Rudolf Novotny ist umgeben von Stars. Als er am 29. Mai 1988 die Gründung der österreichischen Fußballergewerkschaft verkündet, sitzt rechts von ihm Herbert Prohaska, links haben Thomas Pfeiler und Heribert Weber Platz genommen. Novotny ist im Gegensatz zu ihnen nie ein Fußballer gewesen. Aber er hat sich in seiner Dissertation mit den wirtschaftlichen Bedingungen des Fußballs auseinandergesetzt und dessen mangelnde Professionalisierung festgestellt. Novotny wird erster Sekretär der Gewerkschaft, die als Fachgruppe Fußball im ÖGB gegründet wird.

Die Interessensvertretung, die seit 1997 "Vereinigung der Fußballer" (VdF) heißt, ist eine Erfolgsgeschichte. Novotny klärte die Spieler über die Probleme von Schwarzgeldzahlungen auf und bot Rat, wenn das Gehalt einmal ganz ausblieb - in den 1990er Jahre keine Seltenheit. Anfang des neuen Jahrtausends wurden auch auf Betreiben der Spielergewerkschaft die Lizenzkriterien der Liga verschärft, 2008 wurde ein Kollektivvertrag für die Profis eingeführt. Heute hat die VdF 1.200 Mitglieder, 300 davon spielen in den höchsten beiden Ligen Österreichs, für die der Kollektivvertrag gilt. Der Rest sind Legionäre oder Trainer, die aus alter Verbundenheit geblieben sind, oder Amateure, denen die Gewerkschaft, so gut es geht, hilft.

Streit um den Bruno

Seit Dienstag ist die Zukunft der VdF völlig offen. In einer knappen Aussendung schrieb die Spielergewerkschaft, dass man sich nach 35 Jahren vom ÖGB lösen und die Interessensvertretung auf eigenen Beinen stellen möchte. Die Gründe für diesen Schritt spart die Mitteilung aus. Im Gespräch zeigen sich die Funktionäre der VdF auskunftsfreudiger.

Eskaliert wäre die Situation rund um ein mögliches Sponsoring durch den Mobilfunkanbieter spusu. Das Unternehmen, das auch den SK Rapid sponsert, hätte die Bruno-Gala finanziert. Bisher übernahm die younion, die Teilgewerkschaft, deren Mitglied die VdF ist, diese Rolle. "Mit dem Sponsoring wäre es der younion nicht mehr so teuer gekommen, aber sie wäre nicht mehr so wichtig gewesen", sagt Gernot Zirngast, Vorsitzender der VdF. "Sie wollten verhindern, dass wir selbständig werden." Die Gala, bei der die Fußballerinnen und Fußballer des Jahres gekürt werden, ist die wichtigste Preisverleihung im österreichischen Fußball. Als die younion im September die Zustimmung zum Sponsoringdeal, der ab nächstes Jahr gelten hätte sollen, verweigerte, begannen sich in der VdF die Kräfte für eine Loslösung zu formieren. "Es wäre Irrsinn gewesen, uns so viel Geld durch die Finger gehen zu lassen", sagt Zirngast. Es wäre dabei um circa eine Million Euro über die kommenden fünf Jahre gegangen.

Doch die Auseinandersetzung um den Bruno war nur der Höhepunkt, die Beziehung zwischen VdF und Teilgewerkschaft hatte sich in den vergangenen Jahren beständig verschlechtert:. Die Eigenständigkeit der VdF, sagt Zirngast, sei wo es nur geht eingeschränkt worden: weniger Dienstreisen, weniger Budget, keine autonomen Personalentscheidungen mehr.

Die Gründe dafür sind schwer zu eruieren: Einerseits kam den Fußballern im ÖGB immer eine Außenseiterrolle zu. Sie vertreten eine kleine Branche, deklarierten sich nie politisch. Während der Corona-Pandemie hatten sie abweichende Interessen: Den Lockdowns zum Trotz wollten die Kicker weiterspielen. "Du kannst einen Kicker nicht ein halbes Jahr stehen lassen", sagt Gründer Novotny. "Das ist Selbstmord für die Karriere." Mit dieser Einschätzung stand die VdF im ÖGB relativ alleine da, auch die younion vertrat die Ansicht, den Lockdown konsequent durchzuziehen, um die Gesundheit der Arbeitskräfte zu gewährleisten.

Diese Alleinstellungsmerkmale der VdF sind nicht neu. Ein zweiter, möglicher Grund für die Eskalation des Konflikts liegt in der Pensionierung von Novotny vor drei Jahren. "Vielleicht hat die younion sich nicht getraut, mit mir zu streiten, weil ich das so lange gemacht habe", sagt Novotny. "Aber seit ich weg bin, machen sie es den Kollegen schwer."

VdF kann auch ohne ÖGB

Die younion möchte auf die Vorwürfe nicht konkret eingehen. Man wolle kein Öl ins Feuer gießen und hoffe, die VdF davon überzeugen zu können, den ÖGB doch nicht zu verlassen. "Wir sind als Gewerkschaft dafür bekannt, den Verhandlungstisch nicht so einfach zu verlassen", sagt Thomas Kattnig, der im Bundesvorstand der younion sitzt und für den Fachbereich Fußball zuständig ist. "Aber der VdF muss klar sein, dass für sie Regeln gelten, die für andere Teilorganisationen auch gelten."

Die VdF klingt hingegen entschlossen, die Loslösung durchzuziehen. Mit der Unterstützung von spusu könnte man in Zukunft auch ohne den ÖGB die Gewerkschaftsarbeit weiterführen, auch für Kollektivvertragsverhandlungen braucht man nicht zwingend den ÖGB. Die 300 Profis, die Mitglieder sind, würden den Alleingang unterstützen. Auch Legionäre wie David Alaba und Christopher Trimmel wären bei einer eigenständigen Organisation dabei, sagt Zirngast. "Wir könnten uns dann endlich wieder voll auf unsere Arbeit konzentrieren", sagt er. "Wir sind dem ÖGB dankbar, aber es ist Zeit, diesen Schritt zu machen."