Exakt 5.634 Tage sind vergangen, seit sich der GAK und der SK Sturm das letzte Mal begegnet sind. Damals, im Mai 2007, war das Grazer Derby nur eine Randnotiz. Beide Klubs hatten wenige Monate zuvor Konkurs angemeldet, die Fortbestandsprognosen waren unsicher. Am Ende der Saison stieg der GAK ab, 22 Punkte hatte ihm die Bundesliga wegen Lizenzverstößen abgezogen, Sturm wurde mit zwölf Minuspunkten Siebter. Heute (18 Uhr/ORF 1) treffen die beiden Vereine in der dritten Runde des ÖFB-Cups erstmals seit 15 Jahren wieder aufeinander.

In den vergangenen 5.634 Tagen ist im Grazer Fußball einiges weitergegangen. Sturms Taschen sind nach geglückten Manövern am Transfermarkt prall gefüllt, man ist am besten Weg, sich hinter Red Bull Salzburg als zweiter Klub des Landes zu etablieren. Der GAK stellte gebeutelt von Altlasten 2012 den Spielbetrieb ein, wurde aber wenige Monate später von Fans neu gegründet. Er marschierte zurück in die zweite Liga, in der er heute eine feste Größte ist.

Aufgeheizte Stimmung

Angenähert haben sich die beiden Vereine und ihre Fans in dieser Zeit aber nicht. Die Stimmung vor dem 198. Grazer Derby ist aufgeheizt, die Rivalität treibt seltsame Blüten. Die martialischsten Bilder lieferte mutmaßlich der Anhang des SK Sturm. In der Nacht auf Montag wurde ein rot beschmierter Schweinekadaver von einer Autobahnbrücke bei Graz gehängt, am Geländer fanden sich Sticker mit ähnlich unoriginellen Botschaften. Für den Spieltag haben beide Fanszenen am Nachmittag Märsche zum Stadion in Liebenau angekündigt. Die Polizei hat rund um die Merkur-Arena einen Sicherheitsbereich verordnet, der es ihr erlaubt, Personen auf Verdacht wegzuweisen, wenn sie glaubt, dass von ihnen Gefahr ausgeht.

Die Sicherheitszone beim Stadion soll Frieden stiften. 
- © apa / E. Scheriau

Die Sicherheitszone beim Stadion soll Frieden stiften.

- © apa / E. Scheriau


"Mir ist das Derby nicht abgegangen", sagt Jürgen Pucher. "Es ist alles so inszeniert." Der 44-Jährige betreibt gemeinsam mit zwei anderen Sturm-Fans den Podcast "BlackFM.at" und ist Autor des Buches "111 Gründe, den SK Sturm zu lieben". Pucher erinnert sich gern an die Derbys in den 1990er-Jahren. Anders als heute hatten die Klubs noch ihre eigenen Sportplätze. Der SK Sturm war in der "Gruabn" zuhause, Holzbänke auf den Tribünen, das Spielfeld leicht abgesenkt, der Abstand zu den Zuschauern so gering, dass der Cornerschütze beim Anlauf mit dem Publikum verschmolz. "Damals waren die Fanlager noch nicht so strikt getrennt", sagt Pucher. "Es konnte sein, dass du das ganze Match neben einem GAK-Fan gestanden bist. Dann musstest du den aushalten. Oder er dich."

Heute nutzt der Sportclub Straßenbahn in der achten Leistungsstufe die "Gruabn". Der SK Sturm verkaufte sie 2006 an die Stadt, um die Geldnot zu lindern. Aber sie steht, anders als das Casino-Stadion in der Körösistraße, noch. Die Anlage am Ufer der Mur, auf der Urform im September 1910 das erste Grazer Derby stieg, diente dem GAK bis 1997 als Heimstätte. Georg Dielacher ist in der Körösistraße aufgewachsen, fünf Minuten brauchte er als Kind zu den Heimspielen. 2012 half Dielacher bei der Neugründung des Klubs, heute ist er dort angestellt und Sicherheitsbeauftragter.

