"Im ersten Moment ist es natürlich bitter, weil wir eine sehr gute Leistung gegen ein absolutes Weltklasseteam abgerufen haben", sprach ÖFB-Damencoach Irene Fuhrmann nach der 0:2-Niederlage im EM-Viertelfinale gegen Deutschland am Donnerstag. "Am Ende haben wir den einen oder anderen Fehler zu viel gemacht, den so ein Team auf dem Niveau eiskalt ausnützt." Dieses Fazit bringt es gut auf den Punkt und lässt nachvollziehen, warum das große Ziel - ein zweites "Cordoba" gegen eine DFB-Elf und der erneute Aufstieg ins EM-Halbfinale - nicht erreicht werden konnte. Freilich war es knapp, wie mehrere Torchancen der Österreicherinnen (davon drei Stangenschüsse) beweisen. Allerdings hatten auch die Deutschen einige Male das 2:0 oder 3:0 am Fuß.

Dennoch ist das 0:2-Endergebnis so nicht ganz aussagekräftig, zumal das zweite "Tor" von Goalgetterin Alexandra Popp in der 90. Minute unnötig war. Aber irgendwie hatte es sich ja bereits abgezeichnet. Den Abstoß von der Fünferlinie immer nach dem gleichen Schema - per Zuspiel an Torfrau Manuela Zinsberger - zu absolvieren, war keine gute Idee. Zwar mag dieses kontrollierte Herausspielen helfen, Räume gegen das Pressing zu finden, nur ging das diesmal gründlich in die Hose. Die DFB-Spitzen registrierten diese Schwäche, stießen jedes Mal auf Zinsberger zu - und wären damit schon zuvor einige Mal fast erfolgreich gewesen. Wenig überraschend war die bei Arsenal kickende Torhüterin am Boden zerstört. "Es war technisch nicht gut von mir ausgeführt, natürlich tut das weh", meinte Zinsberger, mit den Tränen kämpfend.

Dreimal Aluminium

Dabei hatte die Torfrau schon am 0:1 durch Lina Magull (25.) einen gewissen Anteil, zumal auch hier ein nicht ideal geschossener Abschlag das Tor einleitete. Letztlich war es Carina Wenninger, die im Duell mit Klara Bühl zu zögerlich agierte und dann das Laufduell verlor. Ihre Hereingabe verwertete Magull in der Mitte ohne Mühe. "Das erste Tor nehme ich auf meine Kappe. Der Ball ist irgendwie durchgesprungen, ich war überrascht, habe nicht gedacht, dass Klara so schnell da ist. Da muss ich den Körper besser reinstellen. Dann war es schwer zu verteidigen", sagte Wenninger nicht ohne Selbstkritik.

Auch wenn die Deutschen stets nahe am zweiten Treffer dran waren, lag der Ausgleich im Bereich des Möglichen. Drei Mal scheiterten die Österreicherinnen mit Marina Georgieva (14./Stangen-Kopfball), Barbara Dunst (53./Latte) und Sarah Puntigam (57./Stange) am Aluminiumgehäuse. "Ich habe keine Ahnung, welches Pech mich dieses Turnier verfolgt hat", sagte Dunst, die schon beim 2:0 gegen Nordirland die Torumrandung getroffen hatte. Sich auf mangelndes Glück auszureden, war und ist für sie kein Thema. "Wir müssen vorne einfach noch effektiver werden und auch schauen, dass wir mehr Akzente setzen können." In diese Kerbe schlug auch Laura Feiersinger. Wie so oft im Männerbereich hätte man wiederum einmal gegen die Deutschen gut gespielt, aber nichts mitnehmen können. "Das muss man leider so sagen, das ist ein wenig ärgerlich, aber was soll man tun", so Feiersinger. Nach zwei Test-Niederlagen 2016 und 2018 erlebte das Frauenteam wieder einmal kein Happy End.

