In einer Ecke des Geschäfts hängen die Trikots des österreichischen Nationalteams: im traditionellen Rot-Weiß-Rot, aber auch in Schwarz, mit den für das ÖFB-team völlig untraditionellen türkisen Einsprengseln, die an einen Kniefall vor der Kurz-ÖVP erinnern. Aber das Geschäft könnte in diesen Sommertagen in dem auf Leibchen, Fanschals und Hauben spezialisierten Fachgeschäft in der Strozzigasse in der Wiener Josefstadt wesentlich besser gehen.

Die Europameisterschaft der Frauen, bei der am Montagabend Österreichs Team gegen Nordirland nach der knappen Auftaktniederlage gegen Gastgeber England schon um den Verbleib spielte (nach Redaktionsschluss), ist in dem Fan-Shop bei weitem nicht so ein Magnet wie das Männer-Nationalteam oder Leibchen europäischer Topteams von Bayern München über Dortmund bis zu Manchester United und Arsenal. Marko Arnautovic überdribbelt Teamstürmerin Nicola Billa, auch wenn die Spielerin von TSG 1899 Hoffenheim im Vorjahr in Deutschland und Österreich Spielerin des Jahres war.

Bei den Burschen sind Ronaldo und Messi gefragt

Der Verkauf von Damen-Leibchen kommt bei weitem nicht an jenen der Männer heran, weil vor allem Burschen, die oft selbst im Nachwuchs kicken, Stars wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi bevorzugen. Allerdings leidet der Umsatz auch daran, dass die Fußball-WM in Katar nicht wie sonst im Sommer ausgespielt wird, sondern erst im November und Dezember. Im Sommer finden Kurzarm-Shirts der Nationalteams einfach einen viel reißenderen Absatz. "Langarm-Trikots sind nicht so gefragt", schildert Mitarbeiter Brahim Gashi der "Wiener Zeitung". Nicht nur Fußballanhänger ärgern sich darüber, dass die WM nicht nur im Nicht-Traditions-Fußballland stattfindet, sondern das Turnier auch noch in den Spätherbst verlegt wurde. Selbst der kleine Laden im achten Wiener Gemeindebezirk leidet darunter.

Dabei ist seit dem Aufschwung des Online-Handels die Konkurrenz ohnehin schon riesengroß. Die großen Merchandising-Abteilungen der Großklubs machen mit den Fanartikeln seit Jahren selbst das Geschäft. Warum ein Ronaldo oder ein Messi, auch wenn sie mit Mitte 30 das beste Fußballalter und den Zenit ihrer großartigen Karriere schon überschritten haben, für Vereine wie Manchester United beziehungsweise Paris St. Germain so wichtig sind, kann auch der Mitarbeiter im Fanladen in der Josefstadt leicht erklären. Gerade die Jungen würden die Leibchen nicht aufgrund der Affinität und der Leidenschaft für einen Lieblingsverein kaufen, sondern wollen die Trikots eines Ronaldo oder Messi oder des Kroaten Luka Modric haben. Oder eben auch des österreichischen Nationalteam-Goalgetters Marko Arnautovic.

Noch etwas ist heuer anders. Die Kollektion der Nationalmannschaft ist in diesem Sommer noch immer unverändert, weil die neue auf sich warten lässt. Auch das bremst den Absatz, weil sich viele Anhänger des heimischen Nationalteams schon mit den noch verwendeten Modellen eingedeckt haben. Etwas haben dem Händler auch die Teamspieler selbst das größere Geschäft verdorben, zumal die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Katar meilenweit verpasst wurde. Somit fällt auch das Ankurbeln des Absatzes im November, was österreichische Trikots und Schals betrifft, definitiv weg - egal ob nun Lang- oder Kurzarm. Aber vielleicht animieren weitere Erfolge des Frauennationalteams um Billa und Torfrau Manuela Zinsberger die weiblichen Fans in den kommenden Tagen zum Ansturm auf Nationalteam-Leibchen.