Das Weihnachtsgeschäft brummt, zumindest jenes der Wettanbieter. Sie profitieren von der anstehenden WM in Katar. Die Einsätze im Zusammenhang mit Großereignissen sind stets besonders hoch, die Kritik am Ausrichterland und der ungewöhnliche Termin dürften daran nur wenig ändern. In Österreich verzeichnet die Branche im Vorfeld des Turniers, das am Sonntag beginnt, bereits reges Interesse, aufgrund des fehlenden ÖFB-Teams ist aber keine Umsatzexplosion zu erwarten.

"Es ist es ein starkes Geschäft, aber kein boomendes", sagte Philip Newald, Geschäftsführer von tipp3. "Mit Österreich wäre es noch einmal etwas anderes gewesen." Der Wintertermin und die sehr kurze Pause vor Turnierbeginn führen aber auch hierzulande dazu, dass das vor Großevents übliche Loch wegfalle. "Wir gehen davon aus, dass das Niveau von Anfang höher ist als sonst. Normalerweise brauchen die Kunden etwas Zeit, um in der WM anzukommen, einen Überblick über Stärken und Schwächen zu haben und ihre Wetten zielsicher zu platzieren."

Üblicherweise mache sich eine WM im Jahresumsatz wie ein zusätzlicher Monat bemerkbar. Dazu tragen auch die vielen Kunden bei, die ausschließlich auf Großevents setzen. "Es gibt eine Klientel, die wettet nur bei Großereignissen, in der WM-Quali oder beim Champions-League-Finale", sagt der Chef der heimischen Nummer zwei am Wettenmarkt hinter Admiral im Gespräch mit der Austria-Presse-Agentur. Wie groß der Wirtschaftszweig ist, belegen Zahlen der Fifa: Der Fußballweltverband schätzt, dass auf die WM 2018 in Russland 136 Milliarden Euro gesetzt wurden, alleine 7,2 Milliarden auf das Finale zwischen Frankreich und Kroatien. Der Finaleinzug der Kroaten war eine Sensation, ihre Spiele waren jene, die durchschnittlich am meisten Wettvolumen aufwiesen.

tipp3 unterstützt NGO

Außergewöhnlich hoch sei auch in diesem Jahr der Anteil an Kunden, die auf Überraschungen tippe, sagt Newald, Wetten auf einen Außenseiter-Weltmeister wie Dänemark würden extrem oft gespielt.

Die WM-Favoriten sind freilich auch für seine Buchmacher die üblichen Verdächtigen wie Brasilien, Argentinien und Frankreich. "Aus Sicht unserer Buchmacher wird sich das Team durchsetzen, das das beste Mannschaftsgefüge findet, weil das Turnier in einer eigenartigen Umgebung stattfindet." Der englische Branchengigant bet365 gibt den Brasilianern die besten Chancen, das Turnier zu gewinnen, Frankreich wurde zuletzt von Argentinien als zweitgrößter Favorit überholt.

Im Vorfeld dieser WM waren die Debatten aber nicht bloß sportlich, im Vordergrund stand zuletzt die politische Dimension des Bewerbs im Emirat. Die Kritik am autokratischen Regime, dessen sexistische und homophobe Ausrichtung und den lebensgefährlichen Zuständen auf den Baustellen des Landes gingen an den Wettanbietern nicht spurlos vorbei. Auch Newald hat sich mit seiner Belegschaft und im Austausch mit den Vertriebspartnern intensiv damit beschäftigen müssen. "Diese WM ist sicher die herausforderndste, die wir je hatten", sagt Newald und gibt zu, die Emotionalität des Themas ein wenig unterschätzt zu haben. Trotz der gerechtfertigten Kritik müsse das Unternehmen nun aber seine Arbeit leisten. Als Buchmacher solle man außerdem nicht unbedingt den moralischen Zeigefinger heben, sagt Newald.

Dennoch habe das Unternehmen einen "authentischen Weg" gefunden, auf die Kritik einzugehen. Tipp3 wird mit einem Teil des Jahresertrages "Fairplay" unterstützen. Die Organisation setzt sich seit 25 Jahren gegen Diskriminierung im Fußball ein. Die Partnerschaft mit der NGO läuft seit beinahe fünfzehn Jahren, eine mittlere vierstellige Summe stellt ihr tipp3 schon jetzt jedes Jahr zur Verfügung. Sie werde sich im Zusammenhang mit der WM "merklich erhöhen", wie Newald der "Wiener Zeitung" sagt, genaue Zahlen könne er aber noch nicht nennen.

Er hofft, dass man nach Katar wieder zum Normalbetrieb zurückfindet. "Diese WM ist ein spannendes Thema, aber wir sind froh, wenn der Fußball dann wieder dahin zurückkehrt, wo er einmal war." Er rechnet trotz allem mit hohen Einschaltquoten und hofft ungeachtet der besonderen Umstände auf eine gelungene WM. Auch was das eigene Geschäft betrifft. "Wir sind guter Dinge, dass es einen guten Mix für alle Beteiligten gibt."

Osten tippt gegen Deutschland

Reich werden, das will zumindest der Großteil seiner Kunden mit den Wetteinsätzen beim Turnier nicht, sagt Newald. Es gehe stattdessen um das emotionale Erlebnis. Das zeige auch der durchschnittliche Wetteinsatz von 15 Euro. Insgesamt werde vor dem Turnier auf Mannschaften gewettet, denen man Erfolg wünsche, im späteren Verlauf spiele dann die Turnierdynamik eine große Rolle. Besonders polarisierend ist für viele Menschen in Österreich das Abschneiden der deutschen Mannschaft. Hierbei zeigt sich ein starkes West-Ost-Gefälle. "In den westlichen Bundesländern gibt es sehr viele, die sagen, dass Deutschland mindestens in Halbfinale kommt, im Osten glauben 80 Prozent, dass sie frühzeitig ausscheiden."(mab/apa)