"Partyschreck" Österreich

Auf deutscher Seite wiederum fiel der Jubel laut, aber auch respektvoll aus. "Wir haben gegen einen hartnäckigen Gegner gespielt. Ein Riesenkompliment an Österreich. Das Spiel kann am Ende auch 6:3 ausgehen, Österreich hat uns alles abverlangt", meinte etwa DFB-Teamchefin Martina Voss-Tecklenburg und gab zu, dass auch Österreich 1:0 in Führung gehen hätte können. "Es war gefühlt die ganzen 90 Minuten ein Hin und Her. Es war ein intensives Spiel. Kompliment an Österreich, sie können fighten ohne Ende. Wir hatten auch ein bisschen Glück, weil wir ein bisschen zu viele Chancen zugelassen haben", ergänzte Magull.

Auch die deutschen Zeitungen zollten den Österreicherinnen Respekt. "Die deutschen Fußballerinnen haben nach einem leidenschaftlichen Auftritt und einigem Zittern gegen Österreich das EM-Halbfinale erreicht", schrieb die "TZ". Und während die "Abendzeitung" Österreich einen "Partyschreck" nannte, meinte die "Süddeutsche Zeitung", dass sich das Team von Voss-Tecklenburg "gegen selbstbewusst spielende Österreicherinnen" lange schwergetan habe. Von einem "gewaltigen Schrecken" für den achtfachen Champion Deutschland sprach dagegen der britische "Guardian" und lobte Österreich, "einen enormen Beitrag zu einem pulsierenden Match" geleistet zu haben.

Auch wenn solche Komplimente nichts im Ergebnis ändern, so geben sie doch Zuversicht für die kommenden Herausforderungen. Das nächste große Ziel ist hier die WM-Endrunde 2023 in Australien und Neuseeland, bei der die ÖFB-Frauenauswahl ihre Premiere auf der höchsten Turnierebene geben will. Die Auftritte in England haben das Selbstvertrauen auf dem Weg dorthin jedenfalls gestärkt. "Diese Mannschaft ist definitiv WM-reif", betonte etwa Dunst.

WM-Play-off-Ticket gesichert

Mit dem Heimspiel gegen den bisher makellosen Gruppe-D-Leader England (3. September) sowie gegen Nordmazedonien (6. September) stehen zwei Aufgaben noch an, das Play-off-Ticket haben die Schützlinge von Teamchefin Fuhrmann aber schon sicher. Dennoch spielen in den ausstehenden Partien gute Ergebnisse trotzdem eine wichtige Rolle, da sich die besten drei Gruppenzweiten die erste Play-off-Runde ersparen. Drei Tickets werden im Endeffekt noch ausgespielt, eines davon dann in einer abschließenden interkontinentalen Ausscheidung. "Die Art und Weise, wie wir aufgetreten sind, macht mich stolz, daher gilt es jetzt den Schwung mitzunehmen", sagte Fuhrmann.

Noch schwierig ist es für Zinsberger, nach einer durchwachsenen Leistung beim 0:2 im EM-Viertelfinale gegen Deutschland in Brentford nach vorne zu blicken. "Ich komme gerade aus einer Niederlage und denke gerade gar nicht, was im September ist", sagte die ÖFB-Torfrau. Man lasse sich jedenfalls nicht unterkriegen. "Wir werden die richtigen Schlüsse ziehen und dann geht es volle Attacke weiter." Interessant wird sein, ob das Interesse am Frauenfußball bestehen bleibt oder wieder vergeht. "Ohne es zu wissen, denke ich, dass wir mit unseren Leistungen in Österreich für Begeisterung gesorgt haben. Es wäre schön, wenn das nicht sofort wieder abebbt", sagte Fuhrmann. Ihre Hoffnung ist nicht unbegründet. Via ORF verfolgten 894.000 Zuschauer das Viertelfinale live mit. Das entspricht einem Marktanteil von 41 Prozent. (rel/apa)