Real Madrid hat sich in dieser Champions-League-Saison furchtbar blamiert - doch die epochale 1:2-Heimniederlage gegen Sheriff Tiraspol vom September ist längst vergessen. Und wird es auch bleiben. Denn in die Fußball-Annalen eingehen wird vielmehr die unfassbare Serie in der K.o.-Phase, in der die Königlichen drei de facto entschiedene Partien in einer Art ballestrischem Rausch noch gedreht und so die Fußballwelt verzückt haben. Nach Paris St. Germain im Achtel- und Chelsea im Viertelfinale musste sich am Mittwoch im Halbfinale auch Pep Guardiolas Manchester City diesem ganz realen Fußball-Wahnsinn geschlagen geben. 3:1 nach Verlängerung - damit erlebt die Champions League die Neuauflage des Endspiels von 2018: Liverpool vs. Real Madrid.

Dabei schien diesmal die unheimliche Comeback-Serie des spanischen Rekordmeisters zu reißen: Bis zur 90. Minute lag man gegen den souverän agierenden Premier-League-Meister scheinbar aussichtslos 3:5 im Gesamtscore zurück (Riyad Mahrez hatte in Minute 73 für die Citizens getroffen). Doch dann schlug aus dem Nichts Real-Joker Rodrygo per Doppelpack (90., 91.) doch noch zu und hievte das weiße Ballett in die Verlängerung. Wo es dem in den vergangenen Monaten überragenden Karim Benzema vorbehalten war, sein Team per sicher verwandeltem Elfmeter (95.) ins Endspiel zu schießen. Nach dem Schlusspfiff brachen im Estadio Santiago Bernabeu alle Dämme - Spieler und Trainerstab lagen einander in den Armen und ließen sich vom berauschten Publikum feiern. Mittendrin statt nur dabei war auch David Alaba, der wegen Muskelproblemen beim historischen Auftritt freilich nur Zuseher war.

Die spanischen Sport-Gazetten überboten sich am Tag danach förmlich in Superlativen: "Real Madrid schreibt die größte Heldengeschichte, die je erzählt wurde", formulierte etwa "Marca". "Versuchen Sie nicht, es zu erklären, denn ehrlich gesagt gibt es keine Erklärung für das mit Real Madrid und der Champions League. In der 89. Minute waren die Weißen aus dem Finale raus, und in der 95. Minute standen sie im Finale der Champions League. Ein weiterer wundersamer historischer Abend für Real Madrid im Bernabeu", schrieb "El Mundo Deportivo". Und "El Mundo" brachte es knackig auf den Punkt: "Neues Wunder im Bernabeu."

Auch ÖFB-Kapitän Alaba wankte zwischen Träumerei und Realismus: "Glauben kann man es irgendwie nicht, aber wundern kann man sich auch nicht. Ich habe immer wieder betont, wozu wir fähig sind, das haben wir diese Saison gezeigt, wir haben uns nie aus der Ruhe bringen lassen. Was die Mannschaft geleistet hat, wie sie zurückgekommen ist, das ist geisteskrank", meinte Alaba, der hofft, seine Adduktorenprobleme bis zum Endspiel auskurieren zu können. Es wäre sein drittes Champions-League-Finale - 2013 und 2020 hat er jeweils mit den Bayern gewonnen.

Selbst Real-Trainer Carlo Ancelotti, normalerweise ein Stoiker auf der Trainerbank, ließ sich emotional mitreißen: "Das war eine fantastische Nacht", frohlockte der Italiener. "Wir haben uns aufgeopfert, hatten Glück und die nötige Energie." Doch selbst der 62-Jährige war sich nicht ganz sicher, warum seine Mannschaft schon wieder eine spektakuläre Wende hinlegte. "Ich glaube, das passiert durch die Spieler - und außerdem durch die Fans. Diese Fans treiben uns immer an, nicht nur im Stadion, sondern auch außerhalb, schon Tage vor den Spielen." Holt der Rekordsieger in Paris das 14. Championat, dann schreibt auch Ancelotti Geschichte: Seit Samstag ist er schon der erste Trainer, der in Europas fünf Topligen (England, Spanien, Italien, Deutschland, Frankreich) Meister wurde. In seinem fünften Königsklassen-Endspiel (Rekord!) wartet dort der vierte Titel - womit Ancelotti alleiniger Rekordhalter wäre. Nach Siegen mit Milan (2003/2007) und Real (2014) gab es nur eine Finalniederlage - die freilich so denkwürdig war wie die aktuellen Auftritte der Königlichen: 2005 lag er mit Milan im Finale in Istanbul schon 3:0 voran, verlor dann aber im Elferschießen - gegen Liverpool.

Gegen jenes Liverpool, das es gar nicht erwarten kann, die Madrilenen im Stade de France zur großen Final-Revanche zu fordern. "Wir haben mit Real noch eine Rechnung zu begleichen", ließ Liverpool-Stürmer Mohamed Salah umgehend seinen Gegnern ausrichten. 2018 hatten die Reds gegen die Königlichen in Kiew mit 1:3 den Kürzeren gezogen. Und zwar äußerst unglücklich: Salah hatte damals nach einem Zweikampf mit Sergio Ramos schon nach 30 Minuten verletzungsbedingt den Platz verlassen müssen. Ein Fauxpas des davor von Ramos ausgeknockten LFC-Keepers Loris Karius brachte Real auf die Siegerstraße; unvergessen auch der Fallrückzieher von Gareth Bale, der zwei Tore zum 3:1-Triumph beisteuerte. "Hoffentlich werden wir dieses Mal gewinnen", sagte Salah. Er sollte mit diesem Gedanken jedenfalls bis zum endgültigen Schlusspfiff warten.