Der Fußball-Sommer 2022 gehört ganz den Frauen: Während die Männer den traditionellen Termin der Wüsten-WM in Katar geopfert haben und erst am 21. November den ersten Ankick vornehmen, läuft das runde Leder im Mutterland des Fußballs bei der 13. Frauen-EM. Und schon jetzt steht fest, dass dies das größte Ball-Spektakel auf dem Kontinent sein und neue Maßstäbe für den Frauen-Fußball setzen wird. Mitverantwortlich dafür werden auch die fußballverrückten Briten sein, die in den kommenden dreieinhalb Wochen auf das hoffen, was die Three Lions bei den Männern seit 1966 regelmäßig verpassen - einen großen Titel bei einer Endrunde. Erst vor einem Jahr musste die Elf von Gareth Southgate im Wembley-Stadion den EM-Titel den Italienern überlassen, nun soll aber am 31. Juli in der "Katherale des Fußballs" die englische Kapitänin den EM-Pokal stemmen. Auf dem Weg dorthin spielt auch Österreich eine (hoffentlich tragende) Rolle: Der Sensations-Semifinalist von 2017 darf den Gastgeber am Mittwoch (21 Uhr) im Eröffnungsspiel in Old Trafford fordern. Das Spiel ist längst ausverkauft - mit fast 75.000 Zuschauern.

EM-Fan-Schnitt noch mau

Allein das verdeutlich die Dimensionen, in die der Frauen-Fußball vorgestoßen ist. Allerdings sind solche Zuschauermassen statistische Ausreißer nach oben und verzerren das Bild gehörig. Denn noch nie gab es bei der Frauen-EM mehr als durchschnittlich 10.000 Zuschauer pro Spiel - vor fünf Jahren in Holland waren es gerade einmal 7.852 pro Match, wiewohl die Oranje den Titel holten. Bei WM-Endrunden sind es immer deutlich mehr - unübertroffen die Marke von 2007 (37.218 in China), die selbst vier Jahre später in Deutschland beim zweimaligen Weltmeister nicht geknackt werden konnte (26.428 pro Spiel).

- © Grafik: apa / M. Hirsch; WZ-Bearbeitung
© Grafik: apa / M. Hirsch; WZ-Bearbeitung

Noch keinen Titel hat der diesjährige große Favorit auf der Habenseite: Auf der Insel wurde der Frauen-Fußball lange Zeit vernachlässigt, weshalb die Three Lionesses lediglich einen dritten WM-Rang und zwei Vize-Europameistertitel aufweisen. Doch seit die Premier-League-Klubs (der Männer) viel Geld in Frauen-Teams stecken, hat der unaufhaltsame Aufstieg des Damen-Kicks auf der Insel mit den Traditionsklubs und der Nationalelf eingesetzt. Der Titel zu Hause wäre der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung. Für ÖFB-Teamchefin Irene Fuhrmann zählt England nicht nur wegen der Gastgeberrolle zu den großen Favoriten.

Österreich muss in der Höhle der Löwinnen zum Auftakt auch aufpassen, dass sich der Gastgeber nicht in einen Spielrausch spielt. So wurde zuletzt Titelverteidiger Niederlande in Leeds gleich mit 5:1 aus dem Stadion geschossen - zwar nur ein Test, dennoch eine klare Ansage. Trotzdem sieht Fuhrmann das EM-Rennen "offener denn je": "Ich habe es gefühlt noch nie so vielen Teams zugetraut, dass sie den Titel holen, wie bei dieser Euro." Das vermutete auch Dänemarks Teamchef Lars Söndergaard, der früher lange im österreichischen Männerfußball gearbeitet hat: "Spanien, Frankreich und England sind sehr stark einzuschätzen. Es ist nicht so leicht einen Topfavoriten zu nennen. Ich rechne mit einer engen EM." Während Rekordchampion Deutschland (acht Titel) diesmal bestenfalls zu den Geheimtipps zählt, hat Fuhrmann auch die Schweden am Radar. Der WM-Dritte von 2019 und Olympia-Silber-Medaillengewinner 2021 ist eine von vier Nationen, die bisher einen EM-Titel erringen konnten - bei der ersten Auflage 1984.

Ähnlich wie einst bei den Männern waren die Anfänge schwierig, die Budgets gering, das Starterfeld (mit vier Nationen) klein: Das Turnier 2022 wird alleine durch das ausverkaufte Eröffnungsspiel schon den bisherigen EM-Zuschauerrekord (Finale 2013 in Solna zwischen Deutschland und Norwegen mit 41.301 Fans) pulverisieren. Wie 2017 in Holland sind 16 Teams in 4 Gruppen am Start - so wie 1996 erstmals bei der Männer-EM in England, als der Fußball schon einmal "heim" auf die Insel kam. "Die Euro hat nichts mehr mit dem zu tun, was wir zuvor getan haben. Die Uefa investiert fünfmal mehr als noch 2017", rechnet Nadine Kessler, Leiterin der Abteilung Frauenfußball in der europäischen Fußballunion, vor.

Für Österreich geht es darum, den sportlichen Aufwärtstrend in England zu bestätigen - wiewohl ein dritter Rang wie vor fünf Jahren als EM-Debütant diesmal ungleich schwieriger wird. Der Viertelfinaleinzug als Erster oder Zweiter der Gruppe wird schon eine enorme Herausforderung, geht es doch zum Abschluss auch noch gegen den zweifachen Titelträger Norwegen; gegen EM-Debütant Nordirland ist ein Sieg für den Aufstieg ohnedies Pflicht. "Sicher ist die Erwartungshaltung von außen eine andere, aber wir können es sehr realistisch einschätzen. Es war 2017 auch keine leichte Gruppe mit Schweiz, Island und Frankreich, die jetzt ist aber deutlich schwieriger", sagte Fuhrmann. "Hoffentlich sind wir im letzten Gruppenspiel so weit, dass wir um den Einzug ins Viertelfinale spielen. Das ist das Ziel", so ÖFB-Kapitänin Viktoria Schnaderbeck.

Corona und Luxus-Camp

Die von der Papierform interessanteste Gruppe (B) ist jene mit Spanien mit Topstar Alexia Putellas, Deutschland, Dänemark und Finnland. In Pool C trifft der Europameister auf Schweden, die Schweiz und die für Russland nachgerückten Portugiesinnen. In der Gruppe D sind Frankreich mit fünf Champions-League-Siegerinnen von Olympique Lyon, Italien, Belgien und Island vertreten.

Auch wenn der Abflug nach England am Donnerstag von Misstönen begleitet war - Mittelfeldspielerin Lisa Kolb und Physiotherapeut Reinhard Wögerbauer verpassten den Flug aufgrund eines positiven Corona-Antigen-Schnelltests -, stehen die Vorzeichen für Rot-Weiß-Rot gut. Denn während der EM residiert die ÖFB-Auswahl dort, wo sich vor einem Jahr schon die späteren Vize-Europameister Harry Kane, Raheem Sterling und Co. einquartiert hatten: im Pennyhill Park Hotel in Bagshot in der Grafschaft Surrey. "Wir haben ein Teamquartier gefunden, das sicher nicht ganz billig gewesen ist, aber einfach nur perfekt ist", sagte ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel zum selbst gewählten Luxus-Camp. Auch das ein untrügliches Zeichen für den rasanten Aufstieg des Frauen-Fußballs. Als Schöttel als (Team-)
Verteidiger noch aktiv war, hätte er sich einen solchen Aufwand für den Frauensport wohl nie träumen lassen.