Schon Sonntagnacht war es auf Trafalgar Square hoch hergegangen. Hunderte von Fans hatten das dorthin übertragene Endspiel der Europa-Fußballmeisterschaft der Frauen begeistert und in wachsender Spannung auf riesigen Bildschirmen verfolgt. Beim Abpfiff dann, als der Sieg des England-Teams endlich feststand, gab es kein Halten mehr unter den Versammelten. Geradezu ekstatisch hüpften viele in die Wasserbecken mit den berühmten Brunnen, um den sportlichen Triumph - einen Sieg über Deutschland! (2:1 n.V.) - fröhlich johlend zu feiern.

Zur gleichen Zeit brach ein paar Meilen westlich, im voll besetzten Wembley Stadion, der erleichterte Jubel aus, auf den eine fußball-närrische Nation tatsächlich lange hatte warten müssen. Endlich seien "56 Jahre Demütigung und Pein" (seit dem WM-Sieg der Männer über Deutschland von 1966) vorbei, erklärten die Londoner Zeitungen die allgemeine Euphorie anderntags. Endlich habe England wieder mal gesiegt.

"Es war kein Traum . . . wir haben wirklich gegen Deutschland gewonnen", überschrieb die "Daily Mail" ihre Titelseite, noch immer in fast ungläubigem Staunen. Hier sei "Geschichte gemacht" worden, konstatierte der "Mirror". "Macht Platz, Burschen", frotzelte die "Sun". "Wir haben unseren Pokal."

Denn bezeichnenderweise war dieser erste große nationale Endspiel-Sieg Englands seit 1966 nicht von männlichen Spielern errungen worden, sondern von den englischen Frauen. Und das in einer Atmosphäre heiterer Erwartung, nicht bei einer von Gewalt überschatteten Veranstaltung, wie es bei der Männer-EM im vorigen Jahr im Wembley der Fall gewesen war, als England unterlag.

Und was für ein "game changer", was für eine Wende fürs Fußballspiel als solches der Titelgewinn war, das mussten diesmal auch alle Briten einräumen, die "ihren" weiblichen Teams über die Jahre wenig Beachtung geschenkt, ihnen wenig Respekt gezollt hatten.

Mit ihrer Könnerschaft, ihren unarroganten, gutgelaunten Darbietungen und natürlich ihrem Erfolg am Ende hatten die Frauen um Kapitänin Leah Williamson bei diesem Turnier einen echten Durchbruch auch an der Geschlechterfront erzielt - und sich und anderen Fußballerinnen auf der Insel weithin Popularität verschafft.

Immerhin war es, als das England-Team der Männer 1966 den WM-Pokal im Wembley-Stadion eroberte, Frauen in England noch verboten, überhaupt an Fußball-Wettbewerben teilzunehmen. Nur sehr zögernd hatte sich in den letzten Jahren Fortschritt eingestellt.

Jede Schule soll Fußball für Mädchen anbieten

Insofern, lobte Königin Elizabeth II. höchstselbst das siegreiche Team, gehe dessen Erfolg "weit über den Pokal hinaus, den Sie so verdient gewonnen haben". Darauf könne das Team stolz sein: "Sie alle haben ein Beispiel gegeben, das den Mädchen und Frauen von heute, aber auch künftigen Generationen, eine echte Inspiration sein wird."

Die Spice Girls, die selbst einmal eine Vorreiterrolle auf einer anderen Art von Bühne gespielt hatten, rühmten schlicht die "girl power" ihrer "beeindruckenden" Geschlechtsgenossinnen. 600.000 Tickets waren für das Turnier verkauft worden. 17 Millionen Zuschauer hatten das Endspiel verfolgt.

Binnen zwei Jahren hofft Englands Fußballverband (FA) nun 120.000 Mädchen mehr für regelmäßiges Fußballspielen zu gewinnen. An jeder Schule im Land müsse künftig Fußball für Schülerinnen angeboten werden, fordert der Verband.

Freilich weiß man auch bei der FA, dass sich die Zuschauerzahlen bei den Liga-Spielen der Frauen bis heute in Grenzen halten. Dieselbe Boulevardpresse, die am Montag noch überschwänglich den Sieg "unserer Mädchen" feierte, hatte am Samstag zuvor bereits mit fetten Extra-Beilagen zum Auftakt der Premier League signalisiert, dass sie sich vom kommenden Wochenende an wieder ganz auf den Männer-Fußball konzentrieren wird. Und etlichen Fußball-Fans in England war der Triumph ihres Landes im europäischen Rahmen, vor allem gegen den Erzrivalen Deutschland, das Wichtigste am Spiel vom Sonntag - egal, ob dieser Triumph aufs Konto von Frauen oder Männern ging. Das Bedürfnis, England als die Nummer eins in Europa zu sehen, ist gerade für Englands Brexiteers in diesem Sommer umso stärker, als gegenwärtig mehr und mehr Probleme, die durch Brexit entstanden sind, ans Tageslicht drängen. Nicht hören wollen Brexit-Hardliner - auch im Regierungslager - von den Staus an den Grenzen, vom erlahmenden Handel mit Europa, von den mit ihrem Kapital zum Kontinent ziehenden britischen Geschäftsleuten, von den Schwierigkeiten, mit denen das Finanzzentrum der City of London ringt.

"Den Fußball
weltweit verändert"

Mögen auch vereinzelte Stimmen inzwischen vorsichtig zu einer erneuten Annäherung an die EU raten: Offiziell will nicht einmal die oppositionelle Labour Party von solchen Vorschlägen etwas wissen. Am "harten Brexit" wird fürs Erste nicht gerührt.

"Europa" kann so für Fußball-Fans, Fußballer und Fußballerinnen in Großbritannien ganz Verschiedenes bedeuten. Den einen ist es die Bühne, auf der man seine ewigen Rivalen mit ernster Entschlossenheit, zur Glorie des eigenen Landes, niederzuringen sucht.

Für das England-Team, das sich am Montagmittag noch zu einer "kleinen" Siegesfeier auf dem Trafalgar Square versammelte, wären nationalistische Töne andererseits völlig fehl am Platz gewesen - zumal gruppiert um eine niederländische Trainerin, die nun Meisterschaften für zwei ganz unterschiedliche europäische Nationen, diesseits und jenseits des Ärmelkanals, gewonnen hat.

Fahnenschwenkend und glücklich waren 7.000 Fans an diesem Tag erneut unter Lord Nelsons Säule angerückt, um "ihr" Team noch einmal zu feiern und zusammen mit den Spielerinnen "Sweet Caroline" - die jetzt allgegenwärtige Fußballhymne - zu singen. Im Grunde, meinte Kapitänin Williamson, sei das Ziel ja schon erreicht gewesen "vor dem Endspiel", vor dem schönen letzten Erfolg auf dem Wembley-Rasen. Mit der Inspiration so vieler Mädchen und Frauen hätten sie und alle anderen Beteiligten "das Fußballspielen verändert - in unserem Land und in der ganzen Welt".