Als die Fans des Hamburger SV am Nachmittag des 6. August 1922 am Leipziger Bahnhof den Sonderzügen aus der Hansestadt entstiegen, bot sich ihnen ein chaotisches Bild. Die gesamte Stadt war auf den Beinen, vor allem auf dem Platz vor dem Stadion des VfB Leipzig im Bezirk Probstheida drängten sich bereits zehntausende Menschen. Sie alle wollten Augenzeugen eines bis dahin nie da gewesenen Sportereignisses sein: des Endspiels der deutschen Fußball-Meisterschaft zwischen dem HSV und dem 1. FC Nürnberg. Genau genommen handelte es sich bei diesem Spiel um die Wiederholung des Finalspiels vom 18. Juni 1922 in Berlin, das - auch das ist einmalig in der deutschen Fußballgeschichte - nach 189 Minuten bei 2:2-Gleichstand abgebrochen worden war.

Der Einbruch der Nacht sowie die völlige Erschöpfung der meisten Spieler ließen eine Fortsetzung des Spiels damals nicht zu. Weil nach Schlusspfiff kein Gewinner feststand, war die Partie zunächst in die Verlängerung gegangen. Nachdem aber auch diese 50 Minuten torlos verstrichen, musste weitergespielt werden - und zwar bis zu dem Zeitpunkt, an dem einer Mannschaft ein Golden Goal gelänge. Die Möglichkeit, den Meister per Elfmeterschießen zu ermitteln, gab es damals noch nicht. In dem Stadion spielten sich unwahrscheinliche Szenen ab. Während die rund 30.000 Zuschauer auf den Rängen immer ungeduldiger wurden, fiel auf dem Rasen ein Spieler nach dem anderen aus. 23 Mal musste die Partie unterbrochen werden, um entkräftete und verletzte Kicker von der medizinischen Abteilung abtransportieren zu lassen. Als dann auch noch Schiedsrichter Peco Bauwens wegen eines Wadenkrampfes in der 165. Minute vorübergehend das Feld räumen musste, war rasch klar, dass der neue Meister nicht mehr an diesem Abend gekürt werden würde.

Nachdem Bauwens also das längste Finalspiel in der Fußballgeschichte nach 189 Minuten in Berlin abgebrochen hatte, fällte der DFB den Beschluss, das Endspiel an jenem 6. August 1922 fortzusetzen - in Leipzig. Obwohl die VfB-Arena nur 30.000 Zuschauer fasste, drängten sich bald bis zu 60.000 Fans auf den Rängen und entlang der Outlinien des Spielfeldes. Die Spieler aus Hamburg und Nürnberg hatten ihre liebe Not, aus den Kabinen zu gelangen. Knapp 30 Minuten benötigten sie, um sich durch die Massen zu drängen, und auch Referee Bauwens hatte alle Hände voll zu tun, um die Menge unter Kontrolle zu halten. Auch wenn es sich kaum jemand im Stadion vorstellen konnte, sollte diese Partie das erste Spiel der Finalisten in Spannung und Kuriosität sogar noch übertreffen.

Da waren’s nur noch acht

Vor allem für die favorisierten Nürnberger stand das Entscheidungsspiel unter keinem guten Stern. Schon auf der Zugfahrt nach Leipzig war Verteidiger Michael Grünerwald mit einem Fuß umgeknickt und ausgefallen. Um unschöne Foulszenen wie beim Erstspiel zu vermeiden, ermahnte der Referee die Hamburger und Nürnberger noch einmal eindringlich, sich in den Zweikämpfen zurückzunehmen - ohne Erfolg. Nach 18 Minuten musste Bauwens bereits den Nürnberg-Stürmer Willy Böß wegen "Nachtretens" des Feldes verweisen. Auf den Spielverlauf hatte diese Aktion noch keine Auswirkung. Als kurz nach der Pause durch Heinrich Träg der erste Treffer fiel (48. Minute), brandete im Stadion Jubel auf. Würden die Nürnberger die Führung über die Zeit retten können? Die Fans aus Franken wurden enttäuscht. Nur 20 Minuten später, in der 69. Minute, erzielte Karl Schneider für den HSV den Ausgleich - und das Zittern begann von vorn.