Streit um Osim-Platz

"Mir wäre Rapid lieber gewesen", sagt Dielacher auf die Frage, ob er sich auf ein Wiedersehen mit Sturm freut. Zwei Kollegen von anderen Vereinen haben ihm nach der Auslosung Anfang September hämische Nachrichten geschrieben, weil sie wussten, was auf ihn zukommt. Dielachers erste Bewährungsprobe war das Duell um das Heimrecht. Denn seit der Corona-Pandemie - und der gestiegenen Sensibilität für Mindestabstand und Hygiene - fällt es in den ersten drei Runden nicht mehr automatisch dem unterklassigeren Verein zu, sondern nur dann, wenn dieser dem ÖFB ein entsprechendes Sicherheitskonzept vorlegen kann. "Es war ein Kampf", sagt Dielacher. "Der Verband und Sturm haben uns anfänglich ziemlich unter Druck gesetzt."

Der Lokalrivale schlug vor, das Stadion zu teilen und beiden Vereinen Tickets in gleicher Anzahl zur Verfügung zu stellen. "Das ist für uns nie in Frage gekommen", sagt Dielacher. "Da geht es um Ticketerlöse, die für uns wirtschaftlich unverzichtbar sind." Knapp zwei Wochen nach der Auslosung sorgte dann auch noch eine Umbenennung für Missmut zwischen den Vereinen. Der Vorplatz des Liebenauer Stadions, das beide Vereine als Heimstätte nutzen, und das südliche Ende der Conrad-von-Hötzendorf-Straße, die als zentrale Verkehrsachse des Grazer Südens das Stadtzentrum mit der Arena verbindet, sollen künftig den Namen Ivica Osims tragen. Sturms Jahrhunderttrainer verstarb im Mai. Was als posthume Würdigung einer großen Persönlichkeit des österreichischen Fußballs, dessen Horizont nicht an der Outlinie endete, gedacht war, ging bald im Hickhack zwischen den Stadtrivalen unter. Denn die Umbenennung interpretierte der GAK und manche seiner Fans als Provokation. Nicht nur, weil sie künftig vor Heimspielen über den Osim-Platz gehen müssen, sondern weil Bürgermeisterin Elke Kahr die Namensänderung nicht im Rathaus, sondern im Pressefoyer des SK Sturm verkündete. Eine "peinliche Inszenierung im Namen von Osim" nannte Matthias Dielacher, Georgs Bruder und Vorstandssprecher des GAK, die Umbenennung mit dem die "schwarzen Anhängerschaft absurde Besitzansprüche am gemeinsamen Grazer Stadion" markieren will. "Die Pressekonferenz im Stadion war ein Fehler, das Statement von Dielacher ein absolutes Unding", sagt indes Sturm-Fan Pucher. "Manchmal habe ich den Eindruck, Teile der Fanszenen kommen besser zusammen als die Funktionäre."

Zuletzt war das Auskommen zwischen den Vereinen wieder besser. Der GAK hat das Heimrecht und dem SK Sturm knapp 3.400 Karten zur Verfügung gestellt. Die Fans der Schwarzen stehen, wie gewohnt, auf der Nordtribüne. "Es wird eine heiße Partie, etwas nervös bin ich schon", sagt Sicherheitsbeauftragter Dielacher. "Es wird schon alles gut gehen, aber der Rasen wird brennen."

Die Annäherung der beiden Vereine versöhnt Pucher nicht mit dem Derby. "Wir können nur verlieren", sagt er. "Alles außer einem Sieg wäre die Blamage des Jahres." Er muss lange nachdenken, bevor ihm doch noch ein positiver Aspekt des Derbys einfällt. "Die meisten, die heute Kurve stehen, gründen ihr ausgeprägtes Rivalitätsdenken auf Hörensagen und Fernsehbilder. Jetzt sehen sie zumindest einmal ein solches Spiel live auf dem Rasen."