Es gab da diesen einen Moment in der Karriere von Lionel Messi, in dem das Schicksal sich nicht fügte, das Pendel gegen ihn ausschlug, die Münze auf die falsche Seite fiel. Wo statt des magischen Moments, der dem genialen Kicker wie vorhergesagt schien, um dieses allerwichtigste Spiel zu entscheiden, ein Fehlschuss passierte, der nicht hätte passieren sollen. Wir befinden uns in Minute 47 des WM-Finales 2014 zwischen Argentinien und Deutschland - Messi kommt halblinks im Strafraum an den Ball, hat nur mehr Goalie Manuel Neuer vor sich. Ein Messi in Hochform, ein Messi zu seinen allerbesten Zeiten hätte diese Großchance mit Leichtigkeit und Präzision versenkt, hätte Argentinien erstmals seit Maradonas Genieblitzen 1986 wieder zum WM-Titel geführt. Doch "La Pulga" zieht das Leder gut zehn Zentimeter am langen Eck vorbei. Aus der Traum - denn am Ende holen die Deutschen im Maracana den WM-Pokal.

Nie wieder sollte Messi so nah der absoluten Krönung seiner Fußballer-Laufbahn kommen. Denn vier Jahre später war in Russland bereits im Achtelfinale (beim legendären 3:4 gegen den späteren Weltmeister Frankreich) Endstation; 2006 in Deutschland (als Wechselspieler) und 2010 in Südafrika scheiterte die Albiceleste jeweils im Viertelfinale an Deutschland. Nun, im hohen Fußballalter, gibt es für den 35-jährigen Mann aus Rosario daher die allerletzte Chance auf den Titel - womit er etwas mit seinem ewigen Rivalen Cristiano Ronaldo gemeinsam hat, der 37-jährig in Katar ebenfalls sein fünftes und letztes WM-Turnier bestreitet. Beiden droht damit so etwas wie ein Johan-Cruyff-Schicksal: eine Fußball-Epoche prägend und doch unvollendet zu bleiben.

Auch Cristiano Ronaldo ist mit Portugal noch ohne WM-Titel. 2018 scheiterte er am selben Tag wie Messi (Achtelfinal-Aus gegen Uruguay). Foto: afp / Kudryavtsev 
- © afp / Kudryavtsev

Auch Cristiano Ronaldo ist mit Portugal noch ohne WM-Titel. 2018 scheiterte er am selben Tag wie Messi (Achtelfinal-Aus gegen Uruguay). Foto: afp / Kudryavtsev

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Zumindest die erste Hürde am Dienstag (11 Uhr/ORF 1) mit Saudi-Arabien sollte für Messi und den amtierenden Südamerikameister kein Problem darstellen (die weiteren C-Gegner Polen und Mexiko auch nicht). Der Copa-Titel im Vorjahr war auch der erste Messis im blau-weiß-gestreiften Dress, womit die komplizierte Liaison zum Nationalteam (zwischenzeitlicher Rücktritt inklusive) doch noch zum Erfolg führte - ob es noch Liebe wird, wird wohl die Wüsten-WM zeigen.

Anders als früher weiß Messi diesmal ein starkes Kollektiv hinter sich, das seit bereits 36 Partien ungeschlagen ist: "Wir sind in guter Form, aber wir dürfen nicht dem Wahnsinn der Leute verfallen und glauben, dass wir Weltmeister werden", erklärte der PSG-Star dämpfend im Vorfeld.

Portugiesen mit Star-Riege

Während Messi bei Paris voll im Saft steht, ist es bei seinem portugiesischen Pendant genau umgekehrt: Ronaldo ist bei Manchester United zum Reservisten degradiert worden, was entsprechend launige Interview zur Folge hatte. Sein Ego ist aber nach wie vor übergroß: "Es ist noch ein bisschen mehr von Cristiano übrig. Ich bin Teil eines jungen Teams, will bei der WM, aber auch bei der EM dabei sein", stellte CR7 klar. "Ich bin sehr optimistisch. Wir haben einen fantastischen Trainer, wir haben eine gute Generation von Fußballspielern."

Tatsächlich muss man auch den Europameister von 2016, der sich erst via Play-off für Katar qualifiziert hat, auf der Rechnung haben - bei weiteren Topstars wie Bernardo Silva, Ruben Dias, Joao Cancelo (alle ManCity), Bruno Fernandes (ManUnited), Rafael Leao (AC Milan) und Joao Felix (Atletico). Welche tragende Rolle Ronaldo, 19-jährig WM-Vierter 2006, in diesem Ensemble einnehmen wird, wird man erstmals am Donnerstag (14 Uhr) gegen Ghana sehen - in Gruppe H warten noch Uruguay und Südkorea.

Übrigens: Kommen die beiden Superstars als Gruppensieger weiter, käme es erst im Endspiel am 18. Dezember zum Aufeinandertreffen der Alpha-Kicker. Die Fußball-Götter müssten verrückt sein, wenn sie das zuließen: Einer erfährt die Apotheose, der andere die ballestrische Verdammnis.

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