Aus dem Stand einen katarischen Nationalspieler zu nennen, ist wohl etwas für Millionenshow-Junkies. Selbst mit halbwegs bekannten Ex-Profis ist das nicht so einfach, wenn diese nicht gerade mit schwulenfeindlichen Aussagen im deutschen TV von sich reden machen. Dass der WM-Gastgeber bis heute ein weißer Fleck auf der Fußball-Weltkarte geblieben ist, mag zunächst daran liegen, dass kaum ein Katarer je in einem internationalen Klub außerhalb der Arabischen Halbinsel Fuß fassen konnte. Und selbst diejenigen, die das - wenn oft nur in Leihe - geschafft haben, landeten nicht bei Bayern München oder Juventus, sondern bei kleineren Klubs wie KAS Eupen, Sporting Gijon oder, nun, dem LASK. In Linz mag man sich noch an Almoez Abdulla, der für den damaligen Noch-Zweitligisten in der Saison 2015/16 - unter einem gewissen Oliver Glasner - ein Tor beisteuerte, erinnern. Im Rest des Landes schaut es anders aus.

Ein weiterer Grund dafür, warum es katarische Profis am Transfermarkt nicht so leicht haben, ist wohl in den Strukturen des katarischen Fußballs, dessen Liga international kaum bekannt ist, zu suchen. Dabei ist der Sport im Öl-Emirat schon lange fix verankert. Eingeführt wurde der Fußball von den Briten, die Katar bis zur Unabhängigkeit 1971 als Kolonie 100 Jahre lang beherrscht hatten. Unter ihrer Aufsicht wurden die ersten Fußballvereine gegründet. Zu den ältesten und traditionsreichsten zählt der Al Duhail Sports Club, der 1938 ins Leben gerufen wurde und derzeit vom ehemaligen Premierminister Abdullah Al Thani als Präsident geführt wird. Der Thani-Clan, dem auch der regierende Emir, Tamim bin Hamad Al Thani, angehört, ist überhaupt der Player im nationalen Fußball. Neun der zwölf Klub-Präsidentensessel in der obersten Spielklasse des Landes sind aktuell für Familienangehörige reserviert.

Die Qatar Stars League, die aufgrund der Heim-WM bis zum 23. Dezember pausiert, wurde bereits vor bald 60 Jahren, 1963, gegründet. Amtierender Meister und Sieger des Emir-of-Qatar-Cups ist der Hauptstadtverein Al Sadd SC, ihm steht mit Mohammed bin Hamad Al Thani der Bruder des Emirs als Präsident vor. Gemessen am Prestige und den verfügbaren Geldmitteln nimmt Al Sadd jene Rolle ein, die in Österreich derzeit Red Bull Salzburg zukommt. Entsprechend hoch ist daher auch die Dichte an Al-Sadd-Spielern in Katars Nationalmannschaft, die im WM-Eröffnungsspiel am Sonntag (17 Uhr/MEZ) auf Ecuador trifft.

Legionäre überall

Hervorzuheben ist hier der nationale Rekordspieler und -torschütze Hassan Al-Haydos, der als Aktiver bisher in 463 Pflichtspielen (für Al Sadd und die Nationalelf) 128 Mal getroffen hat. Als bester Nationalspieler gilt aber Linksaußen-Stürmer Akram Afif, der seit 2018 für den Meister kickt und in 46 Spielen 41 Treffer beigesteuert hat. Auch der Raum zwischen den Pfosten gehört mit dem 32-jährigen Kapitän Saad Al Sheeb einem Al-Sadd-Mann. Tatsächlich übt der Verein auch international eine gewisse Attraktivität aus, wie etwa die Verpflichtung einiger bekannter spanischer Stars wie Raul oder Xavi, der zwischen 2019 und 2021 sogar zum Trainer gemacht wurde, zeigt. Dabei ist Al Sadd nicht der einzige Klub, der mit dicken Dollarnoten lockt. So kickte beispielsweise zwischen 2003 und 2005 ein gewisser Pep Guardiola beim Al Ahli SC in Doha.

Es überrascht nicht, dass die Dichte an Legionären in den katarischen Ligen hoch ist. Zu den am häufigsten vertretenen Nationen zählen etwa Argentinien, Brasilien, Nigeria, Frankreich und Ägypten. International besetzt sind im Übrigen auch die Trainerposten. So wird der Verein Al Ahil Doha vom Montenegriner Nebojsa Jovovic, Al Duhail von Riu Faria (Por) oder Umm-Salal von Gerrard Gili (Fra) gecoacht. Selbst ein Österreicher trug sich einmal in die Trainerliste der katarischen Liga ein: Josef Hickersberger. Der frühere ÖFB-Teamchef stand während der Saison 2001/02 beim Al Gharafa SC, der damals noch unter dem Klubnamen Al Ittihad firmierte, unter Vertrag.

Asienmeister 2019

Fest in den Händen internationaler Trainer ist auch die katarische Nationalmannschaft, die derzeit von einem Spanier, Felix Sanchez, gecoacht wird. Unter seiner Ägide feierten die Weinroten, wie das Team genannt wird, seit 2017 einige beachtliche Erfolge. Zu den größten Triumphen zählt der sensationelle Gewinn der Asienmeisterschaft 2019 in den Vereinigten Arabischen Emiraten, als man die Favoriten aus Japan in Abu Dhabi mit 3:1 bezwang. Zuvor hatte man beim Kontinentalbewerb nur zwei Mal - 2000 und 2011 - das Viertelfinale erreicht. Im Vorjahr stieß man im nord- und mittelamerikanischen Gold Cup als Gastmannschaft immerhin bis ins Halbfinale vor. Dass Katar heuer erstmals bei einer WM dabei ist, liegt freilich in seiner, wenn auch umstrittenen Rolle als Gastgeber begründet. Das Team teilt sich die Gruppe A mit Ecuador, den Niederlanden und dem Senegal.

Erst im Jahr 1971 ins Leben gerufen, zählt die katarische Nationalmannschaft zu den jüngeren nationalen Auswahlen der Welt. Das erste Länderspiel - noch unter britischer Herrschaft - fand bereits am 27. März 1970 gegen den Nachbarn Bahrain statt, dem man aber 1:2 unterlag. 1979 feierte die Equipe mit einem 15:0 gegen den Himalaya-Kleinstaat Bhutan ihren höchsten Sieg. Gegen eine ÖFB-Elf hat man noch nicht gespielt. Dabei wäre der Ausgang wohl ziemlich ungewiss. Katar mag ein kleines Land sein, es liegt aber in der Fifa-Weltrangliste auf dem 50. Platz. Nur zum Vergleich: Andorra, gegen das sich die Österreicher zu einem 1:0 mühten, belegt Rang 151. Überraschungen sind bei dieser WM also nicht ausgeschlossen. Möglich auch, dass den Fans der Name des einen oder anderen katarischen Spielers nach Turnierschluss flüssiger von den Lippen gehen wird, als dies aktuell der Fall ist.