fußballmatch in einem Semifinale mit 4:3 endet, dann ist die Assoziation "Jahrhundertspiel" wohl nicht ganz unangebracht. Auch wenn der Terminus eigentlich schon vergeben ist - nämlich an Italiens heroischen 4:3-Erfolg n. V. über Deutschland in der Vorschlussrunde bei der WM 1970 in Mexiko -, könnte das Semifinal-Hinspiel zwischen Manchester City und Real Madrid durchaus einmal das Attribut Champions-League-Jahrhundertspiel erhalten. Vielleicht auch dann, wenn eines der beiden Teams am 28. Mai in Paris auch wirklich den Pokal erobert, und also jene Begegnung vom vergangenen Dienstag, die Fußballkunst in Vollendung und ein packendes Offensivspektakel bescherte, als Triumph-Ouvertüre diente. Auf das heutige Rückspiel in Madrid (21 Uhr, Servus-TV) dürfen sich jedenfalls alle Fußballfans freuen, auch wenn sie nicht zur Anhängerschaft der Königlich-Weißen oder Himmelblauen zählen.

Einer, der an Teil eins des Leckerbissens vorige Woche zumindest eine Halbzeit lang mitwirken durfte, ist diesmal zum Zusehen verdammt. ÖFB-Teamkapitän David Alaba zwickt es weiterhin an den Adduktoren, weshalb der zweifache Henkelcup-Gewinner (mit Bayern) ganz besonders auf ein Final-Dacapo mit seinem neuen Klub hofft. Um den Rückstand gegen die Elf von Pep Guardiola noch aufzuholen, bedarf es im Bernabeu freilich auch einer defensiven Sonderleistung in einer neu zu formierenden Abwehr. "Das ist ein großer Verlust, weil er für uns ein wichtiger Spieler ist", erklärte Real-Coach Carlo Ancelotti, der statt Alaba Nacho Fernandez in der Innenverteidigung vorgesehen hat.

Nach dem vorzeitigen Gewinn der spanischen Meisterschaft ist die Stimmung bei den Königlichen ausgezeichnet: "Die Mannschaft ist in einer guten Verfassung, motiviert, konzentriert. Wir haben ein wichtiges Ziel vor uns, eine große Chance, ein weiteres Champions-League-Finale zu bestreiten", sagte Ancelotti. Nach den beiden Thrillern gegen PSG und Chelsea soll nun auch der englische Meister Madrid mit hängenden Köpfen verlassen. Ebendort hatten die Skyblues gegen den Stadtrivalen Atletico mit Hängen, Würgen und untypischer defensiver Ausrichtung das Semifinale erreicht. "Wir müssen mit viel Glauben, Persönlichkeit, Energie und Aggressivität rausgehen und zeigen, dass wir Real Madrid sind, das beste Team der Welt sind", forderte Mittelfeldstratege Luca Modric.

Guardiolas Bernabeu-Bilanz

Zusätzlich brisant ist, dass Citizens-Trainer Guardiola für die Real-Fans aufgrund seiner Barcelona-Vergangenheit ein rotes Tuch ist. Allerdings: In seinen neun Auftritten als Trainer im Real-Stadion setzte es für den Star-Coach nur eine Niederlage, und dieser Trend soll fortgesetzt werden. "Jeder ist topmotiviert, dass wir es ins Finale schaffen", meinte Guardiola, der auf mehr Effizienz vor dem Tor hofft. Denn bei besserer Chancenverwertung wäre der Aufstieg der Skyblues schon halb erledigt. "Wir hätten ein besseres Ergebnis erreichen können, aber auch ein schlechteres. Wir wussten schon vorher, dass die Entscheidung erst nach zwei Spielen fällt. Um Real auszuschalten, braucht man zwei gute Partien", betonte Guardiola. Und wenn das Rückspiel so "gut" wie das Hinspiel wird, freut sich auch die ganze Fußballwelt.(may)