Im Skandal, der für den damaligen Titelverteidiger AC Milan auch das Champions-League-Aus hätte bedeuten können, war er der Hauptprotagonist. Eine gefüllte Wasserflasche aus dem Zuschauerraum hatte SV-Salzburg-Torhüter Otto Konrad am 28. September 1994 im San Siro in Mailand auf den Kopf getroffen. 28 Jahre später traut der einstige Fußball-Held den Salzburgern am Mittwoch (21.00 Uhr/live ServusTV, Sky und DAZN) im Entscheidungsspiel bei Milan eine Überraschung zu.

"Ganz ausschließen würde ich es nicht, dass Salzburg auch in Mailand gewinnen kann - obwohl die Aufgabe eine ganz gewaltige ist", erklärte Konrad, der am Dienstag seinen 58. Geburtstag feiert, im Gespräch mit der APA - Austria Presse Agentur. Red Bull Salzburg sei immer noch ein bisschen eine Wundertüte. "Aber sie haben mehr als eine Feuertaufe bestanden in Hexenkesseln. In die Knie gehen sehe ich sie auswärts nicht, auch wenn es eine junge Mannschaft ist."

Ein Punkt reicht zum Umstieg in die Europa League, bei einem Sieg wäre man auf Kosten der Mailänder im CL-Achtelfinale. An ein Salzburger "Offensivfeuerwerk" ab der ersten Minute glaubt Konrad nicht. "Sie werden kontrollierter vorgehen." Diesbezüglich sei bei den Bullen eine Weiterentwicklung erkennbar. Sie seien defensiv gefestigt. "Früher haben sie super gespielt, aber drei Tore bekommen und verloren. Auf längere Sicht funktioniert das nicht. Jetzt haben sie Spielertypen, die auch einmal ein 0:0 halten können."

"Tormann auf hohem Nivea"

Dazu kommt mit Philipp Köhn ein Torhüter, der nicht nur in der Vorwoche beim 1:2 gegen Chelsea überzeugte. "Der nächste Schritt wäre, ihnen auch ein oder zwei zusätzliche Punkte sichern zu können", meinte Konrad. "Das ist der Anspruch an einen Tormann auf dem Niveau. Mit 24 Jahren darf man das auch verlangen." Dass Milans französischer Starschlussmann Mike Maignan wegen einer Wadenverletzung fehlt und bis zur WM vom 36-jährigen Rumänen Ciprian Tatarusanu ersetzt wird, wollte der Ex-Nationalkeeper nicht überbewerten.

Es habe lange gedauert, bis Red Bull mit dem Schweizer Köhn "einen Tormann selbst herausgebracht und nicht gekauft hat", erinnerte Konrad. Vorgänger wie Peter Gulacsi oder Alexander Walke seien teilweise bereits fertige Spieler gewesen. Alexander Schlager verließ das Schiff noch vor seinem Durchbruch. "Der Fokus scheint mehr auf den Feldspielern zu liegen. Köhn könnte der erste sein, den man auch entsprechend verkaufen kann." Tormann sei aber eine heikle Position, auf der man nicht viel experimentieren könne.

Konrad lobte die Aufbauarbeit im Verein, der sich über Transfererlöse mittlerweile selbst erhält. "Das Fundament ist wirklich hervorragend. Sie haben ein unglaubliches Händchen, da muss man den Hut ziehen. Mit so einem Aufwand muss es aber auch funktionieren." Man dürfe nicht auf die Millionensummen vergessen, die Red Bull in Salzburg schon in den Fußball investiert habe. "Das ist die Basis dafür, dass der Verein jetzt so wirtschaften kann."

"Spieler entwickeln"

Die Identifikation der Fans bleibe in dem Geschäftsmodell allerdings ein wenig auf der Strecke - nicht zuletzt aufgrund der Fluktuation auf dem Personalsektor. "Red Bull geht es in erster Linie darum, Spieler zu entwickeln. Die vielen Zuschauer sind ein positives Abfallprodukt davon", sagte Konrad bewusst provokant. "Andere Vereine leben für die Zuschauer."

Er sei kein Red-Bull-Gegner, betonte der frühere Austria-Salzburg-Mann. Seine Emotionen halten sich allerdings in Grenzen. "Wenn Salzburg gewinnt, ist das für den österreichischen Fußball und den Salzburger Fußball super, aber ich breche nicht in Tränen aus. Als richtiger Fan kann man mehr mitleiden."

So war das etwa Mitte der 90er-Jahre mit den Salzburger Violetten der Fall. Konrad wurde im ersten CL-Auswärtsspiel der Clubgeschichte zum Flaschenwurf-Opfer. Die Punkte des 3:0-Sieges wurden den Mailändern zwar aberkannt, nicht aber die Tore. Eine Strafverifizierung gab es nicht. In der Endabrechnung rettete sich das Starensemble nur aufgrund der besseren Tordifferenz gegenüber Salzburg ins Viertelfinale.

"Einfluss von Milan damals groß

"So ein Urteil wäre heute nicht mehr möglich", meinte Konrad. "Da sieht man, dass der Einfluss von Milan damals sehr, sehr groß war. Ein Aus wäre für sie desaströs gewesen." Von Milan-Chef Silvio Berlusconi, damals italienischer Ministerpräsident, abwärts sei ihm Schauspielerei vorgeworfen worden. "Was man mir alles in die Schuhe schieben wollte, war schon hart." Groll würde er deswegen aber keinen hegen. "Historiker würden sagen: Das war im vergangenen Jahrtausend."

Die Kopfverletzung erlitt Konrad unmittelbar nach dem 1:0 in der 40. Minute. Er rettete sich in die Pause, versuchte weiterzuspielen. "Ein 0:1 war in unserer damaligen Phase aufholbar." In der 60. Minute war Schluss, die Beeinträchtigungen waren zu groß - es ging ins Krankenhaus. Mit dem für ihn eingewechselten Herbert Ilsanker, seit der Red-Bull-Übernahme 2005 durchgehend Salzburgs Tormanntrainer, hat Konrad laut eigenen Angaben keinen Kontakt mehr. "So lange dabei zu sein, ist aber außergewöhnlich hoch drei."

Konrad war selbst als Tormanntrainer tätig - zuletzt 2013 beim ÖFB-Team unter Marcel Koller. Beruflich ist er aber längst im Projekt- und Prozessmanagement heimisch geworden. "Das ist meine Welt", betonte der einstige Salzburger Landtagsabgeordnete des Team Stronach. Für weitere Engagements im Profi-Fußball sei er möglicherweise zu sehr Familienmensch. Öffentlich trat der gebürtige Steirer zuletzt im Vorjahr in der ORF-Sendung "Dancing Stars" in Erscheinung. (apa)