Wenn am Sonntag im Londoner Wembley das Finalspiel der Frauen-Fußball-EM angepfiffen wird (18 Uhr/ORF1), so ist eines sicher: Es wird ein historischer Abend. Dies liegt nicht nur an den Kontrahentinnen - England und Deutschland -, sondern auch an der Kulisse. Mehr als 90.000 Zuschauer, also fast so viele wie beim jüngsten Rekordspiel im März 2022 in Camp Nou, werden in der 2007 neu gebauten Arena dabei sein und der Geschichte von Wembley und dem damit verbundenen Mythos ein neues Kapitel hinzufügen. Aber worin liegt dieser Mythos begründet? Und welche Rolle spielen in ihm die Deutschen?

Mythos Wembley: Das alte Wembley wurde 1923 als "Empire Stadium" eröffnet und später wegen des Stadtteils, in dem es liegt, umbenannt. Seit fast 100 Jahren ist es die Heimat sportlicher und kultureller Mega-Events. 1963 ging hier Muhammad Ali gegen Henry Cooper zu Boden - und gewann dennoch. Auch lieferten sich hier 2017 Anthony Joshua und Wladimir Klitschko vor 91.000 Fans einen epischen Schwergewichtskampf. Michael Jackson trat im Wembley 15 Mal vor insgesamt über 1,1 Millionen Besuchern auf. 1985 feierten Queen und Freddie Mercury mit 75.000 Fans das legendäre Benefizkonzert Live Aid gegen Armut in Afrika.

Das Tor, das keines war: Im Finale der Weltmeisterschaft 1966 schoss der Engländer Geoff Hust das vorentscheidende 3:2 gegen Deutschland. Der Ball prallte gegen die Lattenunterkante und von dort überschritt das Leder vermutlich nicht im vollen Umfang die Torlinie, doch der sowjetische Linienrichter entschied auf Tor. Lange Zeit stritten sich die Experten beider Länder über die Rechtmäßigkeit des Treffers, ehe die Aufbereitung eines 35-Millimeter-Films im Jahr 2006 eindeutig belegte, dass der Treffer nicht hätte zählen dürfen.

Auch eines der intensivsten Semifinalspiele in der EM-Geschichte wurde 1996 in Wembley, dem Wohnzimmer der englischen Nationalelf, ausgetragen. Nach einem 120-minütigen Krimi trafen Engländer und Deutsche im Elfmeterschießen wieder aufeinander. Gareth Southgate verschoss, Andreas Möller verwandelte zum 6:5. Drei Tage später wurde die deutsche Nationalelf hier Europameister und holte sich bei der Queen in der Royal Box den EM-Pokal ab.

Am Ende gewinnt Deutschland: Dieses bekannte Bonmot des englischen Kickers Gary Lineker gilt auch beim Frauen-Kick. In bisher 20 Begegnungen ging die DFB-Elf 14 Mal als Siegerin vom Platz, errang fünf Unentschieden und verlor nur ein einziges Mal - nämlich das Spiel um den dritten Platz bei der Frauen-EM 2015. In einem EM-Finale standen sich die beiden Teams zuletzt 2009 direkt gegenüber, und auch dieses Endspiel gewannen die deutschen Damen überlegen mit 6:2. Die jüngste deutsch-englische Partie endete am 14. März 2018 mit 2:2.

England leichter Favorit: Geht es nach ÖFB-Teamchefin Irene Fuhrmann, so sind die Lionesses gegen Deutschland leichte Favoriten. Jedenfalls werde es "ein Duell auf Augenhöhe mit sehr viel Intensität und Dynamik", meinte die Trainerin und erinnerte daran, dass ihre Schützlinge beim Viertelfinal-0:2 Deutschland stärker fordern konnten als England beim 0:1 zum Auftakt dieser EM. "Da hat England den Druck gespürt. Bei Deutschland waren wir näher dran, ihnen wehzutun", ergänzte Fuhrmann. Generell gelte: "Bei England schaut alles einfach aus, und vorne haben sie extrem viel Power. Die Deutschen verfügen aber über sehr viel Kampfkraft und sind extrem gut im Gegenpressing."

Die prägenden Figuren der EM sind laut Fuhrmann mit Beth Mead und Alexandra Popp in den Mannschaften der Finalisten zu finden. Sie führen mit je sechs Toren die Schützenliste gemeinsam an. Persönlich gefiel der Teamchefin ein Sieg Englands: "Es wäre schön, wenn sie ihr Sommermärchen hätten." (rel)