Das deutsche Fußball-Nationalteam und seine WM-Historie ist eine ganz eigene Geschichte. Keine Mannschaft stand häufiger im WM-Finale, auch Rekordweltmeister Brasilien nicht. Allerdings hat auch keine Auswahl so oft ein Endspiel verloren wie die DFB-Truppe. Je vier Mal gab es Gold, Silber und Bronze. Kein Wunder also, dass Schwarz-Rot-Gold formunabhängig immer im Favoritenkreis auftaucht. Das gilt auch in Katar für die Elf von Hansi Flick bei dessen WM-Premiere als Teamchef.

Seit 1954 hat Deutschland an allen WM-Endrunden teilgenommen. Der letzte von bisher vier Titeln gelang 2014 in Brasilien, danach verlosch allerdings die Magie von DFB-Cheftrainer Jogi Löw: Vier Jahre später scheiterte "die Mannschaft" erstmals in der Vorrunde mit Niederlagen gegen Mexiko und Südkorea. Nach dem EM-Achtelfinal-Aus 2021 gegen England übernahm Ex-Bayern-München-Coach Flick. Und der erwischte einen guten Start als Bundestrainer mit acht Siegen in Folge.

Weltklasse geht anders

Doch im WM-Jahr ist das DFB-Team noch nicht so richtig auf Touren gekommen. In der Nations League gelang Joshua Kimmich, Ilkay Gündogan und Co. nur ein Sieg bei vier Remis und einer Niederlage, was Rang drei hinter Italien und Ungarn sowie vor England bedeutete. Weltklasse geht anders, wenn man da zu den südamerikanischen Konkurrenten Brasilien und Argentinien schaut. Und dennoch reihen die Wettanbieter Deutschland in die Top sechs der Titelanwärter in Katar ein, noch vor den spielstarken Portugiesen oder Belgiern.

"Wir wollen Weltmeister werden", haben Flick und Kapitän Manuel Neuer, der wohl seine letzte WM bestreitet, im Vorfeld der Endrunde am Persischen Golf bereits mehrfach betont. Wie realistisch das Vorhaben ist, wird die Vorrunde zeigen. Zum Auftakt wartet am 23. November Japan mit gleich acht Bundesliga-Legionären. Vier Tage später steht der Schlager gegen Spanien auf dem Spielplan, bevor am 1. Dezember das abschließende Gruppenspiel gegen Costa Rica stattfindet. Speziell das Match gegen Mitfavorit Spanien taugt als Standortbestimmung.

Baustellen hat Flick einige, zu allererst das Angriffszentrum. Über einen echten Neuner verfügt Deutschland schon länger nicht mehr, der Ausfall von Timo Werner macht die Lage nicht besser. Kai Havertz, Thomas Müller, Serge Gnabry oder Leroy Sane sind allesamt keine klassischen Mittelstürmer. Hinzukommt, dass Müller - immerhin zehnfacher WM-Torschütze - derzeit nicht richtig fit ist und für Bayern München vor der WM nicht mehr auflaufen wird.

Daher wird in Deutschland die Nominierung des Bremers Niclas Füllkrug gefordert, der mit zehn Treffern derzeit Zweiter der deutschen Liga-Torschützenliste ist. Doch ob ein 29-Jähriger ohne A-Länderspielerfahrung den DFB zum fünften WM-Titel schießen kann? "Er würde unser Angriffsspiel variabler machen", erklärte Flick im Magazin "Stern". Weitere Kandidaten sind der bei Eintracht Frankfurt unter Trainer Oliver Glasner wieder zur Topform aufgelaufene WM-Held von 2014, Mario Götze, sowie Dortmunds 17-jähriges Offensivtalent Youssoufa Moukoko. Flick muss sich bis Donnerstag entscheiden, wen er mitnimmt.

Fraglich ist auch, ob die Abwehr um Antonio Rüdiger, Niklas Süle und Nico Schlotterbeck auf Augenhöhe mit den besten Angriffsreihen der WM ist. In der Nations League wirkte der Defensivverbund nicht immer sattelfest, wie neun Gegentreffer in sechs Spielen dokumentieren. In jeder Partie gab es zumindest ein Gegentor.

Die Hoffnungen ruhen daher auf der mit Kimmich und Gündogan stark besetzten Mittelfeld-Zentrale, auf den schnellen, trickreichen Flügeln (Gnabry, Sane) sowie auf dem erst 19-jährigen Jamal Musiala, der in Katar seinen internationalen Durchbruch feiern könnte. Letzterer zeigte sich jedenfalls im "Kicker"-Interview sehr optimistisch: "Wir gehen mit dem Mindset ins Turnier, den Pokal holen zu können", so Musiala. "Ich denke, wir haben eine richtig gute Mannschaft, mit der wir richtig weit kommen können. Die Qualität ist vorhanden, um ein guter Anwärter auf den Titel zu sein." (apa/dpa)