Es war doch wie verhext. Wie beim Erstspiel im Juni in Berlin ging auch dieses Finale erneut in die Verlängerung, allerdings mit dem nicht irrelevanten Unterschied, dass aufseiten der Nürnberger nur noch neun Spieler auf dem Platz standen. Nach dem Ausschluss von Böß war noch in der 75. Minute dessen Teamkollege Toni Kugler schwer verletzt vom Rasen getragen worden. Die Möglichkeit, während einer Partie Spieler auszuwechseln, kannte der Fußball Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht. Aber es sollte noch schlimmer kommen, denn die Nerven lagen blank. Kurz vor Wiederanpfiff gerieten sich der HSV-Verteidiger Rudi Agte und der Nürnberg-Torschütze Träg verbal heftig in die Haare. Zeugen zufolge soll Träg seinem Konkurrenten gedroht haben, ihn vom Platz zu treten - und er hielt Wort. Opfer von Trägs Rachephantasie wurde dann aber nicht Agte, sondern dessen Abwehrkollege Ali Beier, mit der Folge, dass nach dieser Tätlichkeit auch Träg von Bauwens vom Platz gestellt wurde. Klug war diese Aktion nicht, standen doch nur noch acht Nürnberger elf Hamburgern gegenüber.

Dem Rumpfteam gelang es dennoch, das 1:1 in die Pause der Verlängerung zu retten. Kaum war die Hälfte abgepfiffen, brach neben Bauwens auch noch der bereits angeschlagene Nürnberg-Verteidiger Luitpold Popp verletzt zusammen. Als ihn der Referee fragte, ob er weiterspielen könne, verneinte der Mann - woraufhin Bauwens zur Pfeife griff und das Finalspiel, so wie beim ersten Mal in Berlin, erneut abbrach. Grund: Weil die Nürnberger reglementwidrig weniger als acht Spieler auf dem Feld stehen hatten, war das Spiel zu beenden und ein neuerlicher Endspieltermin zu fixieren. Eine Wiederholung der Wiederholung? Die Fans konnten es nicht glauben, auch protestierten die HSV-Spieler, die zu Recht meinten, den Titel nun in Überzahl holen zu können.

Der DFB in der Enge

Es blieb dabei, auch das zweite Finalspiel wurde abgebrochen und der deutsche Fußball hatte nach 294 gespielten Minuten noch immer keinen Meister. Der HSV ließ sich das nicht gefallen und lehnte das vom DFB gewünschte dritte Endspiel entschieden ab. Um das Patt zu lösen, wurde der Verband kreativ und fand tatsächlich eine Lösung: Da die Nürnberger die nicht ausreichende Teamstärke durch zwei Platzverweise selbst provoziert hatten, erklärte man die Hamburger am grünen Tisch doch zum Meister - aber dabei blieb es nicht. Prompt erhob der FC Nürnberg Einspruch und machte mit Erfolg einen Regelverstoß des Schiedsrichters geltend. Bauwens hätte das Endspiel nicht während der Pause, sondern erst nach Wiederanpfiff abbrechen dürfen, argumentierte der FCN. Dass der Protest vom Süddeutschen Fußballverband unterstützt wurde und dieser sogar damit drohte, im Falle einer Vergabe des Titels an den HSV aus dem DFB auszutreten, machte die Lage nicht leichter.

Als der DFB, in die Enge getrieben, den Beschluss fasste, keines der beiden Teams zum Meister zu erklären, kam es auf den neuerlichen Protest des HSV hin auf dem Bundestag des nationalen Verbandes im November 1922 zum Showdown - und zu einer salomonischen Lösung: Zwar sprach eine Mehrheit der Verbandsvertreter den Hamburgern den Titel zu, allerdings legte man dem neuen Meister nahe, "freiwillig" auf den Titel zu verzichten, was dieser dann auch tat. Offiziell gab es damit keinen Meister, dennoch wurden auf der Meisterschale, auf der alle Titelträger seit 1903 verewigt sind, sowohl der 1. FC Nürnberg als auch der Hamburger SV eingraviert. Der HSV sollte seine Chance noch bekommen und wurde ein Jahr später Meister. Das Finale gegen Union Oberschöneweide endete 1923 mit 3:0. Regulär. Nach 90 Minuten.