Als die Salzburger Mitte September bei Chelsea antraten, war ganz London nach dem Tod der Queen im Ausnahmezustand; nun sind es die Salzburger, die vor dem Rückspiel gegen die Blues den Verlust einer großen Persönlichkeit, die den Verein fast zwei Dekaden lang geprägt hat, betrauern. Wiewohl die Familie von Red-Bull-Mastermind Didi Mateschitz ersucht hat, von Trauerbekunden in der Champions League Abstand zu nehmen, wird es vor dem Anpfiff am Dienstag (18.45 Uhr/Sky, Dazn) eine "Minute der Dankbarkeit" mit Applaus und Standing Ovations für den großen Mäzen geben. Ein neuerliches Remis wie im Hinspiel (1:1) oder gar ein Sieg gegen den Vorjahres-Titelträger wäre wohl ohnedies mehr nach Mateschitz’ Geschmack als Trauerflor und stille Gedenkminute. Mit einem Punkt(e)gewinn würde jedenfalls der italienische Meister und Aufstiegskonkurrent AC Milan vor dem abschließenden Duell am Allerseelentag im San Siro ordentlich unter Druck gesetzt.

Die Ausgangslage für die Elf von Matthias Jaissle, die in der starken Gruppe E kaum jemand ernsthaft auf der Achtelfinal-Rechnung hatte, ist vor dem vorletzten Spiel durchaus eine angenehme: Als einziges noch ungeschlagenes Team haben die Salzburger sechs Punkte auf dem Konto, Chelsea (7) könnte den Gruppensieg fixieren, für AC Milan und Dinamo Zagreb (je 4) geht es im Parallelspiel am Dienstag (21 Uhr) darum, den Anschluss an das Spitzenduo zu halten. Mit einem Sieg gegen Chelsea würde Salzburg vor dem Finale in Mailand bereits fix international überwintern (zumindest in der Europa League). Bei einem Unentschieden wären die Chancen auf den abermaligen Aufstieg in die K.o.-Phase der Königsklasse mehr als intakt. Wiewohl es jede Mannschaft noch aus eigener Kraft in die Runde der besten 16 Europas schaffen kann.

"Ich werde keine Rechenspiele vorantreiben, bevor nicht alles unter Dach und Fach ist", betonte Jaissle, der am Tag vor dem Match die Devise ausgab: "Wir sind der große Außenseiter. Aber wir wollen Chelsea zuhause ärgern." Beim durchaus verdienten 1:1 an der Stamford Bridge hatte man Neo-Trainer Graham Potter dessen Debüt kräftig versalzen - ein später Treffer von Noah Okafor (75. Minute) ermöglichte den sensationellen Punktgewinn gegen den aktuellen Fünften der Premier League.

"Wir werden extrem leiden"

Jaissle war daher zuversichtlich, "dass wir das wieder schaffen werden" - wiewohl es gegen das Starensemble um Raheem Sterling, Mason Mount und Pierre-Emerick Aubameyang wieder eine Leistung der Extraklasse braucht, um zu reüssieren: "Es wird eine Herausforderung, wir werden extrem leiden." Auch Goalie Philipp Köhn, der in London einige Glanzparaden geliefert hatte, gab sich kämpferisch: "Wir haben im Hinspiel gesehen, dass wir mithalten können. Wir gehen das Spiel an, um es zu gewinnen." Allerdings gibt es in der Mozartstadt diesmal arge Personalsorgen: "Wir müssen auf alle Eventualitäten eingehen und ein paar Pläne schmieden. Da reicht diesmal kein Plan A, B und C. Aber wir jammern nicht, und ich bin trotzdem sehr optimistisch", meinte Jaissle etwas kryptisch. Bei Nicolas Capaldo (Knie) werde es voraussichtlich nicht für einen Einsatz reichen, die Entscheidung bei Kapitän Andreas Ulmer (Adduktoren), Dijon Kameri (Schulter) und Luka Sucic (Oberschenkel) soll erst nach dem Abschlusstraining getroffen werden. Oumar Solet, der bei der Nullnummer im Bundesliga-Spitzenspiel gegen Sturm zur Pause mit Oberschenkelproblemen in der Kabine geblieben war, sollte indes für die Chelsea-Partie fit sein, genauso wie der zuletzt erkrankte Brasilianer Bernardo.

Unter diesen Umständen kommt dem zwölften Mann wieder enorme Bedeutung zu. Die Bullen-Arena in Wals-Siezenheim ist jedenfalls mit knapp 30.000 Zuschauern ausverkauft, die Stimmung wird mit den mühseligen Anfangsjahren der Mateschitz-Red-Bull-Ära nicht zu vergleichen sein. Und seit Dezember 2020 sind die Salzburger auf dem eigenen Rasen zudem unbesiegt. "Wir sind zuhause schwer zu bezwingen. Es spricht Bände, wie lange wir hier ungeschlagen sind", ergänzte Jaissle.